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Iran: Jahrestag der Revolution Es geht um Erdöl? Dass ich nicht lache!

12.02.2010 ·  In Iran reißen die Proteste gegen das Regime nicht ab. Das System steckt in seiner tiefsten Krise seit der islamischen Revolution. Der Kampf, der jetzt begonnen hat, wird blutiger als die vorherigen ausgehen, befürchtet der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan.

Von Amir Hassan Cheheltan
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Als ich bei einer Einladung in Berlin einem Schriftsteller vorgestellt wurde, der sich als langjährigen Leser der Vierzeiler des iranischen Dichters Chayyam bezeichnete, legte er mir die Hand auf die Schulter und fragte: „Sagen Sie, worum geht es bei den Auseinandersetzungen dieser Tage in Teheran?“ In den wenigen Monaten, die ich in Berlin lebe, war es nicht das erste Mal, dass ich mit dieser Frage konfrontiert wurde. Meine Antwort war: „Um Erdöl!“

Der Schriftsteller hob die Schultern und brach, wohl um seinen Beifall für meinen Humor zu signalisieren, in Gelächter aus. Ich aber hatte keinen Grund zum Lachen, und er verstummte sofort wieder. Eine weitere Frage, die dann aber ausblieb, hätte lauten können: „Wären, wenn Iran kein Erdöl besessen hätte, etwa keine politischen Streitigkeiten ausgebrochen?“ Doch. Keine lebendige Gesellschaft kommt ohne Auseinandersetzungen aus. Aber der Weg meines Landes zur Demokratie wäre nicht so lang, beschwerlich und gefährlich geworden.

Erdöl und Waffen

Ajatollah Chomeini war davon überzeugt, dass allein die Tatsache, dass der Schah den Vereinigten Staaten freie Hand beim Plündern der iranischen Erdölvorräte gelassen hatte, seinen Verrat beweise. Das Schah-Regime war in den letzten Monaten des Jahres 1978 nach Monaten der Proteste und Auseinandersetzungen mürbe geworden, doch erst der Streik der Erdölarbeiter versetzte ihm den Fangschuss. Nach dem Sturz des Schahs übertrug Chomeini die Bildung der Übergangsregierung an Mehdi Bazargan, der zu Beginn der fünfziger Jahre im Auftrag der Regierung Mossadeghs nach Südiran gegangen war, um den Briten die Verwaltung der Erdölvorräte zu entziehen. Damals hat niemand die symbolische Bedeutung von Chomeinis Wahl beachtet.

In Iran ist die Geschichte des Erdöls die einer hundertjährigen politischen Auseinandersetzung. Der Schah hatte während der letzten fünfundzwanzig Jahre seiner Alleinherrschaft die Verfügungsgewalt über zwei Dinge inne, die er mit niemandem zu teilen bereit war: Erdöl und Waffen. Vermutlich hasste er niemanden so sehr wie die Briten – ein Hass, der durch Furcht bedingt war. Großbritannien hatte seinen Vater zunächst an die Macht gebracht und dann gestürzt, was bedeutete, dass dieses Land zu allem imstande war. Als Premierminister Mossadegh den Briten den Hahn abdrehte, konnte er also auf Verständnis des Schahs rechnen, aber was diesen beunruhigte, war, dass der Mann, der sich zu seinem Widersacher entwickelt hatte, durch diese Verfügungsgewalt über das Erdöl die eigene Macht festigte. So suchte der Schah doch wieder die Hilfe Großbritanniens und auch der Amerikaner. Der Putsch der CIA und des britischen Intelligence Service vom August 1953 sicherte dem Schah erneut die Macht, die ihm allerdings nur erlaubte, den Ölhahn wieder aufzudrehen, nicht, ihn auch zu schließen.

Kampf ums Erdöl

Nach der Islamischen Revolution konnte kein fremdes Land mehr der Plünderung iranischer Erdölvorräte bezichtigt werden. 2004 aber lautete die wichtigste Parole Ahmadineschads beim Kampf um die Präsidentschaft: Die Erdöleinnahmen gehören dem Volk! Er versprach, im Falle seines Sieges den gottgegebenen Reichtum dem Zugriff der Ölmafia zu entziehen.

