15.10.2007 · Vor dem Studium ist Iris Bahr durch Asien gereist. Nicht auf der Suche nach Drogen und Raves, sie wollte entjungfert werden. Ihre Reiseerinnerungen sind ein offenherziges Buch übers Erwachsenwerden - und die neue Bibel der Backpackerin.
Von Till HaaseDie Frau ist Sex, redet gern über Sex, keine Frage. Man müsste es eigentlich wissen nach der Lektüre ihres Buches - aber wie sie, wenn man sie zum ersten Mal sieht, da so vor einem steht, so zart und klein und so normal mit Pferdeschwanz, in Tanktop und Jeans, kann man es nicht so richtig glauben. Noch nicht.
Die Schauspielerin und Komödiantin Iris Bahr ist in den neunziger Jahren nach Asien gereist. Sie hat getan, was viele Israelis tun, die ihren Militärdienst beendet haben: die Freiheit genießen, auf den Putz hauen. Nur dass Iris Bahr nicht auf der Suche nach Drogen und Raves war, sondern entjungfert werden wollte - und jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben. Es heißt „Moomlatz oder wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren“. Das Werk als „autobiographisch“ zu bezeichnen, wäre eine Verharmlosung, es ist ein Striptease. Seelisch wie physisch.
Fäkalien, Sex, Albernheiten
Man fragt sich, ob das alles überhaupt wahr sein kann. Das mit der Banane und der Gurke und das im Urwald. Und die deutsche Schauspielerin Nora Tschirner, die Iris Bahr auf ihrer Lesereise durch Deutschland begleitet, muss sich das auch des Öfteren gefragt haben. Jedenfalls will sie während der Lesung in Berlin wissen, bei der sie die deutsche Übersetzung liest, wie man denn bitte wie ein „T“ ausgebreitet auf dem Bett liegen und gleichzeitig masturbieren könne. Momente wie dieser, in denen Nora Tschirner Iris Bahr und ihren Anspruch foppt, alles wahr aufgezeichnet zu haben, das sind die besten an diesem Abend. Allerdings: All die Fäkalien, der Sex und die Albernheiten, die laute Iris Bahr und ihr ratterndes Englisch - das gefällt nicht jedem; in der Pause gehen ein paar Leute.
Im Buch schildert sie bis ins kleinste Detail, wie es ist, sich mit einem Wasserstrahl den Intimbereich zu säubern, und wie genau ihr Stuhl aussieht. Das möchte man nicht unbedingt wissen. Auf der anderen Seite: Wenn Iris Bahr ihren Intimbereich an anderer Stelle als Gazastreifen bezeichnet, der danach lechzt, besetzt zu werden, muss man schon schmunzeln. Und es geht ja auch nicht ausschließlich um Sex - ihre Beschreibungen der Backpackerszene, der Oberflächlichkeit und der Eitelkeiten treffen ziemlich gut.
Dann zeigt sie in der Umkleide ihren Hintern
Vielleicht sind die Provokationen einfach kluges Marketing: Iris Bahr lebt in Los Angeles, sie hat in Fernsehserien wie „Friends“, „King of Queens“ und der bei uns auf DVD zu sehenden „Curb your Enthusiasm“ von Larry David mitgespielt; sie weiß, wie man zum Gespräch wird und wie man im Gespräch bleibt. Und natürlich bedient sie Männerphantasien, wenn sie sich in „Moomlatz“ als williges Mädchen präsentiert, das sich von Machos erniedrigen lässt; und natürlich befriedigt sie einen Voyeurismus, wenn sie alles ganz explizit schildert.
