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Iran und Israel Sympathie für den Satan?

07.02.2006 ·  Als über Jahrhunderte verfolgte religiöse Minderheit, sollte man meinen, müßten Schiiten und Juden gleiche Interessen haben. Und es gab tatsächlich eine Zeit der engen Kooperation zwischen Iran und Israel - bis Chomeini kam.

Von Christiane Hoffmann
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Israel, so sagte mir vor einiger Zeit ein iranischer Intellektueller, könne eigentlich für Iran als Modell dienen auf seiner Suche nach einer religiösen Demokratie. Israel sei genau das, was viele iranische Reformer anstrebten: eine Demokratie mit starker religiöser Identität, nicht so säkular wie die westlichen Staaten, sondern in seiner staatlichen und gesellschaftlichen Identität stark in der Religion verwurzelt. Ohnehin gebe es eine Reihe von kulturellen und historischen Ähnlichkeiten zwischen Iranern und Israelis: ihre Opferidentität, den Stellenwert der Trauer in der Kultur, die Abwehrhaltung gegen außen, das Gefühl der Bedrohung durch den arabischen Nationalismus. Das gemeinsame Schicksal als nicht-arabische Völker im Mittleren Osten müßte Israel und Iran eigentlich zu natürlichen Verbündeten machen.

Iraner und Juden verbindet, seit Schah Cyrus der Große im sechsten vorchristlichen Jahrhundert die Juden aus babylonischer Gefangenschaft befreite, eine gemeinsame Geschichte, die nicht von Pogromen, geschweige denn von staatlich organisierter Verfolgung von Juden gekennzeichnet ist. Das Verhältnis des islamischen Regimes unterscheidet sich von der Haltung vieler Iraner, die Haltung zum Staat Israel unterscheidet sich von der Einstellung zu den Juden und zum jüdischen Glauben, den der Islam als eine der drei Buchreligionen anerkennt und achtet. Antisemitismus unterscheidet sich von Antizionismus, auch wenn sich hinter letzterem oftmals ersterer verbirgt.

Antikolonialistische Ressentiments

Wenn die antiisraelischen Haßtiraden des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch unter Iranern auf Sympathien stoßen, dann nicht so sehr deshalb, weil sie eine Aversion gegen Israel hegten, sondern weil die antiwestliche Chuzpe des Präsidenten Anklang findet. Antikolonialistische Ressentiments und Drittweltideologien sind bis weit in die demokratischen Teile der Bevölkerung verbreitet. Deshalb steht auch die vor allem in Washington vertretene Annahme, daß Kritik am religiösen Regime in Iran mit einer prowestlichen Haltung gleichzusetzen sei, auf schwankendem Boden.

Die iranisch-nationale Identität und die religiöse Identität als - schiitische - Muslime stehen seit je in der iranischen Kultur in einem Konkurrenzverhältnis und erlauben je verschiedene Identifikationen. Eine gegen Israel gerichtete Identifizierung mit den sunnitischen Arabern ist kaum ungebrochen. Nicht zuletzt deshalb reicht die Sympathie für die Palästinenser jenseits der politischen Inszenierungen nicht weit. "Unsere politische Führung soll sich mehr um uns kümmern und weniger um die Palästinenser", war eine der Forderungen reformorientierter Studenten in den letzten Jahren, die auf subtile Weise in der Parallelisierung mit den "unterdrückten Palästinensern" die eigene "Unterdrückung" anprangerte.

Sie sind Deutsche? Wie wunderbar

In den 2500 Jahren der Geschichte des Judentums in Iran gibt es keine dem deutschen oder auch dem osteuropäischen Antisemitismus vergleichbaren Phänomene. Zugleich zeigen manche der mit robustem Nationalismus gesegneten Iraner eine für europäische Sensoren erstaunliche Offenheit für rassistisches Denken. Gerade als Deutscher sieht man sich in Iran immer wieder begeisterten Umarmungen ausgesetzt, die mit der "gemeinsamen arischen Herkunft" begründet werden. "Sie sind Deutsche? Wie wunderbar, dann gehören wir zur selben Rasse."

