30.11.2006 · Streitgespräche finden heute überall statt. Auch in Medina? Bei den heiligen Stätten wurde über den „edlen“ Koran verhandelt. Stefan Wild, der Islamwissenschaft in Bonn lehrt, war der einzige nichtmuslimische Teilnehmer.
„Wenn sie nicht darauf aus wären, Muhammads Unehrlichkeit oder die Unechtheit des Korans zu beweisen, was würde sie hindern, sich zum Islam zu bekehren?“ Muhammad Mustafa al-Azami
Wer ein Flugzeug der Saudi Arabian Airlines betritt, taucht in eine islamische Welt ein. Der Pilot meldet sich mit „Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers“, vor dem Start wird eine Art Reisesegen des Propheten Mohammed rezitiert, im hinteren Teil des Flugzeugs ist ein Gebetsraum eingerichtet, und die Gebetsrichtung nach Mekka wird fortwährend angezeigt. Eine Reihe vor mir sitzt ein älterer Mann, der während des ganzen Fluges zwischen Frankfurt und Dschidda Gebete und Koransuren halb laut spricht.
Kurz vor der Landung wird angezeigt, daß wir demnächst den heiligen Raum Mekka überfliegen. Der murmelnde Pilger legt rasch das vorgeschriebene weiße Gewand an. Bei der Landung sind die Frauen, die beim Einsteigen verschiedene oder keine Kopfbedeckungen trugen, schwarz verschleiert. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben im Herzland des Islams.
Der Koran gilt als Verfassung
Die überraschende Einladung zu der Tagung „Der edle Koran und die orientalistischen Studien“ war vom „König-Fahd-Zentrum für den Druck des edlen Korans“ in Medina ausgegangen und mit der Aufforderung verbunden, einen Vortrag zu halten. Ich hatte dankend zugesagt - nicht ohne zu betonen, daß ich kein Muslim sei. Tagungsort war Medina; Medina und Mekka sind bekanntlich die beiden heiligsten Stätten des Islam, deren „Hüter“ zu sein, Ehrentitel des saudischen Königs ist.
Die saudische Monarchie steht und fällt mit ihrer islamischen Legitimation, und der Koran gilt als Verfassung des Landes. Der Zutritt zu den heiligen Stätten ist dem Nicht-Muslim verwehrt - in Medina liegen das Hotel Meridien, der Tagungsort, und das König-Fahd-Zentrum außerhalb des Sperrbezirks.
Zwei Tage im König-Fahd-Zentrum
Das König-Fahd-Zentrum, in dem ich zwei Tage bis zum Beginn der Tagung verbringe, ist das islamische Gegenstück zur Bible Society - allerdings mit komfortablen Gästezimmern, der neuesten Computertechnik und einem reichen Petro-Dollar-Budget ausgestattet. Hier wird der arabische Korantext mit größter Sorgfalt kalligraphisch geschrieben und in verschiedenen Formaten millionenfach gedruckt. Jeder Mekkapilger bekommt ein solches Koranexemplar geschenkt.
Hier werden auch Übersetzungen in die verschiedensten Sprachen hergestellt. Eine Übersetzung des Korans gilt nicht als wirkliche Übertragung, sie wird nur als „Übersetzung der Bedeutungen“, als eine Art Kommentar, verstanden, der aber in keiner Weise den arabischen Text ersetzen kann. Das jüngste Vorhaben ist eine Übertragung des Korans in die Gebärdensprache.
„Allah“ oder „Gott“?
Ein erstes Gespräch mit etwa einem Dutzend Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats des Zentrums verläuft in freundlicher Atmosphäre. Wir diskutieren, ob das Wort „Allah“ in einer deutschen Koranübersetzung mit „Gott“ übersetzt werden oder ob das arabische Wort stehenbleiben solle. Die Meinungen sind geteilt; Stichworte wie „Distanzierung“, „Exotisierung“ und „Projektion“ fallen.
