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Isis in Mossul : Dient der göttlichen Scharia!

  • -Aktualisiert am

Isis-Kämpfer auf der Hauptstraße Mossuls Bild: AP

So ist das Leben dort, wo Isis herrscht: Es gibt kaum etwas zu essen, kein Benzin, es gelten Gesetze, die 1400 Jahre alt sind. Ein Handbuch lehrt die Diskriminierung der Christen. Ein Bericht aus dem besetzten Mossul.

          Gut zwei Wochen nach der Einnahme der Stadt durch Bewaffnete sind fast alle Kennzeichen eines zivilen Staates in Mossul verschwunden. Es wehen nur noch schwarze Fahnen in allen Größen auf den Dächern der Gebäude, die ironischerweise den schwarzen Trauerfahnen ähneln, die die Schiiten im heiligen Monat Muharram aufhängen.

          Als Erstes wurden die Gerichte geschlossen. Wenige Tage nach Einnahme der Stadt wollte der Justizangestellte Myassar al Hattab sehen, was aus seinem Arbeitsplatz und seinen Kollegen geworden war. Am Eingang zum Gerichtsgebäude von Mossul erklärte ihm ein bärtiger Bewaffneter: „Diese Einrichtung ist geschlossen, weil sie menschengemachten Gesetzen dient statt der göttlichen Scharia. Ab jetzt gilt nur noch das Gesetz von Koran und Sunna.“

          Der fünfzigjährige Beamte hatte sein halbes Leben im Mossuler Gericht gearbeitet und die Halle nie so verlassen gesehen wie heute. Er machte kehrt, und ihm wurde klar, dass er nie wieder hier arbeiten würde, solange Isis die Stadt kontrollieren würde.

          Die Bewegungsfreiheit ist aufgehoben

          In Mossul soll es jetzt neue Gerichte geben, in denen nach religiösen Regeln geurteilt wird. Von Isis ausgewählte Religionsgelehrte schlichten dort Rechtsstreitigkeiten aller Art, verhängen Strafurteile bei Verbrechen und leiten dabei alles aus ihren eigenen schlichten Gesetzen her. Für jeden Stadtbezirk gibt es einen sogenannten Emir, bei dem die Bewohner Klagen einreichen können.

          Die Isis-Kämpfer haben nicht viel Zeit verloren, ihren 1400 Jahre alten Gesetzen Geltung zu verschaffen. Gleich zu Beginn führten sie in Mossul das Beutegesetz ein, nach dem im Kriegsfall aller Besitz von Personen, die nach den extremen Maßstäben der Isis als Ungläubige gelten, an die Eroberer fällt. Entsprechend plünderten sie den Besitz von Regierungsbeamten und Offizieren, die aus der Stadt geflohen waren, und nahmen deren Häuser in Besitz, um sich mit ihren Familien darin niederzulassen.

          Kindliche Waffenspiele in Mossul
          Kindliche Waffenspiele in Mossul : Bild: AP

          In den ersten Tagen ließen die Bewaffneten die Bewohner Mossuls sich noch frei bewegen. An den Checkpoints auf den Zufahrtsstraßen in die Stadt hielten sie keine Autos an. Jetzt aber ändert sich das langsam.

          Sie haben Namenslisten

          Als ich mich kürzlich entschloss, zum Einkaufen in die umliegenden kurdischen Gebiete zu fahren, war es nicht mehr wie am ersten Tag nach der Einnahme der Stadt durch den Islamischen Staat, als die Vermummten uns einfach durchgewunken hatten. Ich nahm mit Freunden zusammen ein Taxi, aber wir wurden schon bald von einem Bewaffneten gestoppt, der nach unseren Ausweisen verlangte und fragte, was jeder von uns arbeite. „Seid ihr sicher, dass keiner von euch für die Armee oder die Polizei tätig war?“ Wir waren uns sicher. Der Kontrolleur schaute uns in die Augen und ließ uns dann weiterfahren.

          „Sie suchen nach Soldaten und Polizisten, die Mossul verlassen wollen. Sie haben Namenslisten. Es sind nur wenige, die Reue gezeigt und sich vom Staat losgesagt haben. Jetzt jagen sie die Übrigen“, erklärte uns unser Fahrer fast leidenschaftlich.

          Anstehen für Benzin
          Anstehen für Benzin : Bild: AP

          Der Rückweg in die Stadt war nicht einfacher. Zuerst mussten wir mehrere Stunden warten, bis ein Schusswechsel zwischen Isis und den kurdischen Peschmerga in Bartila östlich von Mossul, wo überwiegend Christen wohnen, vorüber war. Wegen dieser Zusammenstöße am Abend des 26. Juni ließen die Bewaffneten niemanden mehr nach Mossul hinein.

