20.03.2004 · Ein Jahr nach Beginn des Irak-Krieges wird am Großteil der Kriegsgründe gezweifelt. Die Befürworter hingegen argumentieren mit der Durchsetzung "universeller" Werte.
Von Ian BurumaInzwischen sind die meisten Gründe, die vor einem Jahr für die Invasion des Iraks vorgebracht wurden, in Mißkredit geraten. Doch die Befürworter des Krieges haben immer noch ein überzeugendes Argument: Unsere Soldaten sind nicht dort, um amerikanische oder auch westliche, sondern um "universelle" Werte durchzusetzen. Dem liegt die Annahme zugrunde, die Vereinigten Staaten stünden selbst für diese universellen Werte, und die Freiheit, nach Glück zu streben, die eigenen Führer zu wählen und auf offenen Märkten Handel zu treiben, solle von allen Menschen ohne Ansehen der Herkunft, der Geschichte, der Rasse oder der Kultur geteilt werden.
Manche mögen bezweifeln, daß Amerika als leuchtendes Beispiel für all diese guten Dinge gelten kann, wie so oft behauptet wird. Dennoch ist die Verbreitung dieser Werte sicher eine reizvollere Politik als die Stützung "unserer" Diktatoren im Namen einer Realpolitik. Allerdings zeigt die Geschichte, daß auch der Versuch, positive Werte mit dem Hinweis auf deren universelle Geltung gewaltsam durchzusetzen, negative Rückwirkungen haben kann und nicht Konvertiten, sondern Feinde schafft, die alles tun, um ihr Blut und ihren Boden zu verteidigen. So reagierten vor zwei Jahrhunderten die deutschsprachigen Länder Europas, als Napoleons Armeen sie unter dem Banner universeller Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit besetzten. Napoleon war ein Despot, und seine Grande Armée konnte brutal sein, doch seine Reformen waren meist vorteilhaft. Sie brachten Religionsfreiheit, sie verbesserten die Staatsverwaltung, und der Code Napoléon leistete in den kontinentaleuropäischen Staaten zwei Jahrhunderte lang gute Dienste.
Eingepflanzte Ressentiments
Dennoch stieß Frankreichs bewaffnete Intervention auf entschiedene Ablehnung. Manche Reaktionen in den betroffenen Ländern waren vergleichsweise gutartig. Die romantische Poesie verklärte die Seele oder die Wurzeln des eigenen Volkes. Doch in anderen Fällen, vor allem in Deutschland, verbitterte die Volksseele und wurde antiliberal, antikosmopolitisch und antisemitisch. Einige Volkstümler des neunzehnten Jahrhunderts behaupteten, Napoleon sei ein Jude gewesen. Das taten sie nicht nur, weil er die Juden aus den Ghettos befreit und Frankreich zu ihrer Heimat erklärt hatte, sondern auch, weil Volkstümler universelle Ideale, die Freiheit für alle versprechen, oft mit einem entwurzelten Kosmopolitismus gleichsetzten, der in ihren Augen gleichbedeutend mit dem Judentum war.
Gleich nach Napoleons Niederlage in Waterloo wurden die von ihm in Preußen eingeführten liberalen Gesetze aufgehoben. Und ein Jahrhundert später trieben die durch Napoleons gewaltsame Befreiung eingepflanzten Ressentiments ihre bittersten Früchte in Nazideutschland.
Heuchelei
Der arabische und muslimische Extremismus wird vielleicht niemals so todbringend oder mächtig werden wie die deutsche Verirrung im zwanzigsten Jahrhundert, aber er hat bereits einen schrecklichen Blutzoll gefordert. Wieder einmal schafft sich ein Land, das einen universalistischen Auftrag zur Befreiung der Welt zu haben glaubt, gefährliche Feinde (und wieder einmal gibt man die Schuld den Juden). Der Grund liegt nicht unbedingt darin, daß die islamische Welt die Demokratie haßte. In einem schlechten Licht erscheint Amerikas demokratische Mission vor allem wegen des Einsatzes von Gewalt; aber auch wegen der Heuchelei, die darin liegt, nur gegen ausgewählte Diktatoren vorzugehen, während man andere umwirbt; wegen des arroganten Eifers mancher amerikanischer Ideologen; und schließlich auch wegen einer dilettantischen Besatzungspolitik.
Problematisch an einer Befreiung des Mittleren Ostens durch amerikanische Soldaten ist auch die Tatsache, daß sie die von Muslimen wie auch im Westen vertretene These bestätigt, wonach es sich beim Irak-Krieg um einen Religionskrieg handelt, um einen "Zusammenstoß der Kulturen", wie der in Harvard lehrende Politikwissenschaftler Samuel Huntington es genannt hat. Diese These kann aber kaum als wahrscheinlich gelten. Saddam Hussein regierte keinen muslimischen Staat. Im Gegenteil, er tötete zahlreiche Muslime. Welche Werte er auch vertreten haben mag, es wäre eine Beleidigung, wenn man behaupten wollte, sie stünden für die arabische Kultur. Und auch wenn Tony Blair (der gleichfalls mit Vorliebe auf "universelle Werte" verweist) und George W. Bush Christen sind, scheint die Religion doch keine wichtige Rolle bei ihren Kriegsplänen gespielt zu haben.
