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Investmentbanking im Theater Die im Dunkeln sieht man jetzt

Premiere auf dem Höhepunkt der Krise eines Berufsstands: Was den Theater- und Filmemacher Andres Veiel am Investmentbanking fasziniert und wie er daraus ein Stück gemacht hat.

© Jockisch, Anna Vergrößern Andres Veiels neustes Theaterstück „Das Himbeerreich“ dreht sich um Investmentbanking

Während der letzten beiden Jahre hat Andres Veiel viele Gespräche mit Menschen geführt, die nicht wollen, dass man über diese Gespräche etwas erfährt. Veiel hat sie in ihren Büros aufgesucht und in ihrer Funktion befragt, doch das Berufsumfeld seiner Gesprächspartner ist heikler geworden, seit er vor einem Dutzend Jahren schon einmal in diesem Segment recherchiert hatte. Sein Interesse damals galt vor allem der Deutschen Bank, denn er arbeitete an dem Dokumentarfilm „Black Box BRD“. Darin erzählte Veiel die Lebenswege des 1989 ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und des 1993 beim Versuch seiner Festnahme erschossenen RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Der Film wurde mit dem Hessischen, dem Bayerischen, dem Deutschen und dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet, es ist eine der einflussreichsten und besten Kinodokumentationen überhaupt.

Andreas Platthaus Folgen:    

Das ist sie auch geworden, weil Veiel über die Begabung verfügt, seine Protagonisten sprechen zu lassen, ohne sie zu denunzieren. Und so öffneten sich ihm in den vergangenen Jahren wieder die Büros von Banken, in denen er schon für „Black Box BRD“ Gespräche geführt hatte, und andere öffneten sich, nachdem er den von ihm kontaktierten Verantwortlichen seinen damaligen Film zur Ansicht geschickt hatte. Und er konnte diesmal ein Maximum an Diskretion versichern, denn Veiel recherchierte nicht für einen neuen Film, sondern für ein Theaterstück.

„Das Himbeerreich“

Der 1959 in Stuttgart geborene Regisseur sitzt am Rand des Schlossparks seiner Heimatstadt, auf der anderen Seite liegt das Staatstheater, „innen ein merkwürdiger schwarzer Kasten, als Kunstraum unverdächtig“, so Veiel, in dem man beinahe im Verborgenen arbeite, weil mit Glück durch die Inszenierungen 10000 Zuschauer erreicht würden - „die Minorität der Minorität“. Am 11.Januar findet in Stuttgart die Uraufführung von Veiels Stück statt, fünf Tage später geht es in derselben Besetzung, aber mit anderem Bühnenbild ins koproduzierende Deutsche Theater nach Berlin. Regie führt jeweils Veiel selbst, und es geht um sechs Menschen, fünf Investmentbanker und einen Vorstandsfahrer. Das Stück heißt „Das Himbeerreich“.

Dieser rätselhafte Titel findet sich im Text des Stücks nur in einer beiläufigen Äußerung des Fahrers und einer Regieanweisung. Die Metapher stammt aus einem Brief von Gudrun Ensslin an ihren Mann, den Schriftsteller Bernward Vesper. Nach den Kaufhaus-Brandanschlägen von 1968 mahnte sie darin für sich die „Früchte des Himbeerreiches“ an: einen teuren Ledermantel und eine italienische Salami. Einerseits zerstörte sie die Grundlage dieses Himbeerreichs, andererseits forderte sie es. Die Parallelführung von Bankenwesen und Terrorismus, die „Black Box BRD“ so atemraubend und auch umstritten machte, ist im Theaterstück also implizit erhalten geblieben. Aber Veiel betreibt vorsichtshalber ein Versteckspiel um den Titel. Wie er es auch um jene Quellen machen muss, die in die Charakterisierung seiner sechs Rollen eingeflossen sind.

Strukturen erfassen

Das Interesse am Bankgeschäft hat den Regisseur seit 2001 nicht mehr losgelassen. Das müsse ja irgendwann gegen die Wand gehen, habe ihm schon damals einer seiner Gesprächspartner aus den Bankenvorständen gesagt. „Das Investmentbanking war zu Beginn des Jahrtausends noch ganz neu, aber in einige Äußerungen, die von Vertretern dieser neuen Sparte fielen, mischte sich schon ein apokalyptischer Ton, von dem ich nicht wusste, ob ich ihn ernst zu nehmen hatte.“ Die Dimensionen dieses Metiers waren Veiel seinerzeit nicht klar. Heute überrascht ihn nicht, dass kurz vor Weihnachten die Staatsanwaltschaft in die Zentrale der Deutschen Bank eindrang - „die Hausdurchsuchung zum Stück“, wie Veiel scherzt. „Die Offenheit, mit der dort und in anderen Banken in eine Grauzone vorgestoßen und darüber auch mit mir gesprochen wurde, stellte mich nach den Interviews vor die Frage: Was mache ich damit?“

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