http://www.faz.net/-gqz-3et6

Interview : Schriftsteller Alex Capus: „Ich bin ein Naiver“

  • Aktualisiert am

Mit dem Schreiben hält er's wie mit der Liebe - der Autor Alex Capus Bild: Felix von Muralt / Lookat

Sein Roman „Fast ein bisschen Frühling“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Mit FAZ.NET sprach der Autor Alex Capus über Dichtung und Wahrheit.

          Seinen Roman „Fast ein bisschen Frühling“ eröffnet Alex Capus mit einer lakonischen Zusammenfassung, die bereits die Mischung aus Einfalt und Romantik seiner Geschichte widerspiegelt: „Das ist die wahre Geschichte der Bankräuber Kurt Sandweg und Waldemar Velte, die im Winter 1933/34 den Seeweg von Wuppertal nach Indien suchten. Sie kamen nur bis Basel, verliebten sich in eine Schallplattenverkäuferin und kauften jeden Tag eine Tango-Platte.“

          Die scheue Liebesgeschichte zwischen dem einen Verbrecher und der Verkäuferin nimmt ihren Anfang in der Lüge des Räubers, der sich als harmloser Geschäftsreisender ausgibt, und findet ihr Ende im Verrat der Verkäuferin, als sie erkennt, dass ihre beiden Bekannten die gesuchten Kriminellen sein müssen. Mit FAZ.NET sprach Alex Capus über Dichtung und Wahrheit, die Wertschätzung des alltäglichen Dramas und das unbewusste Schreiben.

          Was hat Sie am Stoff, aus dem Sie Ihren Roman "Fast ein bisschen Frühling" entwickelt haben, am meisten interessiert?

          Bei mir ist das, wie wahrscheinlich bei den meisten Autoren, eine halb bewusste Sache, wenn einen ein Stoff befällt oder anfällt. Es ist wie in der Liebe: Wenn man sich in eine Dame verliebt, will man ja im Voraus auch nicht wissen, weshalb man sich in die verliebt. Das kann sich allenfalls im Nachhinein klären.

          Wirklich wahr: Die Räuber und die Verkäuferin haben sich am Rhein fotografieren lassen

          Rückblickend würde ich sagen, es ist dieser juvenile Freiheitsdrang der beiden Hauptfiguren, dieses Sich-Auflehnen gegen gesellschaftliche Zwänge. Vor dem Hintergrund von 1933 hatten die wirklich ganz handfesten Kummer, nicht solche Luxus-Problemchen, wie wir 80er-Jahre-Jungs sie hatten.

          Sie verarbeiten eine tatsächliche Begebenheit. Wie sind Sie auf die Geschichte der beiden Bankräuber Sandweg und Velte gestoßen?

          Das ist schon lange her. 1987 musste ich als Student der Geschichte und Philosophie in Basel eine Seminararbeit schreiben, ich weiß nicht mehr, zu welchem Thema. Ich ging in die Uni-Bibliothek, um zu recherchieren, und habe in alten Tageszeitungen geblättert, die ja früher noch jahrgangsweise in diesen großen Folianten, in Leder gebunden abgelegt wurden.

          Ich bin vom Hundertsten ins Tausendste geraten, habe meine Seminararbeit vergessen und übrigens auch später nie geschrieben, als ich auf diese Geschichte gestoßen bin und auf die großen Schlagzeilen zu ihrem Ende.

          Das Zarte dieser Geschichte, beispielsweise das Ritual der beiden Verbrecher, täglich eine Tango-Platte zu kaufen - haben Sie das schon in den Zeitungsartikeln gefunden? Wurden diese beiden so zartfühligen und gleichzeitig so gewalttätigen Charaktere aus den Zeitungsberichten überhaupt plastisch?

          Auf den ersten Blick nicht. Die großen Schlagzeilen - soundso viele Tote - waren eigentlich banal. Die Räuberpistole interessiert mich an der ganzen Geschichte auch gar nicht. Was mich interessiert, ist diese zarte, zweifache Liebesgeschichte. Wenn man genauer gelesen hat, und die Geschichte war über viele Tage Thema Nummer eins in den Zeitungen, hat man die Feinheiten allerdings schon mitbekommen. Beispielsweise die Geschichte, dass die schöne Schallplattenverkäuferin die beiden zum Schluss verrät, indem sie ihnen ein Judasbrot in den Park bringt, das konnte man nachlesen.

