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Islamischer Staat in Palmyra : Warum uns die Zerstörung alter Tempel erschüttert

Screenshot eines Videos des IS aus Mossul Bild: dpa

Der Islamische Staat ermordet, vergewaltigt und versklavt Menschen. Trotzdem haben wir noch Entsetzen übrig für die von den Extremisten zerstörten Kulturdenkmäler. Wieso berührt uns das überhaupt? Ein Erklärungsversuch.

          Ach, der sogenannte Islamische Staat hat Palmyra erobert - und jetzt sitzen wir wieder an unseren Bildschirmen und Displays und fürchten uns vor den Bildern, in welchen scheinbar wildgewordene Bärtige auf Statuen und Reliefs einschlagen, Säulen sprengen, Kunstwerke vernichten in ihrer Wut, die wir nicht verstehen können, weil doch die Statuen und die Säulen den Männern nichts Böses getan haben.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und zugleich packt uns etwas, was man wohl das schlechte Gewissen nennen muss: weil uns, anscheinend, der Verlust einer Statue heftiger schockiert als der Verlust eines Menschenlebens. Dass die Kämpfer des Islamischen Staats, wo immer sie einrücken, Männer enthaupten, Frauen vergewaltigen und Kinder versklaven, daran, so scheint es, haben wir uns gewöhnt.

          Vielleicht ist es aber nur so, dass uns das eine verständlicher als das andere ist. Dass Menschen andere Menschen als ihre Feinde betrachten, dass sie diese Feinde bekämpfen und töten, wenn sie den Kampf gewonnen haben: Das empfinden wir als barbarisch, grausam, falsch. Aber, so lehrt es uns die Geschichte, es kommt eben immer wieder vor, es ist fast jeder Krieg auch die Entgrenzung des Kriegers, jeder Kampf die Entmenschlichung der Kämpfer - und wer diese Grausamkeiten bekämpfen will, muss die Ursachen eines solchen Krieges beseitigen.

          Wessen Götter sind das?

          Was soll aber die Gewalt gegen Götter, an die keiner mehr glaubt? Was soll der Vandalismus gegen Heiligtümer von Religionen, die versunken und vergangen sind? Damals, als die Babylonier die schöne Stadt Ninive zerstörten, damals, als die Römer das blühende Palmyra schleiften: da ging es darum, einen Feind zu demütigen und dessen Göttern den Respekt zu verweigern. Wessen Hauptstadt ist aber Palmyra heute? Wessen Götter sind heute die Götter Assyriens? Hat der Gott des Islamischen Staats es wirklich nötig, dem Baal zu zeigen, dass er nur ein Götzenbild ist? Es gibt doch niemanden mehr, der in Baals Tempel geht, um dort ein Opfer zu bringen?

          Die Antwort läuft vermutlich darauf hinaus, dass uns hier, im säkularen Westen, nicht die Götter, aber die Steine und die Standbilder heilig sind. Früher glaubten wir, dass ein Gott uns erschaffen habe, und bauten ihm Häuser, in denen wir ihn verehrten. Heute tendieren wir dazu anzunehmen, dass der Mensch sich selbst erschaffen habe, und brauchen sichtbare Herkunftslinien, um uns klarzuwerden, wer wir sind. Es geht um Genealogien des Geistes und der Kultur, nicht der Körper, es mag schon sein, dass man, als Bewohner der westlichen Welt, eher von Leuten abstammt, die damals, als Ninive erbaut wurde, in hölzernen Hütten froren. Aber im Angesicht einer antiken Statue glauben wir, als kulturelle Wesen, beides zu erfahren: Woher wir kommen. Und was wir überwunden haben.

          Das ist aber, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht, in den Augen der IS-Kämpfer, der Aberglaube, gegen welchen der Zorn und die Zerstörungswut sich richten. Baal ist egal, das Ziel der Wut sind Menschen, die in Baals Tempel das Werk der Menschen sehen und denen die Geschichte der Menschen heilig ist. Der grausame Kampf gegen Schiiten oder Jesiden richtet sich vor allem gegen diese. Der Kampf gegen Ruinen richtet sich gegen uns. Man muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn man davon erschüttert ist. An die Morde dürfen wir uns trotzdem nicht gewöhnen.

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