Sympathien im persischen Kaiserreich für Hitler-Deutschland gründeten allerdings weniger in der Nähe zu dessen rassistischen Ideologien als in der alsbald enttäuschten Hoffnung, das Deutsche Reich möge Iran vor den Kolonialbestrebungen der Briten und Russen bewahren. Das heißt keineswegs, daß es keine Sympathien für Hitlers Antisemitismus gegeben hätte. Andererseits sahen sich iranische Juden zu dieser Zeit keiner Verfolgung ausgesetzt, und einer nicht unerheblichen Zahl europäischer Juden gelang - nicht ohne reichliche Bezahlung - über Iran die Flucht, oftmals nach Palästina.

Stellenwert des Holocaust nicht nachvollziehbar

Es ist entscheidend für das Verständnis ihrer Haltung gegenüber Israel und den Juden, daß für die Iraner - wie auch für viele andere Nicht-Europäer - der Stellenwert des Holocaust im deutschen und europäischen Bewußtsein nicht nachvollziehbar ist. Aus der außereuropäischen historischen Perspektive der Iraner, die sich selbst als Opfer der "globalen Arroganz" des europäischen und amerikanischen Imperialismus sehen, ist es kaum verständlich, warum in der Weltgeschichte den Leiden des jüdischen Volkes ein singulärer Stellenwert zukommen sollte. Das ist der Hintergrund der Äußerung Ahmadineschads, in Europa werde der Holocaust höher geachtet als Gott. In Europa, so der Präsident, könne jedermann ungestraft die Existenz Gottes, nicht aber den Holocaust in Zweifel ziehen. Das Leugnen oder Verharmlosen des Holocaust, wie es Ahmadineschad regelmäßig betreibt, dient einerseits dazu, gegen die westliche und israelische Deutungsmacht der Geschichte zu Felde zu ziehen, und zugleich dazu, die Existenzberechtigung des Staates Israel in Frage zu stellen.

Das persische Kaiserreich, das 1947 in den Vereinten Nationen noch gegen die Gründung Israels gestimmt hatte, baute dann aber alsbald freundschaftliche Beziehungen zum jüdischen Staat auf, für die es sich von arabischen Ländern immer wieder scharfer Kritik ausgesetzt sah. Unter der Islamischen Republik kehrte sich das Verhältnis um: Während arabische Nachbarn mit Israel Frieden schlossen, wurde der Antizionismus zu einer tragenden Säule iranischer Politik. Mit der Feindschaft gegen Israel, im offiziellen Sprachgebrauch die "zionistische Entität" genannt, polemisch auch: der "kleine Satan", suchte die Islamische Republik ihren ideologischen Führungsanspruch als nicht-arabisches Land in der Gemeinschaft der Muslime, der Umma, zu untermauern. Gemeinsam mit dem antikolonialistischen Kampf war die "Befreiung Palästinas" das wichtigste Vehikel, um der Idee des Revolutionsführers Chomeini von einem islamischen Internationalismus Nachdruck zu verleihen.

Elf Synagogen zählt allein Teheran

Mit der schärfsten antiisraelischen Polemik - Chomeini sprach von Israel als einem "Krebsgeschwür" - ging stets die Versicherung von Freundschaft und Hochachtung für die "nicht-zionistischen" Juden einher: "Der Islam behandelt die Juden genauso wie andere Gruppen der Nation. Sie sollten nicht unter Druck gesetzt werden. Es sind die Zionisten, die gegen die Lehren von Moses verstoßen", so Chomeini. Trotz eines bedeutenden Exodus unter der Islamischen Republik hat Iran heute mit etwa 30000 Juden noch immer die größte jüdische Gemeinde im Mittleren Osten. Ein Sitz im nationalen Parlament ist für einen jüdischen Abgeordneten reserviert. Elf Synagogen zählt allein Teheran, dazu Schulen und soziale Einrichtungen. Die sunnitischen Muslime kämpfen dagegen bis heute vergeblich darum, eine einzige Moschee in Teheran errichten zu dürfen.

