Home
http://www.faz.net/-gqz-2rnl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Islam Auf dem Weg zum Euro-Islam?

19.12.2001 ·  "Time" hat Muslime in ganz Europa getroffen - und sieht in ihnen die Hoffnung für einen liberalen, aufgeklärten Islam.

Artikel Lesermeinungen (0)

"Time" hat für seine Weihnachtsausgabe junge Muslime in ganz Europa getroffen - und kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Islam in der ganzen Welt von Europa aus erneuern könnte.

Unlängst veranstaltete die Zeitschrift "La Medina" in Paris eine Diskussion zur Lage der Muslime in Europa nach dem 11. September. Glaubt man dem amerikanischen "Time"-Magazin, dann geriet die Veranstaltung zu einem Bekenntnis für einen aufgeklärten europäischen Islam. Sowohl der Gast auf dem Podium, der Schweizer Universitätsprofessor Tariq Ramadan, als auch die Teilnehmer im Publikum forderten, dass der Koran nicht mehr als Legitimation für Gewalt herangezogen werden dürfe. Mehr denn je gelte es, die religiösen Fanatiker zu stoppen, sagte Ramadan laut "Time". Als eine junge Frau ans Mikrofon getreten sei, um ihre Glaubensgefährten dazu aufzurufen, "der Wahrheit über ihre Religion Gehör zu verschaffen", habe sie tosenden Applaus geerntet.

Zwischen Furcht und Hoffnung

Während Politiker und Medien den Eindruck verbreiten, dass muslimische Organisationen potentiell unsere Ordnung gefährden, weckt der Bericht über diese Versammlung die Hoffnung, dass viele der 12,5 Millionen Muslime in Europa eigentlich längst einen ganz eigenen Weg der Religionsausübung eingeschlagen haben, der für die Verständigung zwischen Europa und dem Islam eine wichtige Rolle spielen könnte.

Das statistische Material, das "Time" präsentiert, stützt diese Behauptung. Nach einer Umfrage in Großbritannien sollen 87 Prozent der Muslime angegeben haben, dass sie loyale Briten seien. 64 Prozent gäben jedoch an, dass sie die Militäreinsätze der Amerikaner gegen Afghanistan nicht befürworteten. "Time" diagnostiziert zwar ein Wiedererwachen der Religiosität: So habe eine Umfrage der Zeitung "Le Monde" ergeben, dass mehr Muslime als je zuvor in Frankreich den Ramadan gefeiert hätten. Diese Religiosität muss aber nicht zwangsläufig mit politischer Radikalität einhergehen. Tariq Ramadan etwa wird mit dem Satz zitiert, er könne als Moslem überall leben, wo er sicher leben könne und wo das Gesetz die freie Religionsausübung gewährleiste.

Religion wirkt identitätsstiftend

Die Rückkehr zur Religion habe eher mit der veränderten Erwartungshaltung der jungen Muslime zu tun, meint das Magazin. Während ihre Eltern dachten, ihr Aufenthalt in Europa sei befristet und sich damit begnügt hätten, ihre Religion privat zu leben, ist die Religionsausübung für die jüngere Generation ein wichtiges Element zur Wahrung ihrer Identität geworden.

Gibt es also so etwas wie einen Euro-Islam? Dilwar Hussain, Forscher an der Islamischen Stiftung im englischen Leicester bejaht das. Er bescheinigt dem europäischen Islam eine "größere Flexibilität und ein größeres Bewusstsein für liberale Weltanschauungen." Ein Vertreter der Londoner Moschee vertritt aufgeklärte Thesen wie die, dass es nicht die Religion sei, die die Frauen an ihrer Entfaltung hindere, sondern die Kultur, in der sie leben.

Der Präsident der Vereinigung Islamischer Organisationen in Frankreich sagt in dem Beitrag, man sei dabei, einen eigenen Islam zu entwickeln, der sich von dem in Marokko, Algerien oder Saudi Arabien unterscheide. Der europäische Islam müsse sich von importierten Sitten befreien.

Der Euro-Islam: Keimzelle der Erneuerung?

Könnte der Euro-Islam den entscheidenden Brückenschlag zwischen dem Westen und dem Islam bedeuten? Immerhin kann er sich auf eine Tradition berufen, die älter ist als die der Taliban oder die strenge Auslegung der Religion durch die saudischen Wahabiten: auf die tolerante Tradition der Kalifate in Andalusien und auf Sizilien etwa, wo schon im 9. Jahrhundert Christen und Juden toleranter behandelt wurden als das wesentlich später umgekehrt der Fall war.

Manche Muslime gehen schon soweit, dass der Islam insgesamt sich von Europa aus erneuern könnte. Das Hindernis auf diesem Weg könnten freilich genau die kulturellen Unterschiede sein, die nun Anlass zur Hoffnung geben: die Unterschiede zwischen einem Islam in einer freien demokratischen Gesellschaft und dem in einem autoritären Staat.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr