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Iring Fetscher wird 90 : Das Tempo eines Volkserziehers

Alle mal aufpassen: Iring Fetscher bei einer Gesprächsrunde im Historischen Museum Bild: Frank Röth

„Kein letztes Wort über Marx“ oder „Der Fernsehprofessor achtet auf Umgangsformen: Zum 90. Geburtstag des Politikwissenschaftlers und Publizisten Iring Fetscher.

          Im Jahr 1963 richteten die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität einen zweiten Lehrstuhl für „Wissenschaftliche Politik“ zusätzlich zu demjenigen Carlo Schmids ein. Die Fakultät setzte den Historiker Golo Mann auf den ersten Platz ihrer Berufungsliste. Dass der Ruf dann an den Zweitplazierten, den Politologen Iring Fetscher erging, beruhte zwar auf einer Intrige Max Horkheimers, der Mann gegenüber dem Ministerium antisemitischer Einstellungen verdächtigte, doch es lag darin eine List der Vernunft. Denn auf diese Weise kam die Universität, die wenig später zu einem Zentrum der Studentenunruhen werden sollte, in den Genuss des wohl ausgeglichensten Marxismuskenners der Republik.

          Fetscher hatte sich, in Marbach am Neckar geboren und in Dresden als Sohn eines Mediziners aufgewachsen, 1959 in Tübingen - wo er Assistent des Philosophen Eduard Spranger gewesen war - über „Rousseaus politische Philosophie“ habilitiert, ein Buch von bleibendem Rang, das den Stichwortgeber der Französischen Revolution als konservativen Denker zeigt, dem es mit seinen republikanischen Ideen um die Verlangsamung des gesellschaftlichen Wandels ging.

          Beeindruckt von Kojèves Weltsicht

          Zuvor waren Studien über Stalin, über „Die Freiheit im Lichte des Marxismus-Leninismus“ und über das ost-westliche Missverständnis erschienen, die Sowjetideologie sei das letzte Wort über Marx. Letzterer Band erlebte in dreißig Jahren dreiundzwanzig Auflagen. Eine von Fetscher zusammengestellte, vierbändige Quellensammlung „Der Marxismus“ gehörte damals zur akademischen Grundausstattung.

          Das Interesse Fetschers am marxistischen Denken war kein parteiliches. Er hatte als Stipendiat 1948/49 in Paris in zahlreichen Kaffeehausgesprächen den im französischen Wirtschaftsministerium arbeitenden Philosophen Alexandre Kojève kennengelernt. Dieser elektrisierte mit seiner These, Hegels Geschichtsphilosophie sei der Versuch, Napoleon und das „Ende der Geschichte“ zu verstehen, seit den dreißiger Jahren die französische Intelligenz. Der Napoleon der Gegenwart aber, so Kojève, sei Stalin, den es nun zu verstehen gelte. Fetscher, den diese im Deutschland der Nachkriegszeit völlig unbekannte Weltsicht beeindruckte, brachte 1958 eine Übersetzung der wichtigsten Passagen von Kojèves Vorlesungen zu Hegels „Phänomenologie des Geistes“ heraus.

          Bomben-Entschärfer als Ideal

          Sein eigenes Temperament war allerdings nicht so spekulativ. Die Theorie erschien dem einstigen Mitglied der SPD-Grundwertekommission - erst anschließend trat er der Partei bei - vermutlich stets mehr als ein Mittel vor allem der Volksbildung an Studenten und Mitbürgern denn als ein Zweck. Fetscher kommentierte in Sachbüchern fast alle Debattenthemen der Bundesrepublik: die Friedenssicherung, den Terrorismus und die Wachstumsgrenzen, den Wohlfahrtsstaat und die politischen Umgangsformen in Deutschland.

          In den siebziger Jahren trug ihm diese Bereitschaft, öffentlich über die res publica zu lehren und zu belehren, den Namen „Fernsehprofessor“ ein, als allerdings das Fernsehen auch noch ein wenig anders war. Zwischendurch schrieb Fetscher eigene Versionen von Grimms Märchen. Daneben entstand zusammen mit seinem bekanntesten Schüler, Herfried Münkler, ein fünfbändiges Handbuch politischer Ideen, und ein Kommentar zur Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels, die er als einundzwanzigjähriger Soldat gehört hatte.

          Immer wieder erinnerte er an die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, dem zweihundert von fünfhundert Seiten seiner Memoiren gelten. Der Kriegsfreiwillige Fetscher kam aus ihm als Oberleutnant der Artillerie heraus, um dann zu erfahren, dass sein Vater am letzten Kriegstag von SS-Männern wegen des Versuchs erschossen worden war, mit der Roten Armee zu verhandeln. Jene Erfahrungen fasste der Katholik einmal in dem Satz „Jetzt kann man nur noch beten“ zusammen. Als seine liebsten Helden in der Wirklichkeit hat er „Bomben-Entschärfer“ bezeichnet.

          In Frankfurt verhaftet

          „Wenn man sich fragt, warum Rousseau nicht zum humanen Weltbürger statt zum patriotischen Staatsbürger erziehen will, so wird seine Antwort hierauf zweifellos lauten, dass es sinnlos wäre, die Menschen für eine Gemeinschaft zu erziehen, die gar nicht existiert.“ So heißt es in Fetschers Rousseau-Buch.

          Er selbst realisierte das Weltbürgertum durch zahlreiche Gastprofessuren, aber auch durch seine Leidenschaft als Kunst- und Autographensammler, den Patriotismus durch politische Publizistik, dann aber auch noch das Stadtbürgertum, indem er Rufe nach Konstanz, Nijmwegen, Wien und New York ablehnte und ein Vierteljahrhundert lang seinen Frankfurter Lehrstuhl bekleidete. Am vierten März wird Iring Fetscher neunzig Jahre alt.

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