24.09.2001 · Zentralasien gehört nicht zum Stammgebiet des Islam. Es wurde im Geiste des Heiligen Krieges islamisiert.
Von Holger ChristmannDer bevorstehende Militäroperation „Infinite Justice“ in Afghanistan weckt Befürchtungen, dass die „Pulverfässer“ Zentralasien und Pakistan explodieren könnten. In den Staaten Zentralasiens leben 50 bis 60 Millionen Muslime, in Pakistan 128 Millionen.
Die überwältigende Mehrzahl der in beiden Regionen lebenden Muslime sind jedoch gemäßigte Sunniten. Die paschtunischen Taliban mit ihrem extremen und militanten Fundamentalismus bilden eine verschwindende Minderheit. Dennoch haben manche Beobachter im Augenblick die Sorge, dass es den Taliban gelingen könnte, diese gemäßigten Kräfte angesichts des Gegners Amerika auf ihre Seite zu bringen.
Kinder des Heiligen Krieges
Zentralasien gehört nicht zum arabischen Stammgebiet des Islams, sondern wurde im Geiste des Heiligen Krieges über Jahrhunderte erobert. Die Islamisierung der Region begann schon im 9. Jahrhundert und war im fünfzehnten Jahrhundert abgeschlossen.
Im Sowjetreich bewies der Islam in den zentralasiatischen Republiken Aserbeidschan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Turkmenistan und Kasachstan eine erstaunliche Widerstandskraft. Er erlebte in den letzten Jahren eine Renaissance, doch kaum mit extremistischen Auswüchsen. Russland hat jedoch ein elementares Interesse daran, dass der Fundamentalismus an der Südflanke der Republik nicht um sich greift.
Die Afghanen sind ein religiöses Volk
Extremismus droht vor allem aus Afghanistan. Dort haben die fundamentalistischen Taliban, die erst 1994 als politische Bewegung in Erscheinung traten, binnen vier Jahren die Macht über den größten Teil des Landes errungen und 1998 das Emirat Afghanistan ausgerufen.
Die Taliban sind ethnisch gesehen Paschtunen. Das tribal organisierte Volk stellt mit 35 bis 38 Prozent die Bevölkerungsmehrheit, gefolgt von den persischsprachigen Tadschiken (25 bis 30 Prozent), der schiitischen Hazara (10 bis 15 Prozent) und den turkstämmigen Uzbeken.
Die Afghanen, die 1747 zum ersten Mal einen eigenen König krönten, gelten als sehr religiöses Volk. Die weltlichen Herrscher tun daher seit jeher gut daran, sich der Unterstützung der geistlichen Führer zu versichern.
Islamisierung in Pakistan
Wirtschaftlich sind die Staaten Zentralasiens von nomadischer Viehwirtschaft und sesshaftem Ackerbau bestimmt. Afghanistan ist ein Sonderfall, da dort das Opium eine besonders lukrative Einnahmequelle darstellt. Erdöl - und Gasvorkommen spielen vor allem in Aserbeidschan und Kasachstan eine wichtige Rolle. Es fehlt jedoch oft an der Infrastruktur, um das Rohöl zu fördern und weiterzuverarbeiten.
Pakistan gehört nicht zu Zentralasien, sondern zum indischen Subkontinent. Pakistan wurde 1947 nach dem Abzug der Briten aus Indien als Auffangbecken für die Muslime des Subkontinents gegründet. In den letzten Jahren dominierte die Religion in dem Land, das die Atombombe besitzt, zunehmend das politische Leben. 1999 wurde in vielen Landesteilen die islamische Rechtsordnung (Scharia) eingeführt. Dennoch sind Beobachter überzeugt, dass die extremen Kräfte eine lautstarke Minderheit bilden, die in der Bevölkerung keine entscheidende Unterstützung genießt.