http://www.faz.net/-gqz-8v6wt

Iranische Literatur in Berlin : Soll Lachen Verrat sein?

  • -Aktualisiert am

Er machte den Glauben wieder groß, aber die Schriftsteller hielt er klein: Ajatollah Chomeini kehrt 1979 nach Iran zurück. Bild: Corbis

Manches Buch reicht man erst gar nicht zur Zensur ein: In Berlin loten drei iranische Schriftsteller den Spielraum zwischen Politik, Zensur und dichterischer Freiheit in ihrem Heimatland aus.

          Es war einmal eine twitterfreie Zeit, da wussten bunte Heftlein von einem Pfauenthron zu berichten, auf dem saß ein Mann ohne Turban. Ging er auf Reisen, hörte er allenthalben „Applaus! Applaus! Applaus!“ Alsbald indes erbarmte man sich im der bunten Hefte des Pfauenthrons: Niemand sollte hinfort auf ihm sitzen, weshalb man brachte einen Mann mit Turban, welcher kam ohne dies Möbel aus.

          Gedankensplitter, Erinnerungsfetzen, Impressionen. Die Fatwa über Salman Rushdie, das Todesurteil eines iranischen Ajatollahs, gefällt über einen indischen Autor; erst im Februar letzten Jahres ist das „Kopfgeld“ noch einmal erhöht worden. Der anschwellende Selber-schuld-Chor. Religion first, life second. Ein regenfeuchter Abend in Berlin. Vor der Schaubühne stehen Grüppchen rauchender Frauen und Männer, allerlei Nationalitäten, nirgends ein Kopftuch. Wenig später zündet sich Mahmud Doulatabadi auf der Bühne eine Zigarette an.

          Geschichte als Pathologisierung

          Der große Star der iranischen Literatur, 1940 geboren, ist einer von drei Autoren, die in einer vom Goethe-Institut in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin konzipierten Reihe auftreten; weitere Künstler und Künstlerinnen bringen deutschen Besuchern iranische Musik und Theater nahe. Doulatabadi hat sich für seine Lesung den Titel „Fremdheitsgefühle“ gewünscht. Die hat er immer wieder empfunden: Als er in jungen Jahren auf der Suche nach Obdach durch Teheran streifte und, ganz stranger in the night, nur vor verschlossenen Türen stand, aber auch als Selbstentfremdung, als universelles Grundgefühl, ähnlich dem „Fremden“ von Camus. Doch wurde Doulatabadi, dem Bauern, Autodidakten und akademischen Underdog, das Etikett auch angesteckt. „Seit fünfzig Jahren“, so sagt er in der Schaubühne, führe er nun „ein Leben in Einsamkeit“.

          Ein sardonisches Lächeln des iranischen Schriftstellers Mahmud Doulatabadi. Aufgenommen auf der Frankfurter Buchmesse 2009.

          Sein umfangreichstes Werk, „Kelidar“, ist auf Deutsch nur als Auszug erhältlich, sein beeindruckendstes, „Der Colonel“, nicht auf Persisch; in Iran liegt es seit Jahren bei der Zensurbehörde. Doulatabadi lässt häufig in der Schwebe, zu welcher Zeit eine Geschichte spielt, ob in einem Gefängnis unter dem Schah oder den Ajatollahs gefoltert wird. Subtile Kontinuitäten prägen die Beziehung zwischen Peinigern und Opfern und ziehen sich über Jahre hin. Geschichte als Pathologisierung. Im „Colonel“ heißt es: „Bei Menschen, die in einem Netz von Problemen gefangen sind und ihre Würde verloren haben, kann sich der Egoismus und das Gefühl, allem außer sich selbst fremd zu sein, bis zum Wahnsinn verstärken.“ Es gilt: „Lachen ist Verrat, Trauer und Weinen wird gepriesen.“

