13.12.2002 · Warum Filmkunde in die Schule gehört, erklärt Horst Walther vom Institut für Kino und Filmkultur in Köln.
Filme beeinflussen unser Bild der Wirklichkeit. Sie wecken Träume, Sehnsüchte und Ängste. Schon Kinder verbringen mehr Zeit mit bewegten Bildern als mit Büchern, Erwachsene nicht minder. Dennoch spielt der analytische Umgang mit diesen Bildern im deutschen Schulunterricht keine Rolle - anders als in Frankreich, England und am längsten in Schweden. Die EU-Kommissarin für Kultur, Bildung und audiovisuelle Medien, Viviane Reding, fordert seit zwei Jahren, dass Filmkunde ein Schulfach wird. Auf einer Konferenz der Europäischen Filmakademie in Rom erneuerte Reding diese Forderung und wurde darin von Regisseuren wie Francesco Rosi, von Schauspielern wie Jeanne Moreau und von Kulturministern aus ganz Europa - Christina Weiss aus Deutschland eingeschlossen - lebhaft unterstützt. Zu den Teilnehmern der Konferenz gehörte auch Horst Walther, Direktor des Instituts für Kino und Filmkultur in Köln. Walther hat in verschiedenen Bundesländern erfolgreich Schüler in die Geheimnisse des Filmemachens eingeweiht. Holger Christmann sprach mit ihm.
Herr Walther, warum muss Film in der Schule unterrichtet werden?
Wir haben eine Gesellschaft, in der Filme eine ganz große Rolle spielen, aber wir reagieren nicht darauf. Wir lernen nicht, Bilder zu interpretieren, wir lernen auch nicht, Bilder zu genießen. Nur wenn man weiß, wie Filme gemacht werden, kann man einen besonders guten Film auch genießen. Wenn man das nicht weiß, dann bleibt es nach einem Kinobesuch bei einem diffusen Gefühl.
Andererseits werden Filme auch gemacht, um uns gezielt zu beeinflussen. Um ein extremes Beispiel zu nennen: „Jud Süß“ wurde von den Nazis hergestellt, um das Publikum zu manipulieren. Wir machen Veranstaltungen mit „Jud Süß“, den Goebbels hat herstellen lassen. Der Film gehört in Deutschland zu den so genannten Vorbehaltsfilmen. Sie können ihn nur im Rahmen eines Seminars zeigen. Goebbels sagte damals: „Das ist ein ganz toller FIlm. So einen haben wir gebraucht.“ Jud Süß ist nur ein extremes Beispiel dafür, wie Menschen mit Filmen beeinflusst werden.
Aber kann man sich Kenntnisse über den Film nicht auch privat aneignen?
Wie Filme funktionieren, muss Ihnen schon jemand erklären. Nur die wenigsten Menschen kennen auch nur die elementarsten Stilmittel; etwa die subjektive Kamera, von der sich auch Computerspieler faszinieren lassen. Sie ist eines der stärksten Mittel, um den Zuschauer am Geschehen zu beteiligen. Aber wenn Sie darüber reden wollen, wie und wann dieses Stilmittel eingesetzt wird, wenn Sie eine Distanz zu dem Produkt gewinnen wollen, müssen Sie das Stilmittel erst einmal kennen. Das gilt auch für andere Stilmittel: Wenn Sie einen Menschen überhöhen wollen, dann zeigen Sie ihn aus leichter Untersicht. Wenn viele Menschen hingemetzelt werden, werden deren Gesichter nicht gezeigt. Sie werden leicht von oben gefilmt, als Masse. All diese Dinge versteht man nur, wenn sie einem jemand erklärt.
Gerade in Deutschland gilt Film als Unterhaltungsmedium. Begegnet Ihnen dieses Vorurteil in der täglichen Arbeit?
