16.10.2001 · FAZ.NET sprach mit dem Autor Rainer Merkel über seinen neuen Roman, in dem die Arbeitswelt der New Economy im Mittelpunkt steht.
Rainer Merkel, 1964 in Köln geboren, lebt als Schriftsteller in Berlin. In der Autorenwerkstatt des dortigen Literarischen Colloquiums begann er die Arbeit an einem Roman über die Arbeitswelt der New Economy, aus dem er beim Bachmann-Wettbewerb 2001 die ersten Kapitel las. „Das Jahr der Wunder“ erschien jetzt im S. Fischer Verlag und wurde mit dem Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet. In seinem Roman-Debüt hat Merkel seine eigenen Job-Erlebnisse in einer Multimedia-Agentur verarbeitet.
Die Hauptfigur Christian Schlier bewirbt sich als Konzepter in der Start-Up-Agentur GFPD und fasst dort nach leichten Anfangsschwierigkeiten sehr bald Fuß. Dass er unterbezahlt ist und auf ein Privatleben weitgehend verzichtet, scheint ihn nach einer Weile kaum mehr zu stören. FAZ.NET sprach mit Merkel über sein ambivalentes Verhältnis zur Welt der New Economy und über Möglichkeiten, der neuen Arbeitswelt literarisch zu begegnen.
Was hat Sie als Romancier an der New Economy interessiert?
Ich habe den Stoff nicht so bewusst ausgewählt. Als ich mit den Vorarbeiten zu meinem Roman begann, war das Thema zwar schon irgendwie präsent, aber es gab noch nicht diesen Start-Up-Hype. Start-Up-Unternehmen haben mich interessiert, weil sie mir manchmal wie kleine Forschungsteams des Kapitalismus vorkamen.
Inwiefern ist die Lebensform in einem Start-Up-Unternehmen beispielhaft für die heutige Zeit?
Ich denke, dass mein Buch wiedergibt, wie sehr Arbeit in unserer Zeit zu einem Fetisch geworden ist. Sie wird zunehmend immateriell, und immer mehr Menschen entwickeln ein regelrechtes Suchtverhältnis zu ihr. Es ist heute einfach cool, nicht einfach nur viel zu arbeiten, sondern so unglaublich viel zu arbeiten, dass man sich vollkommen verausgabt. Das sieht man an Christian Schlier, und das habe ich auch an mir selbst beobachtet. Manchmal ist es dann sogar schick, sonntags zu arbeiten.
Haben Sie mit Christian Schlier eine Figur konzipiert, die den Anforderungen des Neuen Marktes auf besondere Weise gewachsen ist?
Möglicherweise. Ich sehe die Figur als eine, die sich mit verzweifelter Intensität anzupassen und durchzusetzen versucht. Das macht Schlier so konsequent, dass er am Schluss sogar seinen eigenen Körper fast schon wie einen Mitarbeiter behandelt. Er selbst bildet an sich Hierarchien aus, die ihm in der Agentur fehlen. Gerade am Schluss wäre es aber auch denkbar, dass er am nächsten Tag einfach aufhört. Denn in dem letzten Gespräch mit Grassi, seinem Team-Leiter, bleibt offen: Soll er kalt gestellt werden oder bekommt er tatsächlich einen Sonderstatus?
Nehmen wir Christian Schlier als Beispiel: Wie schlägt man sich durch im Neuen Markt?
Ich glaube, man sollte - gerade als Geisteswissenschaftler - nicht zu skrupulös sein. Meine Figur des Grassi zeigt, dass übermäßige Sensibilität und Kreativität schadet. Vorteilhaft ist sicher, auch mal betont nonkonformistisch und unkonventionell zu sein. Man darf auf keinen Fall zu angepasst sein, schon gar nicht in einer Agentur, in der es um Kreativität geht. Dann können ein pseudo-künstlerischer Touch und eine Spur Charisma nicht schaden. Aber das muss immer im Gruppen-Kontext funktionieren. Aus Rollen, die einem in Gruppen zugewiesen werden, sollte man von Zeit zu Zeit ausbrechen, sonst wird man festgelegt und steht schnell außen vor.
Christian Schlier ist jemand, der sich zu arrangieren versucht. Wie stehen Sie zu der von Ihnen beschriebenen Arbeitswelt?
Sehr ambivalent. Ich habe in der Agentur, in der ich gearbeitet habe, sehr gerne gearbeitet. Für mich war aber auch immer klar: Das ist nur eine temporäre Sache, ich höre bald auf und mache dann mit dem Schreiben weiter. Daher habe ich nie unter dem Druck eines Christian Schlier gestanden.
Aber ich habe meinen Job damals, Mitte der 90er, schon als Selbstausbeutung empfunden. Man wurde schlecht bezahlt und der Kommunikationsaufwand - all die Meetings, Termine und Brainstormings - ging manchmal fast schon ins Verschwenderische. Ich glaube, dass das Ineinssetzen von persönlichen und beruflichen Zielen Augenwischerei ist. Aber ich würde deshalb die New Economy nicht verteufeln oder sie als verwerflich bezeichnen.
Wie hat Literatur Ihrer Ansicht nach dieser neuen, zuweilen unmenschlichen, auf jeden Fall unpoetischen Arbeitswelt zu begegnen?
Erstmal habe ich es persönlich als angenehm empfunden, durch mein Schreiben das in der Wirtschaftswelt vorherrschende Effektivitätspostulat zu unterlaufen. Im Allgemeinen denke ich: Die Zeit der engagierten Literatur der 70er und 80er Jahre ist vorbei. Ich bin aber nicht der Meinung, dass Literatur politisch gesehen jetzt gar keine Rolle mehr spielt.
Manchmal spüre ich schon den Drang, mich stärker zu engagieren und zu politisieren, dann aber denke ich: Eine wichtige Aufgabe der Literatur ist immer auch wahrzunehmen, wobei die Wahrnehmung natürlich von der spezifischen Haltung des Autors abhängt. Seine Empfindlichkeit fließt in den Text ein. Im „Jahr der Wunder“ habe ich sehr viel kontrolliert, sehr viel weggelassen, ohne mich aber auf eine Meta-Ebene zu retten. Ich habe mich um möglichst große Komplexität bemüht, um dem Leser einen offenen Zugang zu ermöglichen.