Wer ihr gegenübersitzt, hat zunächst Mühe, das bewegte Leben von Louise MacBain, dieser veritablen Tycoonesse im internationalen Verlagswesen, in Einklang zu bringen mit der zierlichen Person, die an einem verregneten Londoner Nachmittag in der Bar des gediegenen „Claridges“ sitzt und freundlich an ihrem Earl Grey nippt.
Bis vor vier Jahren herrschte die Kanadierin über ein internationales Verlagsimperium mit 6000 Angestellten weltweit. Derzeit schickt sich die Sechsundvierzigjährige an, die konservative Welt der englischsprachigen Kunstzeitschriften aufzumischen. Was sie anstrebt, ist nicht weniger als eine Revolution auf dem Markt, dessen Claims seit Generationen abgesteckt sind und der Veränderung bisher kaum zuließ. Doch die Zeiten, da die Quereinsteigerin, die vor drei Jahren nach London übersiedelte, auf der Insel belächelt wurde, sind vorbei. Schon jetzt besitzt ihre Firma LTB Holding, benannt nach ihrem Mädchennamen Louise T. Blouin, mehr als sechzig Kunstmagazine mit einer Leserschaft von zusammengenommen vierzehn Millionen.
Heute kaufen wir eine Firma in Frankreich
Der Verkaufswert der Titel beläuft sich auf gut 24 Millionen Dollar. Darunter finden sich so traditionsreiche Blätter wie „Art + Auction“ und „Modern Painters“ ebenso wie der Verlag „Art Now Inc.“, der zahlreiche Galerien- und Museumsführer in den Vereinigten Staaten publiziert. Ihre Firma, die bereits mit tausend Galerien und 900 Museen weltweit zusammenarbeitet, plant, Galerie- und Museumsführer auch in England, Frankreich, Spanien und Deutschland auf den Markt zu bringen. „Heute kaufen wir eine Firma in Frankreich“, läßt sie en passant im Gespräch fallen; spätestens da schwant einem, daß es sich bei Louise um eine Steel Magnolia erster Güte handelt.
Die Frage, was die ruhelose Unternehmerin eigentlich will, beschäftigte den englischsprachigen Kunstmarkt seit geraumer Zeit. Die Unternehmerin selbst indes hat nie einen Hehl daraus gemacht: Sie glaubt, daß das Segment der Kunst-Publikationen großes Wachstumspotential birgt, sowohl was die Leserschaft angeht, die, wie Louise MacBain meint, mit der steigenden Zahl der Sammler wachse, als auch im Anzeigengeschäft. Ihr Ziel ist ein Gesamtunternehmenswert von 500 Millionen Euro innerhalb der nächsten fünf Jahre. Die geplante Anfangsinvestition beträgt hundert Millionen Euro. Neben den Einkäufen von Printmedien und Datenbanken entwickelt sie momentan die Internet-Plattform „artinfo.com“. In zehn Monaten sollen dort sämtliche Informationen zum Thema Kunst gebündelt und für den kunstsinnigen Surfer bereitgestellt werden.
Einführung in eine als elitär verschrieene Welt
Sie habe, sagt Louise MacBain, die selbst von französischen Empire-Stühlen bis zu Damien Hirst und Yves Klein leidenschaftlich Kunst sammelt, eine Mission: Sie will den Kunstmarkt für ein größeres Publikum öffnen sowie Galerien und Museen helfen, sich besser zu vermarkten. Vielleicht weil sie selbst aus der artfremden Welt der Immobilien- und Automobilzeitschriften kommt, ist es ihr ein Anliegen, das fachferne Publikum in die als elitär verschrieene Welt der schönen Künste einzuführen. „Es kann entmutigend sein, ein Auktionshaus zu betreten und nicht zu wissen, was ein Paddel ist“, sagt sie: „Wir haben die Antwort dafür.“ Vor diesem Hintergrund ist auch der Relaunch der Zeitschrift „Art + Auction“ im Mai vorigen Jahres zu verstehen, deren neue Eleganz und breiter angelegtes Inhaltsspektrum das Publikum erstaunte - und den Umsatz deutlich steigerte. Daß man zwischen Besinnungsaufsätzen zur Kunst nun auch auf Werbung von Prada stößt, macht sie besonders stolz: „Nur weil jemand Kunst sammelt, heißt das nicht, daß er sich nicht für Mode interessiert.“ Ob das die angestammten Leser des Magazins auch so sehen?
