In dem 2003 am Berliner „Grips“-Theater uraufgeführten Stück „Baden gehn“ findet sich eine satirische „Rentnerhassernummer“, die davon handelt, daß man früher bald nach der Pensionierung starb und zahlreiche Erben hinterließ, heute jedoch dreißig Jahre weiterlebt, kaum Nachwuchs hat und das Ersparte verjubelt. Der Dramatiker („Linie 1“) und Kabarettautor Volker Ludwig, Gründer und Leiter des weltbekannten „Grips“, ist Spezialist für aktuelle Zeitströmungen - und stets auf seiten der Kinder. Was allerdings, wenn diese immer weniger werden? (F.A.Z.)
Herr Ludwig, die Geburtenrate in Deutschland sinkt beträchtlich, die Bevölkerung schrumpft. Stirbt Ihr künftiges Publikum aus?
Ich bin gerade aus Südkorea zurückgekehrt, wo in Seoul die dreitausendste Vorstellung von „Linie 1“ stattfand, das hat bislang kein einziges Stück geschafft. Nicht nur in Spanien und Italien, sondern auch in Südkorea, das weiß hier bloß keiner, kommen noch erheblich weniger Kinder auf die Welt als in Deutschland, nämlich 1,23 pro Frau, während es bei uns 1,36 sind. Warum wohl? Das Land ist zwar sehr familienstreng aufgebaut, aber die wirtschaftlichen Verhältnisse sind viel härter als hierzulande. Ich möchte auch kein Kind in Südkorea sein, da ist man nämlich einem unendlichen Leistungsdruck ausgesetzt. Vielleicht wollen die Eltern diesen niemandem zumuten und kriegen deshalb dort so wenig Nachwuchs.
Wie könnte man in Deutschland Kinder wieder zum eigenen Wunschziel machen?
Ich glaube, das hat nichts mit materiellen Dingen zu tun. Für mich sind Kinder das Größte, was es überhaupt gibt. Ich werde nächstes Jahr siebzig, mein jüngster Sohn ist elf - was hätte ich, trotz meiner Arbeit und Erfolge, für ein langweiliges Dasein ohne ihn! Kinder sind für mich immer eine unendliche Bereicherung gewesen. Deswegen kann ich mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Es ist natürlich schon so, daß dadurch finanzielle Nachteile erwachsen, doch das müssen sie einem eben wert sind.
Könnte sich auch ein Arbeitsloser eine solche Souveränität erlauben, der in einem Bezirk wie Berlin-Neukölln daheim ist, wo die inzwischen national bekannte Rütli-Hauptschule steht?
Ich kann mir denken, daß man sich den Kinderwunsch in einem derartigen Fall eventuell lieber verkneift. Aber selbst wenn man eine feste Arbeit hat, muß man sich sicher oft überlegen, wie man diese weiter ausüben kann - wenn man will, daß die Kinder dennoch tagsüber kostenlos und gut versorgt sind. Einfach wegen der Ideologie - die Frau gehört an den Herd - ist in Deutschland, ausgenommen in der DDR, die ausreichende Schaffung von Kinderkrippen, Horten und ähnlichen Einrichtungen absichtlich vernachlässigt worden. Genau wie bei den Ausländern, die aus reiner, durchaus auch links gestrickter Ideologie heraus - das sind ohnedies bloß Gastarbeiter - nie ernsthaft dazu gedrängt wurden, als ersten Schritt zur Integration ordentlich Deutsch zu lernen, dabei müßte das bereits im Kindergarten passieren!
Die großen, fürchterlichen Spätfolgen dieser Gesinnung brechen jetzt über uns herein. Da gibt es eigentlich gar nichts zu diskutieren: Man muß die Sprache des Landes, in dem man lebt, beherrschen. Ich bin nicht einmal im Urlaub gern irgendwo, wo ich kein Wort verstehe.
Demnach bereitet die demographische Entwicklung dem deutschen Kinder- und Jugendtheater keine Sorgen?
Nein, denn selbst wenn wir nur halb so viele Kinder hätten, kämen immer noch viel zu wenige davon ins Kindertheater! Es ist leider so, daß höchstens ein Drittel, ein Viertel aller Kinder überhaupt die Chance dazu hat. Das Problem sind auch in Zukunft nicht die geringeren Kinderzahlen, sondern das schwindende Interesse von Lehrern und Erziehern, sie ins emanzipatorische Theater zu schicken - aus Unlust, sich mit dem Echo der Schüler auf die dargestellten Probleme auseinanderzusetzen. Und noch etwas zur sinkenden Geburtenrate: Als Fluchtburg vor dem Theaterbetrieb habe ich ein Häuschen in der Uckermark. In den winzigen Dörfern dort kriegen nun viele Einheimische Kinder, oft vier bis fünf. Jobs gibt es da ohnedies keine, also stören die Kids nicht bei der Arbeit. Die Eltern rechnen sich einfach aus, was ihnen Hartz IV plus Kindergeld einbringt - und fertig ist der Babyboom!
