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Irans Opposition Wir kennen das Volk nicht

20.07.2005 ·  Die Präsidentenwahl war ein Schock für Irans Künstler und Intellektuelle. Sie haben darin viel mehr verloren als nur eine Wahl. Viele von ihnen hatten Rafsandschani unterstützt, die Symbolfigur der Selbstbereicherung der Machtelite.

Von Christiane Hoffmann, Teheran
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Sehr gesprächsfreudig sind viele der iranischen Künstler und Intellektuellen dieser Tage nicht. Es scheint, daß sie unter dem Schock der Wahl des Ultrakonservativen Mahmoud Ahmadineschad zum Präsidenten das tun, wozu die Natur Mensch und Tier unter Schock befähigt: den Schmerz nicht wahrzunehmen und weiterzumachen wie bisher.

Sie versuchen, das Gesicht zu wahren, und scheinen krampfhaft bemüht, nur nicht schwarzzusehen. „Wir arbeiten weiter wie zuvor“, sagt etwa die Theaterregisseurin Pari Saberi. „Es ist ja bisher nichts passiert.“ Aber Murat Saghafi, Mitherausgeber der politischen Monatszeitschrift „Guft-e-gu“, kontert: „Wenn die Iraner sagen, es sei nicht so schlimm, dann heißt das, daß sie sehr große Angst haben.“

Diese Präsidentenwahl war eine schwere Wahl für die iranischen Künstler und Intellektuellen, und sie haben viel darin verloren, viel mehr als nur eine Präsidentenwahl. Zunächst einmal gilt es nun, sich von der in der Chatami-Ära liebgewonnenen Idee zu verabschieden, daß es in Iran eine Art nationalen Konsens darüber gäbe, daß das Land vorrangig demokratische Reformen und eine Lockerung der durch den islamischen Staat vorgegebenen Sittenregeln brauche. „Wir hätten nicht geglaubt, daß Ahmadineschad so viele Stimmen bekommen würde. Wir mußten feststellen, daß wir unser Volk nicht kennen“, sagt Farsaneh Taheri, Witwe des Schrifstellers Houschang Golschiri, die sich mit einer Stiftung für junge Schriftsteller engagiert.

„Eine Übung in Demokratie“

Die demokratisch gesonnenen Intellektuellen mußten erkennen, daß der Liberalisierung des Landes nicht nur die konservativen Machthaber, sondern auch ein nicht unbedeutender Teil der Bevölkerung entgegensteht. „Wir müssen das als eine Übung in Demokratie betrachten und als Votum des Volkes akzeptieren“, sagt der Intellektuelle Bijan Chadschejpur. Schwerer als der Verlust von Illusionen mag der Verlust von moralischer Autorität wiegen. Vor der von vielen als „Panikvotum“ bezeichneten Stichwahl zwischen Ahmadineschad und dem ehemaligen Präsidenten Rafsandschani hatten zahlreiche namhafte Künstler die Werbetrommel für die Symbolfigur der Korruption und Selbstbereicherung der postrevolutionären Machtelite gerührt.

Rafsandschani, der seit fünfundzwanzig Jahren an den Schaltstellen der Macht in der Islamischen Republik gesessen hat, erschien plötzlich als Garant der kleinen Freiheiten, der Lockerung der Zensur, der Ansätze von Pressefreiheit - ungeachtet dessen, daß politische Repressionen und Morde unter seiner Präsidentschaft an der Tagesordnung waren, setzten sich Filmregisseure wie Abbas Kiarostami und der Schriftsteller Mahmoud Doulatabadi, von dem zahlreiche Bücher ins Deutsche übersetzt worden sind, für Rafsandschani ein. Aufrufe oder zumindest Bekenntnisse zum Wahlboykott kamen dagegen von Teilen des Schriftstellerverbands, dem radikalen Flügel der Studentenorganisation, der national gesonnenen, außerparlamentarischen Opposition und einigen wenigen Intellektuellen wie der Nobelpreisträgerin Schirin Ebadi und dem Regimekritiker Akbar Gandschi.