Die Problematik von kommentierenden Ergänzungen zum übersetzten Text und deren dogmatische Korrektheit werden ebenfalls zum Thema. Die Anwesenden sind unangenehm überrascht zu hören, daß für längere Zeit die am leichtesten zugängliche deutsche Koranübersetzung mit beigefügtem arabischem Text eine Version der Ahmadiyya war, einer muslimischen Gruppe, die in Saudi-Arabien als häretisch gilt.
Schwarzbuch der Orientalistik
Als die Tagung beginnt, erwarte ich, mindestens einige „orientalistische“ Kollegen zu treffen. Zu meiner Enttäuschung bin ich der einzige nichtmuslimische Teilnehmer unter circa fünfzig Vortragenden. Es sind alles Muslime, alles Männer; „gemischte“ öffentliche Sitzungen mit Männern und Frauen sind unmöglich. Zu den Gebetszeiten wird die Tagung unterbrochen. „Orientalisten“ haben im Diskurs konservativer Gelehrter innerhalb und außerhalb Saudi-Arabiens einen schlechten Namen, sie galten und gelten als dem Islam feindlich gesinnt, waren Missionare oder Spione. Edward Saids These vom kolonialistischen Ursprung der Orientalistik in England und Frankreich ist insoweit willkommen. Auf zwei Gebieten werden die Theorien von Orientalisten für besonders gefährlich gehalten: auf dem Gebiet der Biographie des Propheten Mohammed und auf dem der Entstehung des Korans.
In vielen Vorträgen wird dementsprechend eine Art Schwarzbuch der Orientalistik aufgemacht. Eine anläßlich der Tagung erscheinende Sonderzeitschrift hat als eine Schlagzeile: „Der Haß auf die Siege der Muslime und auf die Verbreitung des Islams in der Welt stehen hinter den Zweifel säenden Angriffen der Orientalisten.“ Gelegentlich ist die Rede davon, daß es auch einige „redliche“ oder „objektive“ Orientalisten gebe. Manche Teilnehmer bemühen sich, im Vorspann zu ihren Ausführungen dem deutschen Teilnehmer diesen Bonus zu geben - das ist aber mehr ein Akt privater Freundlichkeit gegenüber dem auch sonst mit größter Höflichkeit behandelten deutschen Gast.
Vom „edlen“ Koran
Methodisch ist das Haupthindernis, daß für die muslimischen Teilnehmer der Glaube an den unmittelbar göttlichen Ursprung des Korans verbietet, nach „Quellen“ des Korans oder nach einer historischen Entwicklung des Textes zu suchen. Eine Formulierung wie „Der Koran beansprucht, das Wort Gottes zu sein“ wird bereits als feindselig und „unwissenschaftlich“ wahrgenommen. Ein Professor aus dem marokkanischen Fes kritisiert, die Orientalisten sprächen vom Koran und nicht, wie die Muslime, vom „edlen Koran“; sie erforschten ehrfurchtslos den Koran wie ein beliebiges Kleidungsstück und nicht als das vom Himmel herabgesandte Buch Gottes.
Als ein muslimischer Diskutant die Meinung vertritt, die Umwelt der koranischen Offenbarung im Mekka des siebten Jahrhunderts sei zum besseren Verständnis des Korans zu berücksichtigen, rückt der Vorsitzende dies in die Nähe der Häresie. Die Referate sind teilweise so einseitig, daß der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, der aus Mekka stammende Nadeem Elias, am letzten Tag die Vortragenden mahnt, weniger vorschnell Allgemeinurteile zu fällen.
