18.12.2001 · Die Türkei will beides: europäisch sein und islamisch. Geht das auf Dauer gut? Eine Bestandsaufnahme.
Von Raoul MotikaAnfang der 20er Jahre, nach dem Untergang des Osmanischen Reichs, modernisierte ein Mann die Türkei, der den Islam für eine rückständige Religion hielt: Mustafa Kemal Pascha, dem sein Land 1934 den Ehrentitel Atatürk ("Vater der Türken") verlieh. Er verwandelte das Land in einen laizistischen Staat und setzte die Gleichberechtigung der Frauen durch. In den letzten Jahren hat die Religion jedoch wieder Zulauf bekommen. Ist das laizistische Modell Türkei zum Scheitern verurteilt? Eine Bestandsaufnahme.
Mit der Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 und der nur ein Jahr darauf erfolgten Abschaffung des Kalifats war der islamische Staatsgedanke unterminiert, der die Oberhoheit des Kalifen über eine religiös gegliederte und durch das islamische Recht bestimmte Gesellschaft vorsah. Die Reformer waren überzeugt, dass die alte, religiös bestimmte Ordnung gegenüber den Anforderungen der Moderne versagt hatte, und dass vor allem der Islam für die Rückständigkeit gegenüber Europa verantwortlich war.
Die Regierung verbot 1925 die religiösen Orden, ersetzte im Jahr darauf das religiöse Rechts durch ein westliches Zivil- und Strafrecht, schaffte die arabische Schrift und den islamischen Mondkalender ab und führte stattdessen ein modifiziertes Lateinalphabet und den gregorianischen Kalender ein. Hinzu kam ein strikter Kleider-Kodex, der beispielsweise mit der Hutreform den Gebrauch eines europäischen Hutes anstelle der traditionellen Kopfbedeckungen vorschrieb.
Gegen diese Reformen kam es zu vereinzelten Aufständen, etwa der Rebellion des Scheich Said in Ostanatolien. Die Reformer setzten sich jedoch durch. Das der Aufsicht der religiösen Würdenträgers entzogene Bildungssystem sorgte für den reformorientierten Nachwuchs, der die traditionellen Führungsschichten zunehmend verdrängte.
Nationalismus als Religionsersatz
Ideologischen Ersatz für die Religion sollte ein historisch gesehen neuer türkischer Nationalismus bieten, der in Atatürks Lehrsatz "Wie glücklich kann ich mich schätzen, Türke zu sein" sinnfällig wurde.
Die Säkularisierung der Türkei fand jedoch gegen den Widerstand weiter Teile der türkischen Bevölkerung statt. Es konnte daher nicht verwundern, dass bei einer Demokratisierung des politischen Systems der Islam wieder als Akteur auf der politischen und gesellschaftlichen Bühne auftauchen würde.
Hinter dem säkularen Staatsgedanken stehen die Aleviten, eine religiöse Bewegung unter der multi-ethnischen anatolischen Bevölkerung, die meist in Opposition zum osmanischen Sultan und seinem sunnitischen Staats-Islam stand. Die Aleviten beziehen sich zwar auch auf den Islam, lehnen sein religiöses Gesetz, die Scharia, aber ab, vereinen Elemente verschiedener Religionen und fordern eine egalitäre Gesellschaft.
Gegenwärtig sind mindestens 20 Prozent der 66 Millionen türkischer Staatsbürger Aleviten. Ihr Name geht auf Ali, den Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, zurück, den sie ganz besonders verehren.
Religiöser Pflichtunterricht
Mit der Einführung des Mehrparteiensystems in den 50er Jahren öffnete sich der Staat auch wieder dem Sunnitentum, das zunehmend den Charakter einer streng kontrollierten Staatsreligion annahm. Aus Sicht des Staates gehören heute 99 Prozent aller Türken dem Islam an, womit das Sunnitentum gemeint ist.
Nach dem Militärputsch von 1980 verstärkte sich diese Tendenz noch weiter, beispielsweise durch die Einführung eines sunnitischen Pflichtreligionsunterrichts, den Ausbau des religiösen Schulwesens und ein staatlich gefördertes Moscheenbauprogramm, das auch alevitische Dörfer betraf. Diese Entwicklung führte unter den weitgehend säkularisierten Aleviten zu einer Wiederbelebung ihrer Religion, die sie heute als den eigentlichen, humanitären Islam ansehen. Aus ihrer Sicht sind Demokratie und Menschenrechte essentielle Bestandteile des Alevitentums und damit des Islams.
