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Islam : Hört diesen Imam!

Reden die Muslime heute mehr über „den Islam“ als über Gott? Bild: dpa

Ist Gott reformierbar? Und wenn ja, wie? Der französische Imam Tareq Oubrous zeigt, wie man religiöse Gebote mit dem kulturellem Wandel versöhnt.

          Sind Religionen ihren Überlieferungen ausgeliefert? Nein. Sie können Korrekturen der Tradition vornehmen, sofern sich für solche Korrekturen der Nachweis einer Kontinuität mit dem sakralen Ursprung der jeweiligen Religion führen lässt. Revolution ist Interpretation. Das Neue muss seine Herleitung aus dem Alten ausweisen können.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Genau um diese Finessen einer traditionsgestützten Interpretation ging es beispielsweise im Katholizismus, als er sich vor einem halben Jahrhundert auf die Religionsfreiheit als Menschenrecht einließ. Und um solche Finessen geht es dort heute wieder, wenn ein weltweiter Deutungskampf um das jüngste päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“ zu Fragen des sakramentalen Ehebandes geführt wird. Die diversen sich widersprechenden Interpretationen von offenkundig mehrdeutigen Passagen wurden zuletzt vom Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Müller, vom Tisch gewischt mit dem postfaktischen Argument, es gebe keinen Klärungsbedarf, „Amoris laetitia“ sei „sehr klar“ in seiner Lehre.

          Jeder beruft sich auf den Islam

          Doch der Streit dreht sich pikanterweise gar nicht um traditionelle Lehrsätze (die werden in dem päpstlichen Schreiben in der Tat fromm zitiert), sondern um die Frage ihres konkreten Bindungsanspruchs und entsprechender Auswirkungen auf die Sakramentenordnung. Das weiß im Zweifel niemand so genau wie Kardinal Müller, der aber lieber den Deckel auf dem Topf der Weltkirche halten als das Risiko eines Schismas vergrößern möchte. Intellektuell eine etwas unbefriedigende Strategie.

          Der Islam ficht seine Traditionskämpfe auf andere Weise aus, schon weil er nicht kirchenförmig organisiert ist. Letzteres ist Stärke und Schwäche zugleich. Hier gibt es kein zentrales Lehramt, das verbindliche Vorgaben machen könnte, wenn religiöser Reformbedarf zur Debatte steht. Navid Kermani hat es in seiner Friedenspreisrede so formuliert: Ungeachtet der friedliebenden Grundlehren der islamischen Theologie würden sich in den meisten Ländern der muslimischen Welt staatliche Autoritäten und theologische Schulen auf den Islam berufen, „wenn sie das eigene Volk unterdrücken, Frauen benachteiligen, Andersdenkende, Andersgläubige, anders Lebende verfolgen, vertreiben, massakrieren“. Er, Kermani, würde deshalb jedem Muslim widersprechen, dem angesichts des „Islamischen Staats“ nur die Floskel einfalle, dass die Gewalt nichts mit dem Islam zu tun habe.

          Wahrung der Flexibilität

          Wenn der Islam, zugespitzt gesagt, die Summe seiner Ausdeutungen ist, dann ist das nicht nur Teil des Problems, sondern kann auch Teil der Lösung sein. Es gilt dann, die reformbereiten, Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten achtenden Kräfte zu stützen. Sie widerstreiten den theokratischen Traditionen, die den Islam seiner religiösen Natur nach als politische Ideologie begreifen. Deswegen lassen sie sich nicht etwa als Attrappe des Islams beschreiben; sie verkörpern vielmehr eine Schule unter anderen.

          Wie sich die theologische Freiheit des Islams als Reformprogramm nutzen lässt, macht beispielsweise Tareq Oubrou, der als Imam in Bordeaux arbeitet, deutlich. Er steht heute für einen religiösen Reformkurs im Lande, hat seine islamistische Vergangenheit hinter sich gelassen. Tareq Oubrous Pointe: Insoweit Religion selbst Kultur ist und ihren metaphysischen Gehalt nicht anders als kulturell zum Ausdruck bringen kann, ist sie auch veränderbar. Es gehe gerade darum, die Flexibilität des kulturellen Ausdrucks zu wahren, wenn die Tradition bewahrt werden soll. Das ist erkennbar eine Gratwanderung, lässt sich mit dieser kulturellen Auffassung des Religiösen doch in beinahe jeden Traditionsbruch eine Kontinuität hineinlesen. Denn umgekehrt gilt natürlich: Wenn das Religiöse sich kulturell entäußert, dann steht diese kulturelle Form nicht einfach zur Disposition, sondern kann als solche einen sakralen Charakter annehmen.

          „Wahrheit bemisst sich nicht in der Minderheit oder Mehrheit“

          Tareq Oubrous Antwort auf diese reformtypische Problematik ist strikt theologisch. Es sei für den Islam entscheidend, die westliche Lebenswirklichkeit im Blick zu haben, aber darauf mit einer aufgeklärten „Theologie der Offenbarung“ zu antworten statt, so versteht man den Imam, sich von Politik oder Kulturwissenschaften säkularisieren zu lassen. Der Islam, so Oubrou in einem lesenswerten Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ (10.Januar), sei eine „abstrakte Religion“, es gebe in ihr „keine Kultobjekte“ – das gelte für Schleier und Minarett. Er kritisiert die Tendenz, den Glauben in identitären statt in religiösen Begriffen zu fassen: „Das schafft Gewalt.“ Tatsächlich würden die Muslime heute mehr über „den Islam“ als über Gott reden.

          Auf den Hinweis, er sei mit seinen Ansichten unter den französischen Muslimen ja in der Minderheit, antwortet der Imam von Bordeaux: „Die Wahrheit bemisst sich nicht in Minderheit oder Mehrheit. Der Prophet war auch in der Minderheit.“ Oubrous Wort in Allahs Ohr.

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