"Christian Coalition"
Dennoch sehen viele arabische Muslime innerhalb und außerhalb des Iraks in der Intervention einen von "Zionisten und Kreuzrittern" entfesselten Krieg, der die Muslime niederhalten oder - schlimmer noch - diesem arabischen Land eine fremde Kultur aufzwingen soll. Ganz sicher glauben das die islamistischen Extremisten. Aber die haben schon immer an Huntingtons These geglaubt. Die Islamisten repräsentieren jedoch nicht die muslimische oder arabische Kultur - ebensowenig, wie die "Christian Coalition" oder gar die "Zionisten" den Westen repräsentieren.
Der Irak ist das Paradebeispiel eines von ethnischen, religiösen und kulturellen Bruchlinien durchzogenen Landes. Über die Zukunft des Iraks entscheidet kein Kampf zwischen Ost und West oder zwischen Muslimen und Christen, sondern zwischen Schiiten und Sunniten, Kurden und Arabern, Baathisten und Demokraten. Die wichtigste Bruchlinie, die sich durch die meisten muslimischen Länder zieht, verläuft nicht zwischen Anhängern einer weltlichen oder religiösen Ausrichtung, sondern zwischen Muslimen mit unterschiedlichen Auffassungen hinsichtlich der Frage, welche Rolle der Religion zukommen soll.
Zusammenstoß der Kulturen
Die Islamisten der Art, wie sie von Al Qaida repräsentiert werden, sind religiöse Revolutionäre. Doch es ist für einen praktizierenden Muslim durchaus möglich, die amerikanische Intervention, den Marktkapitalismus, sexuelle Freiheit und den Import von Hollywoodfilmen abzulehnen, ohne deshalb ein theokratischer Revolutionär zu sein. Er kann sich durchaus als gemäßigter Reformer begreifen, der meint, demokratische Politik solle sich an religiösen Grundsätzen orientieren, wie noch vor wenigen Jahrzehnten auch viele Europäer glaubten.
Für die westlichen Universalisten lautet die eigentliche Frage, ob der Revolutionskrieg, den die amerikanischen und britischen Truppen ausgelöst haben, den gemäßigten Muslimen helfen wird. Denn darum handelt es sich bei dem Krieg im Irak: nicht um einen Zusammenstoß der Kulturen, sondern um eine von außen entfesselte Revolution. Es dürfte kaum Zweifel geben, daß die meisten Iraker mehr als froh über Saddam Husseins Abgang waren. Die meisten wären wohl auch den Amerikanern und Briten weiterhin dankbar gewesen, wenn es den Koalitionstreitkräften gelungen wäre, rasch wieder abzuziehen und den Irak mit einer funktionierenden Verwaltung, einer zuverlässigen Strom- und Wasserversorgung und sicheren Straßen zurückzulassen. Das wäre natürlich auch dann nicht möglich gewesen, wenn Amerikaner und Briten alles richtig gemacht hätten. Die Tatsache, daß die Koalition so spektakuläre Fehler beging, hat jedoch alles noch viel schlimmer gemacht. Der Irak ist heute so chaotisch und voller Gewalt, daß es äußerst verantwortungslos wäre, die Truppen abzuziehen. Die Folge könnte sein, daß immer mehr Menschen sich Huntingtons These zuwenden. Das gilt vor allem für Araber außerhalb des Iraks, die nie direkt unter Saddam Hussein zu leiden hatten.
Handlanger
Angesichts der als fortgesetzte westliche Aggression empfundenen Besatzung fällt es Muslimen in anderen Ländern noch schwerer, deutliche Position gegen radikale Muslime zu beziehen, weil sie Angst haben müssen, als Verräter gebrandmarkt zu werden. In Indonesien etwa, wo Extremisten 2002 einen Bombenanschlag auf einen Nachtclub in Bali verübten, setzte sich das Liberale Islamische Netzwerk mutig für eine gemäßigte Form des Islams ein.
Diese liberalen Muslime verlangen eine Trennung von Staat und Religion und eine Interpretation des Korans, die nicht am Buchstaben haftet. Sie konnten den Extremismus bekämpfen, ohne als Handlanger der Amerikaner zu gelten - bis amerikanische Truppen ein muslimisches Land besetzten. "Nach dem Bombenanschlag in Bali dachte ich, die fundamentalistischen Gruppen würden an Einfluß verlieren, weil die Leute sehen, daß sie unrecht haben", meint ein Mitglied der Gruppe, Frau Nong Darol Mahmada. "Aber nun wird der Irak-Krieg zu einer neuen Rechtfertigung für die fundamentalistische Einstellung gegenüber Amerika oder dem Westen. Unsere ganze Arbeit - für Demokratie, für Meinungsfreiheit - scheint umsonst gewesen zu sein." Vielleicht hat sie unrecht. Vielleicht ist nicht alles verloren. Aber bisher hat die Mission der Neokonservativen im Irak und darüber hinaus das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich beabsichtigte.
Ian Buruma, Professor am Bard College, ist Mitautor des in Kürze erscheinenden Buchs "Occidentalism: The West in the Eyes of Its Enemies".