          Wo verläuft die Grenze, wo ist der Übergang von dem, was in den Zeitungen über die beiden stand, zu dem, was sie ergänzt haben?

          Ich bin der Überzeugung, dass man auch einen historischen Stoff skrupellos so erzählen muss, als wäre er ganz und gar erstunken und erlogen. Und ich gestehe gerne: Einige der Polizeiprotokolle habe ich auch getürkt, es ist nicht alles aus den Polizeiarchiven eins zu eins übernommen. Ich habe mir allerdings große Mühe gegeben, diesen Polizeijargon zu treffen. Man sollte nicht merken, was von mir ist und was wirklich von der Polizei.

          Es gibt in ihrem Buch eine schöne Diskrepanz zwischen dem zu einem Plan gewordenen Wunsch, nach Indien zu fliehen, der von einem Alltagswunsch, nämlich die schöne Verkäuferin wieder zu treffen, überlagert wird. Es gibt eine Sehnsucht der Ferne und eine Sehnsucht der Nähe. Welche Rolle spielt dieses Sujet in Ihrem Schreiben?

          All die kleinen Leute, von denen ich rede, haben die Sehnsucht, dass ihr Leben über sich selbst hinausweisen kann, dass es nicht in diesem geschlossenen Kreis bleibt - oder in dem Kreis, von dem man befürchtet, er könnte geschlossen sein. Diese Sehnsucht haben alle, und die äußert sich dann in Fernweh oder Heimweh. Ich glaube, das ist eine anthropologische Konstante.

          Für viele Leser gibt es ein oder zwei Bücher, die für das eigene Lesen und das eigene Leben unheimlich wichtig gewesen sind. Für manche Schriftsteller gibt es ebenfalls ein solches Buch, wie ist es bei Ihnen?

          Die Erzählungen Anton Tschechows haben mich sehr geprägt. Sie sind für mich immer noch das allerschönste, was es in der Weltliteratur gibt.

          In welchem Zusammenhang steht deren Lektüre mit Ihrem eigenen Schreiben?

          Ich habe von Tschechow die Wertschätzung des alltäglichen Dramas gelernt. Man muss nicht unbedingt mit dem Raumschiff sieben mal die Erde umkreisen, um einen literarischen Stoff zu finden. Tschechow entwickelt auf wenigen Seiten große Dramen aus fast Nichts.

          Es geht Ihnen um die Geschichte.

          Es geht mir immer um die Geschichte. Technik interessiert mich eigentlich nicht. Sie ist nur der Motor, der die Geschichte vorantreiben muss.

          Ich finde bei Ihnen kleinste Bilder, die die Figuren plastisch werden lassen. Sie beschreiben zum Beispiel die Art, wie ein Liebespaar beim Spazierengehen unbeholfen mit den Ellenbogen und den Hüften zusammenstößt.

          Schön, dass Sie das sagen. Das ist auch Tschechows Technik.

          Es ist Technik.

          Stimmt, es ist Technik. Aber ich bin ein Naiver, ich mache das nicht bewusst, sondern ich lese andere Autoren und bewundere etwas. Ich weiß nicht, warum ich es toll finde. Ich lerne unbewusst davon und wende es auch unbewusst an.

          Weitere Themen

          Sie nähen an ihrer Zukunft

          Integration : Sie nähen an ihrer Zukunft

          Als eine Modedesignerin in Deutschland keine Schneiderinnen findet, stellt sie geflüchtete Frauen ein. Die Näherinnen überraschen die Gründerinnen immer wieder.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Um diese Grenze dreht sich der Streit: Hinweisschild auf eine Zollstation in Nordirland.

          Was der Deal bedeutet : Der Brexit-Kompromiss bindet die Briten an die EU

          Die Briten hätten sich auf Standards eingelassen, hinter die sie nicht mehr zurück könnten, heißt es in Brüssel. Doch rettet der Kompromiss einen geordneten Brexit? Eine wirtschaftliche Einordnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.