          In Bartila waren die Schäden durch den Beschuss deutlich sichtbar. Auf der einen Seite standen große Gruppen kurdischer Kämpfer und kontrollierten, und dreihundert Meter weiter erschienen die Kämpfer der Isis mit ihren berüchtigten Fahnen an ihrem Checkpoint im Scheinwerferlicht unseres Taxis.

          Endspiele der Tank-Weltmeisterschaft

          Sie richteten ihre Waffen auf uns und verlangten, wir sollten umkehren und dahin zurückfahren, wo wir hergekommen seien. Als unser Fahrer ausstieg, um mit den Milizen zu sprechen, schossen sie in die Luft, so dass unser Chauffeur schnell wieder einstieg und umdrehte, um es auf einer anderen Strecke zu versuchen. So wie wir machten es Dutzende anderer Autos, mit denen Familien vom Einkaufen zurück in die Stadt wollten. Die Umwege nahmen schließlich vier Stunden in Anspruch, aber zu Hause war ich noch immer nicht. Wir übernachteten bei einem Freund in einem Vorort und fuhren am nächsten Morgen über die Schallalat-Straße zurück in die Stadt.

          Es gibt immer weniger Lebensmittel in Mossul zu kaufen, und die Bewohner befürchten, dass schwere Zeiten vor ihnen liegen könnten. Und da man wegen der Kämpfe zwischen Isis und Peschmerga nur noch schwer in die kurdischen Gebiete kommt, weichen manche zum Einkaufen nun schon ins syrische Hassake aus, denn zum einen ist die Strecke dorthin frei, und zum anderen bekommt man dort auch noch Benzin, während die Brennstoffe in Mossul langsam zur Neige gehen.

          Straßenszene mit Isis-Flagge
          Straßenszene mit Isis-Flagge : Bild: REUTERS

          Deswegen fahren auch immer weniger Autos durch Mossul, dafür stehen sie kilometerlang an den verbliebenen Tankstellen an. Mahmud al Hauri stand zwei Tage in der Reihe, bis er zwanzig Liter Benzin tanken konnte. Er hatte eine Matratze und ein Kissen mitgebracht, etwas Essen und Wasser und einen Fußball. Die Jüngeren unter den wartenden Autofahrern haben ein Spielfeld in den Sand neben der Straße gezeichnet und auf jede Seite zwei große Steine als Tor gelegt. Dort spielen sie Fußball, bis sie irgendwann tanken können. „Endspiele der Tank-Weltmeisterschaft“ nennen das manche.

          Berufsbeschränkungen für Christen

          Mossul verändert sich in Windeseile, selbst an der Kleidung von Männern und Frauen macht sich das bemerkbar. Vor allem die Männer kleiden sich zunehmend nach afghanischer Mode, wenn sie auf die Straße gehen. Gerade junge Leute imitieren den Kleidungsstil, den sie bei Isis-Kämpfern beobachten: ein Hemd, das bis zu den Knien reicht, dazu eine Pluderhose. Damit stolzieren sie durch die Stadt. Die Schneiderwerkstätten haben sich bereits darauf eingestellt und fertigen entsprechende Bestellungen an. Sie arbeiten professionell und schneidern Gewänder mit ein paar modischen Extras. Auch die Textilfabrik von Mossul, die in den ersten Tagen nach der Eroberung stillstand, stellt jetzt auf Anweisung von Isis Kleidung im afghanischen Stil her.

          Andere Veränderungen betreffen die nichtmuslimischen Minderheiten. Am Anfang bemühte sich Isis, nicht zu auffällig gegen Christen vorzugehen. Aber jetzt ist ein offizielles Handbuch aufgetaucht, demzufolge Christen nicht mehr in Versorgungseinrichtungen arbeiten dürfen. Betroffen sind unter anderem die Wasserbetriebe.

          Unterdessen sind in der Ferne syrische Flugzeuge zu hören, die westlich von Mossul Bomben über Baadj abwerfen, wo sich nahe der Grenze viele Isis-Kämpfer aufhalten. Man muss wohl damit rechnen, dass Syrien auch in der Zukunft grenzüberschreitend Rechnungen mit Isis begleichen wird.

          Den Bewohnern Mossuls steht eine ungewisse Zukunft bevor. Währenddessen müssen sie mit Umständen zurechtkommen, die sich permanent verändern.

          Aus dem Arabischen übersetzt von Günther Orth.

          Quelle: F.A.S.

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