          Irgendwann verschwanden die hellen Farben

          Der Sturz des Schahs bleibt zentrales Motiv. Und der Schock, was aus dem notwendigen Dagegen geworden ist, weil man sich uneins über das Dafür war. Amir Hassan Cheheltan, geboren 1956, ist durch seine Kolumnen („Teheran Kiosk“) und seine Teheran-Romane bekannt, sein originellstes Werk jedoch ist „Der Kalligraph von Isfahan“, das vor historischer Folie die Bigotterie des schiitischen Klerus schildert und bei der iranischen Zensur gar nicht erst eingereicht wurde. Da Wörter feststehen, verleiht die Titelfigur des Buchs den Buchstaben Individualität und somit sinnlich-subversive Kraft; der Kalligraph „betrieb ein Liebesspiel mit Wörtern, und die Wörter trieben es miteinander“.

          Mit Shahriar Mandanipur, Jahrgang 1957, hätte man eigentlich durch den Berliner Wedding flanieren müssen. Um zu hören, wie das Straßenbild auf ihn wirkt. In seinem einzigen bisher auf Deutsch vorliegenden Roman, „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“, schreibt Mandanipur urkomisch und mit durchgestrichenen Passagen gegen Zensur an, skizziert er minutiös die Entwicklung nach der Islamischen Revolution: Als der Erzähler seiner Tochter ein Märchen vorliest, stellt er entsetzt fest, „dass Schneewittchen ein Kopftuch trug und ihre bloßen Arme von zwei schwarzen Balken verdeckt waren“; und dann, irgendwann, „verschwanden die hellen, fröhlichen Farben jäh aus dem Straßenbild“.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          Die digitale F.A.Z. PLUS

          Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

          Mehr erfahren

          Iranische Literatur wird heute unter anderem auf Deutsch, Englisch (Ramita Navais „Stadt der Lügen“), Niederländisch (Kader Abdolah) und Persisch verfasst oder erst veröffentlicht, häufig in Klein- oder Spezialverlagen (wie dem Sujet Verlag). Sie kennt traditionelle Erzählformen ebenso wie (post-)moderne. Sie ist düster, witzig, mehrdeutig, pointiert und überraschend. Wer hätte gedacht, dass ein Transsexueller kaum Probleme hat? Der heteronormative Schein wird ja gewahrt ... Wichtige Werke der eigenen Schriftsteller können in Iran aber nicht erscheinen, selbst eine Publikation auf Farsi im Ausland ist riskant. Der Dialog muss deshalb a priori international erfolgen. Das ist Last und Lust gleichermaßen. Doch weltweit erstarkt die Repression. Die Meinungsfreiheit wird oft kurzsichtig dem vermeintlich friedlichen Zusammenleben geopfert. Nur gut, dass Lachen eben kein Verrat ist.

          Weitere Themen

          Ohne angeklebten Bart

          Irans Frauen bei der WM : Ohne angeklebten Bart

          Was daheim verboten, ist in Russland erlaubt: Das iranische Team wird während der WM auch von vielen Frauen unterstützt. Sie dürfen dabei sogar auf ihr Verlangen aufmerksam machen – und haben schon einiges erreicht.

          Picasso mäht Rasen Video-Seite öffnen

          Vor New Yorks Skyline : Picasso mäht Rasen

          Das Kunstwerk über den Künstler steht im Stadtteil Brooklyn, ist rund drei Meter hoch, und der Künstler Elliott Arkin sagt, wenn Picasso heute lebte, müsste er vielleicht auch Rasen mähen, da sich die Kunstwelt verändert habe.

          Topmeldungen

          Statistik vor der Wahl : So hat Erdogan die Türkei verändert

          Seit 2002 regiert Recep Tayyip Erdogan die Türkei. Unter ihm wurde das Land wohlhabender und urbaner. Doch wirtschaftlich steht längst nicht alles zum Besten. Die Bilanz des AKP-Politikers in Grafiken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.