Die schwache Flamme der Opposition

An der Person Gandschis entzündet sich dieser Tage auch die schwache Flamme der demokratischen Opposition. So veröffentlichten Ende Juni 380 Intellektuelle ein Manifest zur Unterstützung Gandschis. Nach der Erklärung von 565 Intellektuellen im März, in der diese die politische Situation in Iran anprangerten, meldet sich hier wiederum eine sich formierende Opposition zu Wort, die ein breites Spektrum von Künstlern und Intellektuellen von demokratisch gesonnenen Klerikern bis hin zu Vertretern der säkularen Opposition umfaßt.

Der achtundvierzig Jahre alte Gandschi, prominentester politischer Gefangener der Islamischen Republik, wurde am vergangenen Montag nach wochenlangem Hungerstreik in ein Teheraner Krankenhaus eingeliefert, wo ihn bisher weder seine Angehörigen noch seine Anwälte, zu denen auch Ebadi gehört, besuchen durften. Die iranischen Behörden bestreiten, daß der Krankenhausaufenthalt in Zusammenhang mit dem Hungerstreik steht. Seine Ehefrau hatte den Zustand Gandschis, der auch an Asthma leidet, bereits in der vergangenen Woche als kritisch bezeichnet. Der einstige Revolutionär und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Revolutionsgarden hatte auf dem Höhepunkt der Chatami-Ära mit zwei Büchern Aufsehen erregt, in denen er die Hintergründe der Serienmorde an Künstlern und Intellektuellen beleuchtete und die Staatsführung, nicht zuletzt Rafsandschani, anprangerte.

Ein weiterer Tabubruch

Freilich nannte er die Beschuldigten nicht beim Namen, sondern kennzeichnete sie durch einen Code. Nach seiner Teilnahme an einer Konferenz mit Exil-Iranern in Berlin im Frühjahr 2000 wurde Gandschi wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit und Verunglimpfung der politischen Führung zu zwölf Jahren Haft verurteilt, nach der Revision verringerte sich die Strafe auf sechs Jahre. Zu wirklichem Dissidententum schien Gandschi die moralische Statur zu fehlen. Mit einem Hang zur Effekthascherei kratzte er sich etwa vor Beginn seines Prozesses die Arme blutig, um dann vor Gericht vorzugeben, er sei gefoltert worden. Unter den harten iranischen Haftbedingungen ließ er sich dann aber nicht einschüchtern, sondern holte mit seinem „Republikanischen Manifest“ zu einem weiteren Tabubruch aus: Er stellt darin die Autorität des religiösen Führers in Frage und vertritt die Ansicht, daß es im Rahmen der Verfassung, die ihm eine fast uneingeschränkte Machtstellung garantiert, keine wirkliche Demokratie geben könne.

Nach Angaben seiner Frau hat man ihrem Mann zu verstehen gegeben, daß er nur mit einer Entlassung rechnen könne, wenn er sich von seinen Ansichten distanziere. Verschärfte Haftbedingungen und erhöhter Druck sollen den Dissidenten offenbar dazu bringen, seine Kritik zu widerrufen. Aber Gandschi nutzte einen Hafturlaub im Mai dazu, seine Ansichten in einem Radiointerview zu bekräftigen und zum Wahlboykott aufzurufen. Zwei Tage darauf saß er wieder im Gefängnis. Mit seinem Hungerstreik will Gandschi die bedingungslose Haftentlassung erreichen.

Nachdem zahlreiche Menschenrechtsorganisaitonen, die Europäische Union und die Vereinigten Staaten die iranische Justiz zur Freilassung Gandschis aufgefordert haben, hat sein Schicksal nun den weitgehend verstummten politischen Protest innerhalb Irans in bescheidenem Rahmen wieder angefacht. In der vergangenen Woche versammelten sich etwa zweihundert Demonstranten vor der Universität in Teheran und forderten die Freilassung Gandschis und anderer politischer Gefangener. Es kam zu Auseinandersetzungen und zahlreichen Festnahmen. Die Oppositionellen in Iran fordern schon seit längerem, daß Europa sich stärker für die politischen Gefangenen einsetzen solle.

Quelle: F.A.Z., 21.07.2005, Nr. 167 / Seite 33
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Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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