Ihr Gegner ist heute der fundamentalistische Islam. Dieser habe allerdings den Staat schon vielfach infiltriert und würde von diesem aus Machtinteresse teilweise unterstützt, sagen die Aleviten.
Die Rolle der Wohlfahrtspartei
Am anderen Ende des legalen politisch-religiösen Spektrums stehen die Nachfolgeparteien der Wohlfahrtspartei (Refah Partisi), die seit ihrer Gründung in den 60er Jahren als Partei der Nationalen Ordnung unter Führung des Ingenieurs Necmettin Erbakan die Islamisierung des Staates und die Hinwendung zur islamischen Welt auf ihre Fahnen geschrieben hat. Wegen des Missbrauchs der Religion für politische Ziele wurde sie mehrmals verboten und musste unter wechselnden Namen wiederholt von neuem gegründet werden.
2001 spaltete sich die Bewegung erstmals in zwei Parteien, die den traditionalistischen und den modernistischen Flügel ihrer Vorgängerin vertreten. Gemeinsam könnten sie in den nächsten Wahlen - angesichts des in der Türkei durch die Unfähigkeit der traditionellen Parteien stetig wachsenden Potenzials an Proteststimmen - mit weit über 20 Prozent der Stimmen rechnen. Ihre Anhängerschaft rekrutiert sich neben den aus Anatolien zugewanderten ärmeren Teilen der Stadtbevölkerung vor allem aus traditionalistischen Segmenten der zentral- und nordanatolischen Bevölkerung.
Von Terrorismus nicht verschont
Unterstützung finden sie auch bei einem Teil der wiedererstandenen religiösen Orden, die aber ebenso in den beiden großen konservativen Parteien vertreten sind. Obwohl die genaue Zahl der Ordensanhänger unbekannt ist, kann man sicherlich mit etlichen hunderttausend rechnen. Das kann nicht überraschen, da sie über Jahrhunderte den anatolischen Islam prägten. Zunehmend werden sie allerdings von während der Republikszeit neu entstandenen Richtungen in den Hintergrund gedrängt, etwa den Nurcus, den Anhängern des modernistischen Said Nursi, oder den Süleymancis, einer von Süleyman Hilmi Tunahan gegründeten nach außen hin abgeschotteten Gemeinschaft.
Auch die Türkei wurde seit Ende der 80er Jahre nicht vom Phänomen des islamistischen Terrorismus verschont, der sich aber weniger gegen den Staat, als vielmehr - angeblich sogar mit Unterstützung von Geheimstrukturen im Staatsapparat - gegen die PKK, säkulare Intellektuelle und gemäßigte Islamisten richtete. Tief geschockt von der Brutalität des Vorgehens der selbsternannten 'Partei Gottes' (Hizbullah), reagierte die türkische Öffentlichkeit aber mit einhelliger Ablehnung, so dass diese Kräfte keinerlei Massenbasis gewinnen konnten. Diese relative Erfolgslosigkeit ist auch eine Folge der Integration gemäßigter Islamisten in das politische System des Landes.
Meistens ist der türkische Islamismus harmlos
Islamismus in der Türkei ist eine Art autoritärer Konservatismus, verbunden mit einem Programm wirtschaftlicher Modernisierung. Zunehmenden Anhang unter den modernen Mittelschichten der Großstädte gewinnen aber Propagandisten eines individualistischen Islamverständnisses, das sich allein auf den Koran beruft, das die meisten Gesetze der Scharia ablehnt und keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen westlich geprägter Moderne und Islam sieht. So erleben die Bücher des Istanbuler Theologieprofessors und Fernsehpredigers Yasar Nuri Öztürk inzwischen Millionenauflagen.
In Istanbul wie auch anderen Städten begegnet man jedoch auch immer mehr Menschen, die sich wie in anderen modernen Gesellschaften ihre ganz private religiöse Vorstellungswelt zusammenbasteln und sich darin von ihren Gegenübern in Berlin und London kaum unterscheiden. Inzwischen treffen sich in türkischen Städten Zirkel einheimischer Buddhisten genauso wie Schamanisten und Esoteriker aller Spielarten. Allerdings wird die Mehrheit der Bevölkerung auch in Zukunft Orientierung und Sicherheit in ihrer angestammten Religion, dem Islam, suchen; in welche Richtung der sich entwickelt, ist offen.