Aber dann, in ihrer Umkleide, fragt man Iris Bahr, ob es ihr schwergefallen sei, wieder wie eine Zwanzigjährige zu fühlen, zu schreiben. Sie sagt: „Nein, ich habe mich nicht groß verändert.“ Und man fragt weiter: „Exkremente und Sex spielen also immer noch eine wichtige Rolle in Ihrem Leben?“ Sie sagt einfach nur: „Ja.“ Und es klingt eben nicht nach Marketing, sondern ziemlich ehrlich. Dann spricht man sie auf ihren Hintern an, der im Buch gefühlte achtzig Mal erwähnt wird, meist in Zusammenhang mit Wörtern wie „klein“, „süß“, „knackig“, „großartig“, und sie grinst nur, dreht sich um und zeigt ihn. Und ihren Bauch, den präsentiert sie auch ganz gern.
Und der Dönermann winkt zurück
In ihrem Buch schreibt Bahr, schon ihre Grundschullehrerin habe gesagt, dass sie viel Aufmerksamkeit brauche. Aber dass sie auf die Bühne will, vor Publikum, das wurde ihr erst nach einem schweren Unfall richtig klar. Sie nahm Schauspielunterricht und machte erste Erfahrungen als Stand-up-Comedian. Im November 2006 feiert „Dai“ seine Off-Broadway-Premiere. Ein Eine-Frau-spielt-elf-Personen-Stück, das die letzten Stunden vor einem Bombenanschlag in einem Café in Tel Aviv zeigt. Iris Bahr wurde dafür für den „Drama Desk Award 2007“ nominiert; der hat immerhin Dustin Hoffman groß gemacht.
Nach der Lesung in der „Bar jeder Vernunft“ zieht Iris Bahr noch für eine New Yorker Radiostation durch Berlin, interviewt Menschen aus dem Nachtleben. Die Sendung heißt „Studio 360“, sie spielt die Reporterin Fiona Chutney, ein fiependes Mauerblümchen, das bevorzugt ziemlich naive Fragen stellt. Vor einer Dönerbude wird klar, warum Iris Bahr vor Publikum will, warum sie auf der Bühne steht. Da läuft sie auf einen Dönerladen zu, einen von der Sorte mit großen Schaufenstern, durch die man das Personal schon vor Betreten des Ladens von der Seite beim Zubereiten der Speisen betrachten kann. Und Iris Bahr hebt den Arm zur Begrüßung, sie will eigentlich einfach nur witzig sein für die Tontechnikerin, die dabei ist; sie tut so, als ob das ihr Stammladen wäre, obwohl sie doch erst zweimal zuvor in Berlin gewesen ist. Und der Dönermann schaut genau in diesem Moment von seiner Arbeit auf, aber er macht kein verdutztes Gesicht, er ignoriert sie auch nicht. Er spielt nicht mit, oder er spielt zu gut mit - wie man es sieht -, jedenfalls winkt er zurück, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, und ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, als ob er sie wirklich erst gestern noch gesehen hätte. Und Iris Bahr, die scheint für einen kurzen Moment fast ein wenig überrascht von der eigenen Wirkung.
Mal was Verrücktes machen
Später am Abend kokettiert sie mit der eigenen Schüchternheit und Spießigkeit, erzählt von Momenten, in denen sie gar nicht so direkt und gar nicht so freizügig war. Als sie zum Beispiel ein paar Freunde überredet hat, doch mal was Verrücktes zu machen und in eine Art Swingerclub zu gehen. Und wie dann ausgerechnet sie, die die ganze Sache angestoßen hat, abgetörnt von all den anderen gaffenden Menschen im Bademantel im Barbereich des Clubs Pornos auf Fernsehern angeschaut und auf ihre Freunde gewartet hat, die sich einen Stock höher auf der Spielwiese vergnügten, und irgendwann nach oben gegangen ist und vorsichtig gefragt hat: „Können wir gehen?“
Oder wie sie gerade neu in ihr Haus in Los Angeles eingezogen war, ein Freund bei ihr übernachtete, aber am nächsten Morgen nicht in seinem Bett lag. Und wie sie ihn gesucht und schließlich splitternackt auf dem Dach des Hauses stehend gefunden hat. Und ihn empört auffordern musste, sofort wieder ins Haus zu kommen, sie wolle es sich doch nicht schon gleich zu Anfang mit der Nachbarschaft verscherzen.
Diese Frage ist gemein
Früher wäre Bahr lieber etwas orthodoxer gewesen. Damals in New York, als kleines Kind an ihrer jüdischen Schule hat sie ihr säkulares Elternhaus verheimlicht. Sie habe kein Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Gemeinschaft entwickeln können, sei sich vorgekommen wie eine Aussätzige inmitten des eigenen Volkes. Auch das schreibt sie in ihrem Buch. Nach der Trennung der Eltern geht sie zwölfjährig mit ihrer Mutter nach Tel Aviv und bleibt dort, bis sie für ein Studium der Neuropsychologie wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehrt. Sie sagt, durch ihr Leben in beiden Kulturen, der israelischen und der amerikanischen, habe sie den Blick auf beide Länder; sie könne über sich selbst lachen, über ihre jüdische Identität und ihre Sexualität.
Manchmal ist Iris Bahr so direkt, dass es schwer wird für andere. Der türkische Taxifahrer, der sie für den Radiobeitrag in den nächsten Club fährt, bekommt das zu spüren: Iris Bahr drückt ihm ihr Mikrofon ins Gesicht. Der Mann spricht kaum Englisch, nur das, was man halt können muss, um Touristen vom Flughafen in die Stadt zu bringen. Und Iris Bahr stellt ihm belanglose Fragen, und der Mann macht mit bei dem Spaß, antwortet ganz nett, ganz naiv - obwohl er sich sichtlich unwohl fühlt: Ja, ich fühle mich wohl in Deutschland. Ja, ich fühle mich akzeptiert. Ja, ich habe auch deutsche Freunde.
Und dann fragt ihn Iris Bahr: „Und? Haben Sie auch jüdische Freunde?“ Und diese Frage ist gemein, weil der Mann ja nicht blöd ist, weil er natürlich merkt, dass er vorgeführt werden soll. Unsinnig ist sie auch, weil klar ist, dass die Antwort nicht witzig sein wird, höchstens komisch, aber das andere Komisch. Jedenfalls sagt der Taxifahrer „Nein“ und starrt noch verkrampfter geradeaus als zuvor - sofern man überhaupt unverkrampft schauen kann mit einem Mikrofon im Gesicht. Und Iris Bahr merkt, dass sie da gerade eine Grenze überschritten hat. Sie versucht, es aufzufangen, versucht, das Politische herauszunehmen und die Sache ins Private zu bringen. „Aber dann kommen sie ja nie in den Genuss von . . .“, sagt sie - und zählt schnell ein paar jüdische Gerichte auf. Und der Taxifahrer, der schaut halbwegs versöhnt.
Sehr präsent, sehr direkt
In ihrem Theaterstück „Dai“ sitzt ein bunter Haufen Menschen in einem Café. Ein schwuler deutscher Möbeldesigner zum Beispiel, der der Liebe wegen nach Israel kommt und vom Holocaust nichts mehr hören will. Oder ein Kibbuznik, der für seinen Grund und Boden gekämpft hat und jetzt verzweifelt ist, weil sein Sohn nicht in die Armee will. „Die Besucher des Stückes wissen“, sagt Iris Bahr, „dass das Café gleich in die Luft fliegt.“ Sie identifizierten sich mit den handelnden Personen, sie fühlten mit ihnen. Sie wissen, dass die Bombe hochgeht, aber sie wissen nicht, wann.
So sei das Leben in Tel Aviv. Man bewege sich immer auf einer Kante, man wüsste, es kann jederzeit passieren, aber wann genau, das wüsste man nie. Irgendwann, es ist spät geworden, kommt Iris Bahr zur Ruhe - ausgerechnet auf einer Tanzfläche. Sie scheint ganz bei sich zu sein. Den Kopf leicht nach vorn gebeugt, das Gesicht hinter den Haaren verborgen: Sie ist nicht der Mittelpunkt, sie ist nicht auf der Bühne, sondern nur eine von vielen auf der Tanzfläche.