Während der ersten Amtszeit Ahmadineschads als Präsident lautete einer der Hauptvorwürfe gegen ihn, dass die Verwendung der Erdöleinnahmen unklar sei. Diesen Vorwurf hat die aktuelle iranische Protestbewegung aufgenommen. Ihre Symbolfigur, Mir Hossein Mussawi, hat in seinem letzten, erst vor wenigen Tagen veröffentlichten Interview festgestellt: „Die Modalitäten des Erdölverkaufs sind ebenso ungeklärt wie die Verwendung der betreffenden Einnahmen.“

Gekappte Verbindungen

Nach mehr als einem Jahrhundert fortgesetzter Unterdrückung der freiheitlichen und demokratischen Kräfte Irans ist die jüngste Protestbewegung, die sogenannte „Grüne Bewegung“, als einzige Hoffnung übrig geblieben. Wenngleich aus dem Protest gegen die Wahlfälschung hervorgegangen, hat sie sich nie auf dieses Thema beschränkt, sondern fordert unter Berufung auf das nationale Selbstbestimmungsrecht auch die Kontrolle über die wichtigste Einnahmequelle des Landes.

Dennoch ist das derzeit größte Problem der iranischen Staatsgewalt nicht die Protestbewegung. Die ursprünglichen Befürworter der Revolution sind in den 31 Jahren seither sukzessive abgesprungen oder eliminiert worden. Die aktuellen Zeugnisse über die Vergewaltigung von Gefangenen und über Massengräber auf dem Teheraner Zentralfriedhof haben die letzten Verbindungen der Staatsgewalt zu jenen ethischen Prinzipien gekappt, auf denen sie sich anfangs gegründet oder die sie zumindest für sich reklamiert hatte.

Massiver struktureller Wandel

Heute sind nur noch ein oder zwei der einflussreichen Persönlichkeiten, die die islamische Revolution in Gang gesetzt haben, auf der politischen Bühne Irans präsent. Die restlichen Revolutionäre sind verstorben, haben sich den Protestierenden angeschlossen oder verkümmern in den Gefängnissen. Diese nach der Präsidentenwahl von 2009 entstandene Situation, die zur längsten Phase der Instabilität in der Geschichte der Islamischen Republik geworden ist, kündet vor allem von den tiefgreifenden strukturellen Veränderungen der Gesellschaft. Seit 1979 hat sich die Bevölkerung Irans verdoppelt: Zwei Drittel der siebzig Millionen Iraner sind unter dreißig. Der Rückgang der Analphabetenrate und der Anstieg der akademischen Absolventen sind augenfällig. Zurzeit studieren drei Millionen Menschen an iranischen Universitäten, zwei Drittel davon sind junge Frauen. Wie kann man eine solche Gesellschaft mit unzeitgemäßen Methoden regieren?

Mein Fazit aus der modernen Geschichte meines Landes ist, dass unser Volk sich Katastrophen gegenüber geraume Zeit taub, blind und unwissend stellt. Wenn jedoch die Zeit gekommen ist, setzt es sich in Bewegung und ist dann nicht mehr aufzuhalten. Zurzeit ist diese Bewegung die einzige Macht, die Iran retten könnte; die Umsetzung von Veränderungen ist in einer Gesellschaft, die ihre Kapazitäten zunehmend sorgloser verschwendet, eine historische Notwendigkeit.

Das Schlimmste verhindern

Ich glaube allerdings, dass die Notwendigkeit zur Veränderung keinesfalls verhindern darf, dass über deren Art und Weise nachgedacht wird. Werden wir in Finsternis gestürzt, wird Iran aufgeteilt? Könnte Iran sich in ein weiteres Afghanistan oder einen weiteren Irak verwandeln? Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich glaube, dass man nur durch eine Erwägung der schlimmsten Entwicklungen imstande ist, diese zu verhindern.

Die Islamische Republik hatte nur wenige Tage zu existieren begonnen, als ich mir schon deren Ende wünschte. Jetzt endlich hat der letzte Akt ihrer Inszenierung begonnen. Statt mich zu erfreuen, erschreckt mich diese Vorstellung. Ich fürchte, dass dieser letzte Akt außerordentlich blutig enden wird, weitaus blutiger als die vorherigen Akte. Bei diesem Gedanken breche ich vor Entsetzen in Schweiß aus.

Aus dem Persischen von Susanne Baghestani.

Quelle: F.A.Z.
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