Religion und Religionswissenschaft
Da kein Unterschied zwischen Religion und Religionswissenschaft gemacht wird, kann ein in Riad lehrender Professor, der in Deutschland katholische Theologie studiert hat, in der Diskussion ausrufen: „Wir (die Muslime) sind ihnen (den Christen) in allem entgegengekommen. Wir haben die prophetische Sendung Jesu anerkannt, wir erkennen den göttlichen Ursprung ihres heiligen Buches an, wir erlauben sogar, daß unsere Söhne Christinnen heiraten. Jetzt ist die Reihe an ihnen, die Prophetenschaft Mohammeds und den göttlichen Ursprung des Korans anzuerkennen!“
Die meisten Teilnehmer sind Araber, viele von ihnen jüngere, noch weniger bekannte Kollegen. Weithin bekannte Persönlichkeiten wie Muhammad Mustafa al-Azami, Professor an der König-Saud-Universität in Riad und Träger des König-Faisal-Preises, sind nicht erschienen. In seinem 2003 erschienenen Buch „The History of the Qur'anic Text“ hatte er über „alle nichtmuslimischen Forscher“ geschrieben: „Wenn sie nicht darauf aus wären, Muhammads Unehrlichkeit oder die Unechtheit des Korans zu beweisen, was würde sie hindern, sich zum Islam zu bekehren?“ Das hätte das Motto des Treffens sein können. Über Mohammed Arkoun, einen Islamwissenschaftler algerischer Abkunft an der Sorbonne, wird ein höchst kritischer Vortrag gehalten, aber niemandem war eingefallen, ihn einzuladen.
Vorwurf der Ketzerei
Nasr Hamid Abu Zaids Studie zur textlinguistischen Lesung des Koran, die ihm den Vorwurf der Ketzerei eintrug, ist zwar in saudischen Buchhandlungen zu finden - eine Einladung nach Saudi-Arabien wäre nicht vorstellbar. Damit ist eine weitere Konstante dieses Treffens gegeben: Neben der Selbstvergewisserung dienen die Vorträge dem Ziel, muslimische Abweichler von der hochkonservativen saudischen Linie auszugrenzen, sie werden als „verwestlicht“ bezeichnet und in Wahrheit für viel gefährlicher gehalten als immer wieder kritisierte und „widerlegte“ Autoren wie Theodor Nöldeke (gestorben 1930) oder Ignaz Goldziher (gestorben 1921).
Wie ernst trotz allem die Studien von Nichtmuslimen zu islamischen Themen genommen werden, zeigt die Tatsache, daß es inzwischen an manchen saudischen Universitäten Lehrstühle zum Studium der „Orientalistik“ gibt; es ist sogar geplant, eine ganze Fakultät zu diesem Zweck einzurichten. An der Tiba-Universität in Medina kann man seit 1984 in der soziologischen Abteilung im Fach „Wissenschaft von der Orientalistik“ den Magistergrad und den Doktorgrad erwerben.
Frauen? „Vielleicht beim übernächsten Mal“
Die Vorträge, die mit bemerkenswerten Ausnahmen in der Regel die gleiche Negativbotschaft vermitteln, sind für eine saudische Sicht typisch, nicht aber für eine allgemein arabisch-islamische, geschweige denn eine gesamtislamische. Viele türkische, iranische oder indonesische Koran-Wissenschaftler arbeiten heute mit einer beeindruckenden Pluralität methodischer Ansätze. In noch höherem Maße gilt das für muslimische Koranexperten aus Südafrika, Frankreich, den Vereinigten Staaten oder Deutschland.
In den „Empfehlungen“, die am letzten Tag verabschiedet werden, versteckt sich ein kurzer Satz, der trotz der Gesamtausrichtung des Symposions die Zusammenarbeit von muslimischen mit nichtmuslimischen Wissenschaftlern begrüßt. Ich nehme die Gelegenheit wahr, einem der Verantwortlichen vorzuschlagen, bei einer künftigen Veranstaltung dieser Art in größerer Anzahl nichtmuslimische Teilnehmer einzuladen, damit nicht nur über, sondern auch mit leibhaftigen Islamwissenschaftlern gesprochen werden könne. Vielleicht könnte dann zur Probe zunächst ein nicht ganz so empfindliches Thema, wie es der Koran war, gewählt werden. Mein Gesprächspartner hält das nicht für unmöglich und vertröstet mich auf ein nächstes Mal. Als ich frage, ob denn auch Islamwissenschaftlerinnen dazu eingeladen werden könnten, lächelt er und sagte diplomatisch: „Vielleicht beim übernächsten Mal.“