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Interview Soul-Star Alicia Keys: „Meine Welt ist größer geworden“

02.10.2002 ·  Sie zählt zu den wichtigsten Soul-Entdeckungen der letzten Jahre. FAZ.NET sprach mit Alicia Keys über ihren Erfolg, Traum und Wirklichkeit - und klassische Musik.

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Die Sängerin und Pianistin Alicia Keys wurde für ihr Debüt-Album „Songs In A Minor“ mit Grammys überhäuft. Sie zählt zu den wichtigsten Soul-Entdeckungen der letzten Jahre. Derzeit ist die 21-Jährige auf Deutschland-Tournee. FAZ.NET sprach mit ihr über Kompromisslosigkeit, Traum und Wirklichkeit - und klassische Musik.

Die Songs auf Ihrem Album haben zum Teil sehr intime Momente. Ich habe mich sofort gefragt: Wie kann diese Musik auf der großen Bühne funktionieren?

Ich bin gern im Studio, und ich stehe gern auf der Bühne. Im Studio geht es wirklich nur um mich, um mich und das Mikrophon, meine Gedanken, meine Ideen. Die Songs dann auf die Bühne zu bringen ist auch sehr aufregend. Manchmal stellt man sich einen Song gleich von Anfang an als etwas Großes vor. Man kann Songs auf der Bühne zum Leben erwecken. Großartig. Aber es gibt in meinen Konzerten auch sehr intime Momente, nur ich und mein Klavier, und die Leute. Es ist wie bei einer Berg-und-Tal-Bahn: aufregend und laut, und dann wieder ganz leise, wie in einem Vakuum. Das ist, was mir Spaß macht.

Ist es kein Problem, in diesen leisen, persönlichen Momenten zehntausend Leute vor der Bühne zu haben, die zuhören?

Darüber denke ich gar nicht nach. Ich könnte unmöglich da sitzen und denken, zehntausend Leute schauen mich schweigend an. Das würde mich völlig durcheinander bringen. Ich verlasse mich einfach auf mein Gefühl - und hoffe, dass die Leute das gleiche fühlen wie ich.

Sie hatten als 16-Jährige schon einen Plattenvertrag mit Columbia und haben das Label dann wegen kreativer Differenzen wieder verlassen. Eine starke Entscheidung für eine junge Musikerin. Ist es nicht sehr schwer, sich vor den Klischees des Musikgeschäfts zu schützen?

Es ist kein gutes Gefühl, Herz und Seele in die Musik gelegt zu haben, und dann dreht sich jemand um und sagt: „Das ist nichts. Das gefällt uns nicht. Du solltest es anders machen, nämlich so ...“ - das ist schon verletzend. Konstruktive Kritik ist eine Sache, aber wenn man merkt, dass man auf zwei völlig unterschiedlichen Standpunkten steht, fragt man sich schon: „Was mache ich hier überhaupt?“

Es war schon eine harte Entscheidung damals, aber gleichzeitig auch überhaupt nicht, weil ich intuitiv gewusst habe, dass diese Leute einfach nicht einmal meine Vorstellung geteilt haben, wer ich überhaupt bin. Die haben mir einfach das Gefühl gegeben, als könnte ich keine gute Musik machen. Mein ganzes weiteres Leben wäre ein einziger Kampf gewesen. Jeff Robinson, mein Manager, hat mir sehr geholfen. Sich anpassen und alles tun, was andere Leute von dir wollen, nur damit du eine Platte veröffentlichen kannst? Niemals. Ich hätte lieber tausend Jahre gewartet als Kompromisse zu machen. Wir sind gegangen. Adios.

Wie haben Sie danach Ihren Weg fortsetzen können?

Wir hatten diese Erfahrung gemacht. Und als wir dann zu den anderen Plattenfirmen gegangen sind, haben wir gesagt: „Das ist, was ich mache, das ist, was ich spiele, wie ich fühle“ - und die haben gleich gemerkt, wer da kommt. Sie konnten sagen „das mag ich“ oder „das ist nicht mein Ding“, aber sie haben gewusst, worauf sie sich einlassen. Es war nicht vorher ein Geheimnis und danach ein Problem.