Die antizionistische Propaganda hinderte den islamischen Staat nicht daran, heimlich mit dem Erzfeind ins Geschäft zu kommen. In dem in der Iran-Contra-Affäre aufgedeckten Waffengeschäften Mitte der achtziger Jahre war es Israel, das der Islamischen Republik Waffen lieferte, um sie im Krieg gegen den arabischen Feind, den Irak, zu unterstützen.

Hetzreden mit zwei Zielen

Ahmadineschad dürfte mit seinen Hetzreden zwei Ziele verfolgen. Erstens soll demonstrativ ein Gegenakzent zum Schmusekurs Chatamis gegenüber dem Westen gesetzt werden, jegliche weitere Annäherung, zumal an den "großen Satan" Amerika, unmöglich gemacht und damit im Innern die Reihen geschlossen werden. Zugleich zielt Ahmadineschad auf die arabische Straße, will er nach dem Vorbild Chomeinis den ideologischen Führungsanspruch unter den Muslimen bekräftigen. Kein Wunder also, daß er die Versammlung muslimischer Staatschefs in Mekka zum Ort seiner schärfsten Polemik wählte.

Um diese zu untermauern, organisiert Teheran nun eine pseudowissenschaftliche Konferenz zum Thema Holocaust. Ideologische Schützenhilfe für Holocaust-Leugner überall in der Welt hat Tradition in der Islamischen Republik. Staatsfernsehen und Zeitungen wie etwa die auf englisch erscheinende "Tehran Times" bieten den Revisionisten Raum, ihre Ansichten zu verbreiten. Andererseits dürfte ein Großteil der iranischen Bevölkerung keinen Zugang zu sachlichen Informationen über die Judenvernichtung haben.

Der Westen erstaunlich hilflos

Die westliche Reaktion auf Ahmadineschad bleibt erstaunlich hilflos. Die allgemeine Empörung beeindruckt weder den Eiferer noch diejenigen, die so denken wie er. Zugleich gelingt es dem iranischen Präsidenten mit demagogischem Talent, die Schwächen der westlichen Position für sich zu nutzen. Das Verbot, den Holocaust zu leugnen, das nur aus der historischen Erfahrung Europas verständlich ist, dient den Initiatoren der Konferenz dazu, sie als notwendige, "freie und demokratische Plattform" gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit in Europa anzupreisen.

"Wenn ihr sagt, daß es wahr ist, daß ihr sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg ermordet und verbrannt habt, warum sollten dann die Palästinenser dafür bezahlen?" Mit dieser Position, die in der arabischen Welt breiten Anklang findet, dürfen sich nicht nur die Juden, sondern ebenso die Deutschen, vielleicht sogar der Westen insgesamt, angegriffen fühlen. Dem Argument, so unerträglich polemisch es auch vorgebracht sein mag, keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken ist aber weniger ein Zeichen von Souveränität, sondern enthält auch einen Hinweis auf eigene Tabus und Denkverbote.

Selbst "ein Irrer wie der iranische Staatspräsident", so der Publizist Henryk M. Broder, könne ja gelegentlich recht haben: "Wenn es eine historische Gerechtigkeit gäbe, wäre der jüdische Staat in Deutschland errichtet worden, sozusagen als Kompensation für den Holocaust." Wenn es möglich wäre, die Widersprüche der Staatsgründung Israels zu thematisieren, sie zugleich als historische Gerechtigkeit und historische Ungerechtigkeit anzuerkennen, ohne dabei das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen, wäre es für den iranischen Eiferer schwieriger, seine Angriffe zu reiten.

Quelle: F.A.Z., 07.02.2006, Nr. 32 / Seite 35
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