Wir erleben es oft, aber immer seltener. Gymnasien zum Beispiel beteiligen sich an unseren Schulfilmwochen seltener als andere Schulen. Film wird von vielen höheren Schulen nicht als Bildungsgut betrachtet. Diese Einstellung ändert sich langsam, trotzdem bleibt das Bildungsvorurteil bestehen. Und wenn man einen Film wie den „Schuh des Manitu“ ansieht, dann stimmt das natürlich. Das ist reine Unterhaltungsware. Aber die gibt es in der Literatur ja auch - Stichwort: Groschenhefte. Diesen Unterschied zwischen Groschenromanen und Qualität muss man auch beim Film machen.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Filmkenntnis in der Bevölkerung und der Filmkultur eines Landes insgesamt?
Da ist zu fragen, was zuerst da war. Fest steht: In Frankreich wird im Bereich der Filmbildung viel mehr und schon viel länger etwas gemacht als hier. Darin drückt sich natürlich aus, dass man den Film als Kunstform ernst nimmt. Dasselbe gilt für England, wo das englische Filminstitut von Ian Wall gerade 1,5 Millionen Pfund staatlicher Gelder bekommen hat. Aber auch bei uns wird sich manches ändern: Als wir im März in Nordrhein-Westfalen die erste Schulfilmwoche veranstaltet haben, kamen 90.000 Schüler. 126 Kinos und viele große Verleiher haben sich an dem Ereignis beteiligt. Im Saarland, in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein war der Erfolg ähnlich groß. Es ist ein Ruck durch die Branche gegangen. Wir merken, dass viele Lehrer inzwischen das Bedürfnis haben, mit Kindern Filme zu besprechen. Leider fehlt ihnen oft das nötige Fachwissen. Da helfen wir mit unseren Unterrichtsmaterialien, den Filmheften, nach.
Nennen Sie uns ein, zwei Beispiele für künstlerisch besonders gelungene Filmszenen?
Nehmen sie zum Beispiel den Anfang von „Jenseits der Stille“. Da sehen sie eine interessante Kameraperspektive. Die Kamera fotografiert in einem See von unten gegen die Eisdecke. Man hört ein kratzendes Geräusch. Später sieht man dann, dass das Geräusch von den beiden Leute kommt, die Schlittschuhlaufen. Ist das nicht ein wunderbares Bild für die Art, wie ein Taubstummer die Welt wahrnimmt? Die ganze Welt erscheint ihm wie durch eine Eisscheibe gesehen. Das Kratzen hört er vielleicht noch. Aber sonst ist es, als würde ihn ein stiller See von seiner Umwelt trennen. Das ist doch ein total kraftvolles Bild.
Noch ein Beispiel?
Bei Roman Polanskis Film „Der Pianist“ sind die Fensterschauen auffällig, wie man sie vom Drama her kennt. Die Hälfte des Films erlebt die Hauptfigur durch Fenster. So wird auch das Publikum positioniert. Es sitzt wie vor einer Bühne. Das ist das Gegenteil vom großem Hollywood-Überwältigungs-Kino, wo Sie mit den Jungs vom „Herrn der Ringe“ durch die Gegend fliegen. Polanski folgt einer sehr alten Vorstellung vom Kino, die noch am Theater orientiert ist. Der Vorhang geht auf, und Sie sitzen da vor einer Handlung. Typisch für den „Pianisten“ ist auch, dass er mit ganz wenigen Dialogen auskommt. Die Geschichte wird hauptsächlich über Bilder erzählt, und das beeindruckend lakonisch.
Welches Ziel verbinden Sie mit ihrer Arbeit?
Wenn die Leute mehr über Filme wissen, dann werden sie anspruchsvoller. Durch Filmkunde in der Schule schaffen wir uns ein Publikum, dass Qualität erkennt und Massenware distanzierter sieht. Vielleicht wird so ein Publikum dann auch die Vorzüge des europäischen Films gegenüber dem Hollywood-Kino zu schätzen wissen.