Sie fanden klasse, wenn ich etwas mitgebracht hatte, dass zu ihnen passt - vor allem Clive Davis. Wir haben uns sofort verstanden. Er fragte mich: „Wie stellst Du Dir Deine Karriere vor? Wo möchtest Du in zehn Jahren stehen?“ Das hatte mich noch niemand gefragt. Sonst fragt keiner, was du willst, sondern sie erzählen dir, was sie wollen. Ich wusste, hier bin ich richtig.

Inzwischen liegen fast anderthalb Jahre überwältigender Erfolg hinter Ihnen. Zu lang, um nur zu träumen. Wann haben Sie gemerkt, dass das alles Wirklichkeit ist?

Es ist immer noch ein Traum. So fühlt es sich jedenfalls an. Ich verhalte mich schon so wie in der Wirklichkeit, weil ich auch weiß, dass es weitergehen wird. Es ist etwas, das ich selbst geschaffen habe, zusammen mit den ganzen wundervollen Leuten, die mir geholfen haben. Es ist Wirklichkeit. Ich kann es fühlen, es ist hier. Aber mir gefällt das Traumhafte daran, wissen Sie, ich bin eine Träumerin. Das inspiriert mich auch.

Wie verändert Ihr Erfolg Ihre Ziele und Wünsche - persönlich und als Musikerin?

Das hängt natürlich stark zusammen. Meine Welt ist viel größer geworden. Meine Vorstellungen von den Dingen, die möglich sind, die ich machen kann, an denen ich teilhaben kann, haben sich verändert. Du kannst lernen, besser werden, cleverer, weiser - es gibt so viele Leute, denen du begegnen kannst, so viele Möglichkeiten, die eigenen Ideen mit denen anderer zu verbinden. Ich merke, wie das alles stetig wächst.

Gleichzeitig merke ich persönlich, dass ich mir Zeit nehmen muss für mich selbst. Du musst dir diese besonderen Momente gönnen, in denen du auch mal allein zu Hause bist und deinen eigenen Gedanken zuhörst.

Komponisten wie Chopin und Beethoven sind Ihnen wichtig. Wann beschäftigen Sie sich mit klassischer Musik?

Wann immer es geht. Ich bin mit allen Arten von Musik aufgewachsen, ich liebe Musik in ihrer ganzen Vielfalt. Unterricht hatte ich zuerst in klassischer Musik, wirklichen Unterricht. Und etwas davon wird immer in mir sein. Wenn wir unsere Show spielen, kommen immer kleine Klassik-Stücke und Anspielungen vor, auch wenn sie letztlich von mir stammen.

Mir gefällt es schon fast, dass Klassik als eine Musik angesehen wird, die für die Jugend eigentlich keine Bedeutung hat. Ich liebe es, das zu widerlegen. Ich fühle die Leidenschaft in klassischer Musik, ich spüre, dass die Komponisten etwas zu sagen hatten. Das spüre ich, wenn ich spiele - und mir gefällt, dem eine andere Wendung zu geben.

... auch von dieser Vorstellung von Geduld und Disziplin wegzugehen, die für viele mit klassischer Musik verbunden ist?

Genau. Aber die Schönheit von Klassik besteht auch darin, dass sie dir genau das beibringen kann. Das gehört zu den wichtigsten Dingen, die ich gelernt habe: Disziplin, und dass du dich auf das konzentrieren musst, was du machen willst, wenn du es gut machen willst. Unabhängig davon, um welche Musik es sich handelt. Sogar unabhängig davon, was du überhaupt im Leben machst, ob du Arzt bist oder Anwalt, oder eben Musiker: Du brauchst diese Disziplin und die Fähigkeit, dich auf das zu konzentrieren, was du machst.

Das Gespräch führte Fridtjof Küchemann

Quelle: @kue
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