Anfang mit Anzeigenblättchen
Wenn Louise MacBain sich auf etwas versteht, dann ist es neben dem Verlegertum das Schaffen respektabler Werte aus dem Nichts. Aufgewachsen in Montreal als jüngste von sechs Töchtern, kaufte sie 1987 zusammen mit ihrem damaligen Ehemann John MacBain drei Anzeigenblättchen. Im Lauf von zehn Jahren stemmte das Paar einen der weltweit größten Marktplätze für Immobilien und Automobile, „Trader Classified Media“, mit 400 Titeln in zwanzig Ländern und einem Jahresumsatz von 400 Millionen Dollar. Nebenbei gehörte die Verlegerin zu den Internetpionieren, die, als das Medium noch in den Kinderschuhen steckte, für ihre Netzarbeit 1992 auf dem Wirtschaftsforum in Davos zum „leader of the world“ gewählt wurde.
Ein Kunstzentrum in Notting Hill
Das sei für sie noch immer die größte Herausforderung, sagt Louise MacBain und scheut dabei den Vergleich mit Van Gogh nicht: etwas zu beginnen, woran sonst niemand glaubt. Anders freilich als dieser Visionär, der zu Lebzeiten auf Ruhm und Reichtum verzichten mußte, hat Louise MacBain von beidem mehr als genug. Vielleicht deshalb steckt sie nicht ihr gesamtes Vermögen allein in die Expansion ihrer Firma, die zur Zeit 140 Angestellte sowie zahlreiche freie Mitarbeiter beschäftigt. Durch den Verkauf ihrer Anteile an der „Trader Classified Media“ an ihren mittlerweile geschiedenen Ehemann John MacBain erhielt sie unlängst 160 Millionen Euro. Ein Teil davon kommt ihrer „Fondation Blouin MacBain“ zugute, für die sie soeben in Notting Hill ein Anwesen gekauft hat. Dort will sie ein Zentrum der Künste etablieren, mit Ausstellungen, Musik, Theateraufführungen und Symposien. Guggenheim-Chef Thomas Krens wird die Eröffnungsausstellung im März nächsten Jahres kuratieren. Seit zwei Jahren unterstützt die Stiftung zudem 8000 Schulen in den Vereinigten Staaten, wo Kunstunterricht im regulären Lehrplan nicht vorgesehen ist.
Verlegerin, Mutter, Triathletin
Dabei ist es nicht etwa so, daß Louise MacBain sich langweilen würde. Die Unternehmerin, dreifache Mutter und passionierte Triathletin, die jeden Morgen um sieben Uhr eine Stunde trainiert, sitzt nebenbei im Vorstand des Guggenheim Museums und der Tate, gehört zu den Förderern der Royal Academy in London, ebenso der Oper in Paris und arbeitet in der „Fondation for Childhood“ mit, um nur einige Aktivitäten aufzuzählen. Ihr Terminkalender ist randvoll, sogar an diesem Mittwoch, ihrem Geburtstag, trifft sie sich zum Interview. Allerdings nicht in ihrem Privathaus in Holland Park, sondern lieber in der distinguierten Atmosphäre des Hotels.
Alarm bei der Queen
So enthusiastisch sie über ihre Projekte und Vorhaben sprechen mag, so zurückhaltend gibt sie sich, was ihr Privatleben betrifft. Schon ihre Liaison mit Simon de Pury, dem mittlerweile alleinigen Herrscher über das Auktionshaus Phillips, de Pury & Company, dessen CEO (also Geschäftsführerin) sie für ein paar Monate war, ehe es zu Spannungen mit Daniella Luxembourg kam, der damaligen zweiten Teilhaberin neben de Pury, ließ die amerikanischen und englichen Glamourblätter aufhorchen. Spätestens jedoch, seit ihr ein Verhältnis mit Prinz Andrew nachgesagt wird, schreibt sie die einschlägige Presse geschlossen zu einer jener socialites hoch, die sie, wie sie sagt, partout nicht sein will.
Die Queen sei schon alarmiert, heißt es derweil im Königreich. Andrews ehemalige Frau, Sarah Ferguson, sei allein deshalb am Hof wieder wohlgelitten, meldete unlängst der „Mirror“, weil die Königin eine Heirat ihres Sohnes mit der Kanadierin verhindern wolle. Louise MacBain schweigt höflich. Doch sie weiß gut: London ist nicht nur ein Zentrum für erlesene Kunstmagazine, sondern auch für die lauteste Klatschpresse weltweit.