01.05.2003 · Das Britische Museum als Zentrale: Führende Forscher und Spezialisten aus aller Welt beraten über die Plünderungen in Bagdad und wie man die geraubten und zerstörten Kunstschätze retten könnte.
Von Gina ThomasEin Blick auf die Liste der Fachleute, die kurzfristig zu einer Zusammenkunft im British Museum anreisten, verrät den Ernst der Lage nach der Verwüstung der irakischen Museen. Von der Eremitage bis zum Getty, vom Louvre bis zu den Staatlichen Museen zu Berlin, von Pennsylvania bis Turin eilten führende vorderasiatische Forscher aus aller Welt nach London, um zu beraten, was aus den Trümmern gerettet werden kann. Der Londoner Kunsthandel und Vertreter der britischen und amerikanischen Regierung waren ebenfalls vertreten, um die Plädoyers für weltweite Zusammenarbeit zu erhören. Alle stimmten mit Neil MacGregor, der die internationale Initiative in die Wege geleitet hat, überein, daß es sich "um das größte Unglück für eine nationale Sammlung seit dem Zweiten Weltkrieg" handelt. Und alle waren sich einig, daß sie ihre Reserven an Fachwissen und anderen Mitteln den irakischen Kollegen zur Verfügung stellen wollen.
Anders als 1991 beim ersten Golfkrieg oder in Afghanistan mobilisieren sich jetzt die relevanten Institutionen weltweit unter dem Deckmantel von Unesco und British Museum. Auf diese Weise lassen sich die politischen Spannungen vermeiden, die das Verhältnis der Vereinigten Staaten mit Rumsfelds altem und neuem Europa beeinträchtigen. Die möglichen Auswirkungen dieser Querelen auf die kulturelle Zusammenarbeit dürfte den Betroffenen nur zu bewußt sein. Um so wichtiger, daß ein allseits anerkanntes Forum außerhalb der Regierungsstrukturen geschaffen ist. Das British Museum bietet sich als die Institution mit der bedeutendsten vorderasiatischen Sammlung außerhalb des Irak als Zentrale für diese konzertierte Aktion an. Zudem hat es das Glück, in Neil MacGregor einen politisch versierten Direktor zu haben, der die Empfindlichkeiten mit diplomatischem Geschick zu überspielen weiß.
Bei der Sitzung wurden nicht nur die Weichen für den Wiederaufbau gestellt. Erstmals konnten die Teilnehmer eine Bestandsaufnahme von einem geschätzten Kollegen hören, der dabeigewesen ist. Für die meisten war das Treffen denn auch ein Wiedersehen. Wie alte Kriegskameraden tauschten die Archäologen Erinnerungen an gemeinsame Ausgrabungen aus. Donny George, Forschungsdirektor des Nationalmuseums in Bagdad, warb bei seiner Schilderung dessen, was nach dem Sturz des Regimes vorgefallen ist, um Verständnis: Wenn ihm mitunter die Worte fehlten, so sollten die Anwesenden wissen, daß sein Herz spreche. Immer noch fassungslos, berichtete er, wie die amerikanischen Militärs untätig dabeigestanden hatten, während das Museum gestürmt wurde. Dabei waren die Panzer nur fünfzig Meter entfernt, als das Chaos ausbrach. Die flehenden Hilferufe blieben jedoch unbeachtet.
George erzählte, wie ein Museumsmitarbeiter nach dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung am Donnerstag, dem 10. April, zum Panzerfahrer hinübergegangen sei, um ihn zu bitten, vor den Toren des Museums Posten zu beziehen. Der Soldat habe seinen Führungsoffizier angerufen, der die Zustimmung aber verweigerte. Erst am darauffolgenden Mittwoch hätten die Amerikaner eingegriffen. Da war das Unglück schon geschehen, ungeachtet der zahlreichen Warnungen von Irak-Kennern, die Tony Blair noch am 19. März im Unterhaus mit dem Versprechen beschwichtigt hatte, "alles uns Mögliche zu tun, um sicherzustellen, daß die Stätten von kultureller und religiöser Bedeutung angemessen und richtig geschätzt sind". Die Unterstellung, daß diese Verbrechen hätten verhindert werden können, war im British Museum nicht zu überhören. Auch die Frage, weshalb das Ölministerium beschützt worden sei, während die Schätze einer sechstausend Jahre alten Zivilisation den Vandalen und Plünderern überlassen wurden, blieb im Raum stehen.
Trotz der auch hier wieder gestellten Forderung, die Grenzen zu schließen, um die Ausfuhr von Antiken aus dem Irak zu verhindern, mußten Donny George und John Curtis, der Leiter der vorderasiatischen Abteilung des British Museum, am eigenen Leib feststellen, wie nachlässig die Kontrollen sind. Als die beiden vor wenigen Tagen von Bagdad nach Amman fuhren, wurden sie an der jordanischen Grenze von den amerikanischen Militärs durchgewinkt. Dahingegen mußten sie sich von den jordanischen Beamten einer strengen Überprüfung unterziehen lassen.
Auch Unmut über die Mischung aus Unsensibilität und Stümperei machte sich in London breit. Nicht nur, daß dem Vernehmen nach amerikanische Studenten an Stelle einheimischer Fachleute die Schäden an den archäologischen Stätten im Irak ermessen sollen. Die amerikanischen Behörden sollen auch zwei Exil-Iraker beauftragt haben, sie bei der Besetzung einer neuen Antikenabteilung in Bagdad zu beraten. Dabei gehört der nach dem Ersten Weltkrieg gegründete irakische Antiken-Dienst, der die Altertümer des Landes verwaltet, zu den wenig positiven Vermächtnissen des britischen Mandats. Unter den vielen Ungewißheiten, die den Wiederaufbau begleiten, war eines in London klar: daß die amerikanische Übergangsverwaltung den irakischen Fachleuten die Leitung der mit internationaler Hilfe unternommenen Programme zur Rettung der Altertümer überlassen müsse.