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Interview : Zaha Hadid baut in Wolfsburg

  • Aktualisiert am

Architektur wie Felsen, Flüssigkeit, Luft: Zaha Hadid Bild: Zaha Hadid Office, London

Die Architektin Zaha Hadid spricht über das Museum der Zukunft und stellt ihr Werk in Wolfsburg vor.

          Zaha Hadid gehört zu den führenden Architekten der internationalen Szene. Dass sie eine Frau ist, macht ihr Werk noch bedeutender, gibt es doch kaum Architektinnen, die sich als Baumeisterin durchsetzen. Zaha Hadid hat in Harvard, London, Chicago, an der New Yorker Columbia University und in Hamburg unterrichtet. Zur Zeit lehrt sie am Institut für Angewandte Kunst in Wien.

          Das Kunstmuseum Wolfsburg widmet der Irakerin ab diesem Wochenende eine aufregende Ausstellung, in der man neben Architektur-Modellen auch eine Kostprobe ihrer Baukunst erleben kann. FAZ.NET hat mit Hadid über die Ziele ihrer Architektur gesprochen.

          Das von Ihnen entworfene Science Center für Wolfsburg soll ein Museum zur populären Vermittlung von Naturwissenschaft und Technik werden. Sie haben zeitgenössische Kunstzentren für Cincinnati und Rom entworfen. Wie sollte ein Kunstmuseum Ihrer Meinung nach nun in Zukunft aussehen?

          Heute sind Museen ein integraler Bestandteil des öffentlichen Lebens. Man geht hin, um Kunst zu betrachten, Mittag zu essen, Kaffee zu trinken. Das Museum ist im wahrsten Sinne zum Ausflugsziel geworden. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Kunstszene sich verändert hat: Sie wird nicht mehr allein durch Malerei und Skulptur bestimmt. Es gibt Video-Kunst, Installationen und so weiter. In der Ausstellungspraxis werden Querverbindungen zwischen Werken und Epochen hergestellt. Das moderne Museum hat sich aus der Logik des weißen Kubus befreit, die den Kuratoren wenig Flexibilität erlaubte. Für uns als Architekten gilt es nun, neue Erfahrungsräume zu schaffen.

          Und wie werden die gestaltet sein?

          Es gibt nicht den einen optimalen Raum. Er muss offen sein für viele Interpretationen. Jedes Projekt hat seine eigenen Anforderungen. Der spezifische Ort muss berücksichtigt werden, damit man daraus Energie ziehen kann. Ganz entscheidend aber ist die Tatsache, dass der Kontext eines Museums heute weit über seine unmittelbare Umgebung hinaus geht. Dazu gehört auch, Kunst an anderen Orten innerhalb des globalen Gefüges zu installieren. Das Wesentlichste ist, wie sich der Besucher durch das Museum hindurch bewegt. Er soll im Museum viele unterschiedliche Erlebnisse haben können. Auch für die Ausstellungsmacher bedeutet dies, den Raum so zu interpretieren, dass ihn das Publikum bei jeder Ausstellung anders erlebt.

          Museen sind angeblich die Kathedralen unserer Zeit. Sehen Sie das auch so?

          Städte wollen heute auf ihre Bauten stolz sein, die Menschen wünschen sich außergewöhnliche Orte. Wenn man ein interessantes Gebäude schafft, das für ein großes Publikum zugänglich ist, nehmen die Menschen Bezug dazu und diskutieren darüber. Solche Projekte können als Initialzündung für weitere Entwicklungen angesehen werden.

          Sie gelten als eine der Hauptvertreterinnen des Dekonstruktivismus. Welche zentralen Gedanken verbinden Sie damit?

          Die Architekturdiskussion der 80er-Jahre war stark vom Historizismus geprägt. Die Dekonstruktion war danach wichtig, weil dadurch neue Metaphern wie etwa die Fragmentierung entstanden sind, das Nebeneinanderstellen hybrider Räume. Daraus ergab sich eine dramatische Verschiebung der architektonischen Praxis. Wir befassten uns mit Vorstellungen von Bewegung im Raum, dem Aufeinanderprallen von Divergenzen. Die Konfrontationen wurden weicher, verschmolzen und vermittelten die Idee, dass zwei Welten an einem Ort gleichzeitig existieren können.

          Sie haben im Büro von Rem Koolhaas gearbeitet. Sehen Sie heute noch Gemeinsamkeiten?

          Er war mein Lehrer, wir haben häufig gemeinsam unterrichtet, und haben ähnliche Anliegen. Doch ist deren Übersetzung - trotz der durchaus vorhandenen Verbindungen - in den architektonischen Entwurf hinein mittlerweile sehr unterschiedlich.

          Haben Sie neben Ihrer Entwurfs- und Lehrtätigkeit Zeit für Anderes?

          Meine Arbeit ist wahnsinnig zeitintensiv. Das ist sicher auch einer der Gründe, warum vergleichsweise wenig Frauen in der Architektur arbeiten - unabhängig davon, dass sie es auch heute noch in dieser Männerdomäne recht schwer haben, sich durchzusetzen. Andererseits macht mir mein Beruf sehr viel Spaß, ich betrachte ihn nicht als Belastung.

          Gibt es so etwas wie ein Leitmotiv, ein durchgängiges Thema Ihrer Entwürfe?

          Es gibt schon ein Konzept, das die Arbeiten verbindet, aber kein Thema im engeren Sinne. Beim Entwurf für das Art Center in Rom geht es beispielsweise um komplementäre „Ströme“, die den Raum durchziehen. In Wolfsburg stelle ich mir „Voids“ vor, leere Körper, die herab gefallen sind. Mich interessiert eine Art organische Organisation des Raumes, nicht notwendigerweise die organische Form als solche.

          Neuerdings ist Landschaft, die Topographie eines Raumes, ein verbindendes Element meiner Projekte: Man findet Anklänge an Vulkankrater, Felsen, Licht, Flüssigkeit, Luft.

          Transparenz, Beweglichkeit, Leichtigkeit: Diese Eigenschaften verbindet man spontan mit Ihren Bauwerken.

          Selbst bei einem kleinen Projekt wie dem Vitra-Feuerwehrhaus in Weil am Rhein war der Raum fließend organisiert, so dass man eine Vielfalt von Durchsichten erhält. Das ist ein leitendes Prinzip meiner Entwürfe: Transparenz ist nicht allein eine Frage des Materials. Es kommt auch darauf an, wie der Raum sich entfaltet, wenn man sich durch ihn hindurch bewegt. Das kann man mit dem mehrfachen Sehen eines Films vergleichen. Jeder sieht ihn anders, entdeckt beim wiederholten Hinschauen neue, eigene Aspekte. Der Ort, der Rahmen bleibt der selbe. Nur das Auge springt anders darin herum. Dieses nichtlineare Erlebnis des Raumes versuche ich, durch meine Entwürfe zu ermöglichen.

          Das Gespräch führte Belinda Grace Gardner.

          Quelle: @blo

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