Der pakistanische Buchautor Achmed Raschid war 22 Jahre Afghanistan-Korrespondent. Nach dem Erscheinen seines Buches „Taliban. Militant Islam, Oil and Fundamentalism in Central Asia“ im letzten Jahr erteilten ihm die Taliban kein Visum mehr. FAZ.NET erreichte ihn in Pakistan und sprach mit ihm über den kommenden Krieg und den vielbeschworenen „Konflikt der Kulturen“.
Herr Raschid, wie gut kennen Sie die Taliban?
Ich habe 22 Jahre lang über Afghanistan berichtet. In den letzten sieben Jahren war ich sieben bis acht Mal im Jahr bei den Taliban und habe viele Wochen mit ihnen zugebracht.
Wie gut kennen Sie die Führungsspitze?
Ich kenne sie alle außer Mullah Mohammed Omar, der grundsätzlich keine Medienvertreter empfängt. Nur einmal hat er für einen pakistanischen Kollegen eine Ausnahme gemacht.
Wie gut kennen Sie Usama bin Ladin?
Ich habe einige seiner Vertrauen getroffen, aber nicht ihn selbst.
Jagen die Vereinigten Staaten mit Bin Ladin den richtigen?
Die Anschläge tragen die Fingerabdrücke Bin Ladins. Sie waren sehr raffiniert und über Jahre hinweg vorbereitet und verrieten große Kompetenz. So ging Bin Ladin auch bei anderen Anschlägen vor, etwa dem in Nairobi. Auch dieses Attentat war über Jahre minuziös vorbereitet worden. Charakteristisch für Bin Ladin ist auch, dass er sich immer Leuten bedient, die unauffällig in ihren Zielgebieten leben. Sie haben amerikanische Pässe, Familien und nehmen ganz normal am gesellschaftlichen Leben teil.
Die amerikanische Strategie wird aber nicht nur darin bestehen, Usama bin Ladin auszuschalten, sondern die gesamte gegenwärtige Führung in Afghanistan - vor allem die Hardliner, die Mullah Mohammed Omar umgeben. Wenn die Amerikaner sensibel sind, werden sie Kabul nicht angreifen. Es gibt dort viele gemäßigte Taliban, die wahrscheinlich bereit sind, sich zu ergeben.
Wenn Bin Ladin hinter den Anschlägen steckt, waren dann auch die Taliban eingeweiht?
Falls er verantwortlich ist, glaube ich nicht, dass er die Taliban informiert hat. Die Taliban beherbergen ihn, sie decken ihn. Aber ich glaube nicht, dass er sie über seine Aktivitäten informiert hat.
Sind die Taliban ein Übergangsphänomen, oder wird der Westen mit ihnen auskommen müssen?
Die Taliban werden jetzt sehr wahrscheinlich angegriffen werden. Es wird heftigen Widerstand geben. Aber viele werden sich auch ergeben. Es kommt dann auf die Amerikaner an, dafür zu sorgen, dass die nächste Regierung nicht extremistisch sein wird und eine breite Unterstützung der Nachbarstaaten Afghanistans und der internationalen Gemeinschaft genießt.
Hat der pakistanische Geheimdienst die Taliban unterstützt?
Pakistan war der engste Verbündete der Taliban. Natürlich wurden die Taliban auf allen erdenklichen Wegen unterstützt.
Sie leben in Pakistan. Fürchten Sie nicht, dass es zu einem Umsturz der Regierung durch Extremisten kommen könnte?
Nein. Die islamischen Parteien sind sehr volatil, sehr lautstark. Aber die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung - das war heute wieder ganz deutlich zu sehen - unterstützt die Demonstrationen der Extremisten nicht. Die sind aggressiv und medienwirksam, aber man muss sagen: Für pakistanische Standards sind Demonstrationen von ein paar 10.000 Leuten „a cup of tea“.
Solange wir nicht Demonstrationen von Hundertausenden von Menschen gegen die Regierung erleben, ist die Situation unter Kontrolle. Wir haben zwar die militanten Ismalimsten auf der Straße, aber sie bekommen noch keine öffentliche Unterstützung.
Droht ein „Clash of Civilisations“?
Das wird ganz stark von der Haltung des Westens abhängen. Es ist sehr schädlich für die Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt, wenn Bush vom „Kreuzzug“ und vom „Bösen“ spricht. All diese großen Wörter sind gefährlich. Die Amerikaner müssen sehr schnell nüchtern werden und verantwortungsbewusster handeln und reden. Sonst könnte genau das, was sie fürchten, eintreten.
Im Moment unterstützt die große Mehrheit der Muslime terroristische Aktionnen nicht. Die überwältigende Mehrheit der Muslime will nicht, dass es zu einer Konfrontation mit dem Westen kommt. Nur eine kleine Minderheit tut das. Aber wenn westliche Führer weiterhin diese Art von Sprache benutzen, dann reden sie den „Clash“ herbei.
Was kann die islamische Welt tun, um den Clash zu vermeiden?
Viele extremistische Gruppen kämpfen gegen ihre eigenen Regierungen. Diese Regierungen sind korrupt und unterbinden die Meinungsfreiheit. Man muss diesen muslimischen Regimen sagen, dass sie nicht weitermachen können wie bisher. Sie müssen politische Systeme aufbauen, die der Bevölkerung mehr Mitbestimmung einräumen. Dann könnten sie den Extremisten das Wasser abgraben.
Könnte der Westen jemals mit Regimen wie dem der Taliban friedlich und in wechselseitigem Respekt zusammenleben?
Vergessen Sie den Westen. Nicht einmal die muslimische Welt kann auf das Regime der Taliban mit Respekt blicken. Die Führung der Taliban - nicht alle Taliban wohlgemerkt - hat Gesetze verabschiedet, die dem Islam völlig widersprechen. Ich wünschte, die islamische Welt hätte sich viel früher und stärker den Taliban entgegengestellt. Dann hätten sie diese ganze Krise verhindern können.