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Irakische Kulturgüter Als sich die Panzer zurückzogen

15.04.2003 ·  Die Plünderungen im Nationalmuseum von Bagdad, bei denen einzigartiges Weltkulturerbe geraubt wurde, waren offenbar geplant.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Als am 29. Mai des Jahres 1453 die Truppen von Sultan Mehmed Fatih die Mauern des altehrwürdigen Konstantinopel erstürmten, nachdem ein Voraustrupp durch die unverschlossene Kerkoporta in die Stadt eingedrungen war, setzten sofort umfangreiche Plünderungen ein. Daran beteiligten sich vor allem die Sieger, die osmanischen Truppen, die an das Beutemachen gewöhnt waren; doch gab es auch arme Teufel unter der einheimischen Bevölkerung, die sich im Schatten der Eroberer zu bereichern suchten.

Auch im Orient boten - wie in den meisten Kriegen - Regimewechsel den Armen immer wieder die Chance, durch Plünderungen ihr Mütchen zu kühlen und sich zu bereichern. Der Eroberer Konstantinopels ordnete nach drei Tagen an, daß das Plündern zu unterbleiben habe, die Truppen des neuen Machthabers hielten sich daran.

Drei Tage dauerte es auch, bis die amerikanischen Soldaten in Bagdad mit einigem Erfolg darangingen, das Plündern zu verhindern. Als besonders herber Verlust wird auch in manchen arabischen Blättern der Vandalismus im Nationalmuseum (mathaf al watani) zu Bagdad bezeichnet. Schon im Krieg 1991 war ein Teil der zahlreichen über den gesamten Irak verstreuten antiken Stätten - etwa hunderttausend an der Zahl - durch Bombardements in Mitleidenschaft gezogen worden.

Kein spontaner Entschluß

Unter einem Foto des weltberühmten Zikkurat (Stufenturm) von Ur im Südirak, der damals ebenfalls kleinere Treffer ("Kollateralschäden") abbekommen hatte, berichtete die in London erscheinende, als unabhängig geltende Zeitung al Hayat jetzt am ausführlichsten über die Plünderungen im Nationalmuseum von Bagdad. Sie beklagt, daß ungefähr achtzig Prozent des Bestandes beschädigt oder gestohlen worden seien. Daß es Bewaffnete waren, die in das Museum eindrangen, läßt wohl darauf schließen, daß der Entschluß zu plündern nicht spontan gefaßt war.

Nach Darstellung von al Hayat hatten amerikanische Panzer, nachdem über Plünderungen Informationen bekanntgeworden waren, vor dem Museum vorübergehend Stellung bezogen, offenbar in der Absicht, Diebe vor Plünderungen abzuschrecken. Doch als die Tanks abgezogen waren, drangen bewaffnete Banden in das Museum ein und setzten die Plünderungen fort. Kostbare Bücher und Handschriften sollen indessen weitgehend verschont worden sein, wie es heißt. Auch wird darüber berichtet, daß die Unesco, die für das kulturelle Erbe der Menschheit zuständige Unterorganisation der Vereinten Nationen, zu einer Sondersitzung zusammengerufen werden solle.

Hochkulturen im Irak

Das irakische Nationalmuseum, Mitte der zwanziger Jahre gegründet und erst am 28. April des Jahres 2000 aus Anlaß des Geburtstages von Saddam Hussein neu eröffnet, dokumentiert auf eindrucksvolle Weise die fünftausend Jahre alte Geschichte der Hochkulturen im Irak, in ihren antiken und islamischen Epochen. Besonders für die Herausbildung eines Bewußtseins der Zusammengehörigkeit in dem Vielvölkerstaat Irak galt und gilt diese kulturelle Einrichtung als besonders wichtig.

Die Plünderer hatten es vor allem auf Stücke abgesehen, die von berühmten Fundstätten wie Ur, Uruk (Warka), Niniveh und Babylon stammten. Inzwischen sind von den Amerikanern, wie dieselbe Zeitung berichtet, etwa zweitausend einheimische Polizisten eingesetzt worden, die neben allgemeinen Plünderungen auch das Stehlen von Kulturschätzen verhindern sollen.

Quelle: wgl. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.04.2003, Nr. 90 / Seite 41
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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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