05.10.2001 · Der islamische Fundamentalismus begründet sich in der gemeinsamen Geschichte von Abend- und Morgenland.
Von Christian KreutzerWestliche und islamische Zivilisation scheinen sich zu widersprechen und abzustoßen. Dennoch müssen sich beide seit der Geburt des Islam im siebten Jahrhundert miteinander befassen. Die Entstehung des islamischen Fundamentalismus in seiner heutigen Form hat mit dieser Auseinandersetzung direkt zu tun.
Auch der Islam hat sich seit seiner Entstehung immer wieder gewandelt. Bereits im Mittelalter gab es daher die ersten Bestrebungen, die „reine Lehre“ der frühen Jahre wiederzubeleben. Die Motivation „rückwärtsgewandter Erneuerer“ war damals jedoch eher theologischer und weniger gesellschaftlicher Natur. So wollte der berühmte syrische Religionsgelehrte Ibn Taimiya (gestorben 1328), vor allem die Verknöcherung der islamischen Rechtsprechung verhindern, die seit der Jahrtausendwende in allzu starre Bahnen gelenkt worden war.
Das Vorbild der Gründerväter
Vorbild seiner Bestrebungen waren, wie auch bei den heutigen Fundamentalisten, die „Salaf“, die Vorväter, weshalb man die Bewegung oft als „Salafiya“ bezeichnet hat. Gemeint waren damit die Zeitgenossen des Propheten und der vier ersten „rechtgeleiteten“ Kalifen, die ihre Unterweisungen noch von Mohammed selbst erhalten hatten.
Der islamische Fundamentalismus, wie wir ihn heute erleben, hat dagegen andere Wurzeln. Die bekannteste Interpretation lieferte vor einem Jahrzehnt der bekannte Chicagoer Sozialwissenschaftler Martin Riesebrodt. Er schildert das Entstehen des Fundamentalismus als „patriarchalische Protestbewegung“, wobei er ebenso den protestantischen Fundamentalismus in den USA, wie auch den hinduistischen Fundamentalismus in seine Untersuchungen mit einbezog.
Wenn nichts mehr so ist, wie es war...
Seiner Einschätzung nach neigen vor allem die Menschen dazu, sich in übertriebener Weise auf die Fundamente ihrer Kultur zurückzuziehen, die durch die Modernisierung ihrer Lebenswelt den Verlust von Selbstvertrauen oder familiärer Ordnung erleiden (so zum Beispiel wenn ein arabisches Familienoberhaupt sich damit abfinden soll, dass seine Frau oder die Töchter außer Haus arbeiten). Die zweite und mit Sicherheit zahlreichere Gruppe im Bannkreis des Fundamentalismus sind Studenten oder andere gut qualifizierte Jugendliche, die aufgrund korrupter Strukturen am rechtmäßigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg gehindert werden.
Immer geht der Hinwendung zum Fundamentalismus die Frage voraus: „Was ist falsch gelaufen? Warum nimmt die islamische Kultur, die die größte und reinste aller Weltreligionen zur Grundlage hat, nicht den Platz in der Welt ein, der ihr von Anbeginn an zukommt?“ Hierin zeigt sich der historische Minderwertigkeitskomplex gläubiger Muslime gegenüber dem Westen.
Vorteil durch Reformation und Aufklärung
Ein Mensch von heute hätte im Europa der Jahrtausendwende das zivilisierte muslimische al-Andalus mit seinen Universitäten, Krankenhäusern und anderen Wohlfahrtseinrichtungen dem barbarischen, primitiven Westen vorgezogen. Was hat sich seitdem geändert? Die gängige Erklärung: Im Westen gab es die Reformation, die neue Wege des Denkens ermöglicht hat. Es gab daraufhin eine Aufklärung, die den Balast des Religiösen vollends über Bord warf. Diese Freiheit machte den technischen Fortschritt möglich, der letztlich zur weltweiten Vorherrschaft des Westens führte.
Etwa in der selben Epoche erstarrte die islamische Geisteswelt unter dem Würgegriff osmanischer Militärherrscher. Der zivilisatorische Entwicklungsvorspung der Muslime verkehrte sich ins Gegenteil. Bewusst wurde dies den Muslimen, als Napoléon Bonaparte 1798 in Ägypten landete und mit der Armee des Mamlukensultans kurzen Prozess machte.
Der Siegeszug des Kolonialismus
Zu gleicher Zeit griff Großbritannien nach dem damals noch muslimischen Indien und entmachtete die Moghulherrscher. Frankreich setzte sich ab 1830 in Algerien fest und eroberte nach und nach Nordafrika und Teile des Nahen Ostens.
Kaum ging die Zeit des Kolonialismus im 20. Jahrhundert zu Ende, da wurde Erdöl zur bestimmenden Kraft und die Expansion des Westens und die Bevormundung islamischer Herrscher erlebte einen weiteren Höhepunkt. Die Vorherrschaft wurde durch die Überschwemmung der unterworfenen Länder mit westlichen Waren und westlicher Literatur zudem als „kultureller Imperialismus“ empfunden.
In Ägypten entstand wie ein Paradigma für künftige Entwicklungen die 1929 gegründete Bewegung der „Ichwan al-Muslimun“ (Moslembrüder) des Dorfschullehrers Hasan al-Banna. Ihre Lebenskraft ist bis heute ungebrochen. Ihr Versuch, das Staatswesen auf eine islamische Grundlage zu stellen - ein eigener Gegenentwurf zur Demokratie - zog in und außerhalb Ägyptens zahlreiche Mitglieder an.
Radikalisierung durch Rechtlosigkeit
Wenn diese Vereinigung zunächst kaum radikaler war, als die relativ gemäßigte türkische Wohlfahrtspartei der neunziger Jahre, so zeigt sich auch hier ein Lehrbeispiel für die Entwicklung des Fundamentalismus, der seine Radikalität erst durch die Rechtlosigkeit in den eigenen Ländern erhält: Vor allem seit dem Regime Gamal Abd an-Nassers in den fünfziger Jahren wird die Bruderschaft verfolgt. Mehrere Mitglieder wurden hingerichtet. Im Gegenzug gab es Attentatsversuche auf das Leben Nassers und anderer Politiker.
Heute findet man Ableger der „Ichwan“ im Umfeld von al-Qaida (“die Militärbasis“) des Extremisten Usama Bin Ladin. Die staatliche Unterdrückung in Ägypten, Syrien oder Saudi-Arabien, die Verteibung der Palästinenser und die Vorherrschaft Amerikas sind für sie eins. Zuzugeben, dass mit der Lehre selbst etwas nicht in Ordnung sei, wäre eine Gotteslästerung. So bleibt nur der Rückgriff auf das System der Vorväter, der nicht erst im Zeitalter der Globalisierung in eine Sackgasse führt.