Beginnt sich durch die äußeren Umstände, etwa die beschnittenen Sozialsysteme, das Familienbild in der Kinderliteratur zu ändern, vielleicht hin zu einer privaten Idylle, in der alle zusammenhalten?
Unsere Stücke sind problembezogen, das heißt, wir entdecken die Stoffe in den aktuellen Erfahrungen unseres Publikums. Alles, was auf Kinder Auswirkungen hat, kommt auf unserer Bühne vor - seit siebenunddreißig Jahren! Die demographische Entwicklung macht sich zum Beispiel im Hauptthema meines letzten Stückes bemerkbar, „Bella, Boss und Bulli“, in dem es um drei Einzelkinder geht. Wir haben auch Stücke über Arbeitslosigkeit im Programm. Den sogenannten Trennungskindern wollen wir vermitteln, daß sie geliebt werden, obwohl ihre Eltern geschieden sind, und daß sie an deren Zwist keine Schuld tragen. So beschäftigen wir uns immer wieder neu mit der Realität und versuchen, auf schlechte Verhältnisse positiv zu reagieren.
Das „Grips“-Theater definiert sich als Mutmachtheater. Gibt es da manchmal den Wunsch, dem jungen Publikum eine Anleitung zum Glücklichsein mitzugeben?
Sie ist in unseren Stücken natürlich stets enthalten. Wir brauchen den Kindern nicht vorzuführen, wie schrecklich es draußen ist, das wissen sie selbst. Sie kommen zu uns, um herauszukriegen, was man dagegen tun kann. Wir können mit ihnen darüber nachdenken und aufzeigen, daß die Welt veränderbar ist. Gemeinsam erfinden wir dann Überlebensstrategien.
Insofern trainiert das „Grips“-Theater die Eigenverantwortung seiner Zuschauer, fördert deren soziale Intelligenz und emphatische Fähigkeiten. Trägt es schlußendlich dazu bei, daß die Deutschen nicht aussterben?
Das wäre schön! Ich bin ein großer Kinderfreund, und gewiß nicht aus materiellen Gründen. Die Jugendlichen, die uns umgehen, wissen gar nicht, was sie versäumen.
Im „Grips“-Theater werden oft Stücke inszeniert, in denen drei Generationen auftauchen. Wie läßt sich solch eine Perspektive bewahren, die bei Demographen als obsolet gilt, weil die Kinder bald kaum Gleichaltrige kennen und die Erwachsenen so spät Familien gründen, daß die Großeltern ihre Enkel nie zu Gesicht kriegen?
Statt der herkömmlichen Familie gibt es inzwischen diverse familienähnliche Zusammenhänge. Die Blutsverwandtschaft hingegen wird weiter an Bedeutung verlieren, auch durch die gängige Praxis der wechselnden Lebensabschnittspartner. Die Sehnsucht nach heiler Familie wird nicht dafür sorgen, daß die Menschen länger in festen Beziehungen zusammenbleiben. Einerseits werden mehr Ehen geschlossen, andererseits mehr geschieden. Ich habe neben meinem kleinen überdies einen fast vierzigjährigen Sohn, eine Adoptivtochter, einen Stiefsohn . . . Mein Ältester wollte keine Kinder haben, da mußte ich mir meinen Enkel selbst machen. Der ist zwar ein Einzelkind, war allerdings von Anfang an eng mit anderen Knirpsen zusammen. Seine besten Freunde kennt er seit der Tagesmutterzeit, als er kein Jahr alt war. Das ist mittlerweile wie eine große Familie.
In seinem Roman „Elementarteilchen“ attestiert Michel Houellebecq der Menschheit, daß sie im Grunde nicht weiter existieren will, weshalb sie weder zu sozialen Visionen noch zu Nachwuchs imstande ist. Sind wir alle Lemminge?
Glaube ich nicht. Solange man mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, kommt man nicht auf so eine Idee. Blicken wir nur ein bißchen zurück: Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es die „No future“-Generation mit ihrem „Hat alles keinen Sinn, ey, irgendwann fällt ohnedies die Atombombe!“ Nach ein paar Jahren war diese Haltung weg wie nix. Dann war die nächste Zeitgeist-Mode mit den zukunftsfreudigen, materialistischen Yuppies ausgebrochen . . .
Und wenn in der Gegenwart die Reichen reicher, die Armen ärmer werden?
Das ist eine Tatsache, leider. Sie bedeutet den Sieg des Kapitalismus, womit jedoch nicht gesagt ist, daß er recht hat. Ob es dagegen noch einmal Selbstheilungskräfte gibt, weiß ich nicht. Momentan dramatisiere ich Aldous Huxleys Roman „Schöne neue Welt“, in der die Menschen von den wenigen Mächtigen grundlegend verändert werden. Man konditioniert ihnen alle starken Emotionen weg: Aggressivität, dauerhafte Liebe, Todesangst, es gibt keine Religion und keine Geschichte - aber alle fühlen sich glücklich. Ganz wie heute, oder?