11.02.2002 · Gespräch mit Regiestar Robert Altman, der auf der Berlinale seinen neuen Film, „Gosford Park“, vorstellt.
Vor 26 Jahren wurde der amerikanische Regisseur Robert Altman für „Buffalo Bill und die Indianer“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Diesmal läuft sein aktueller Film, die Krimikomödie „Gosford Park“, zwar außer Konkurrenz, ist aber dennoch eines der Highlights der Berlinale.
Sie haben während Ihres fast 50-jährigen Schaffens fast alle Genres bedient, aber nie einen Krimi gedreht. Warum haben Sie sich jetzt dazu entschlossen?
Abgesehen davon, dass ich schon lange einmal eine Krimikomödie machen wollte, ist es dann einfach mehr oder weniger zufällig passiert. Es kamen einfach ein paar Dinge zum richtigen Zeitpunkt zusammen: eine gute Basisidee, ein ausbaufähiges Script, Produzenten, die den Film machen wollten und natürlich eine Riege erstklassiger Schauspieler.
„Gosford Park“ ist, obwohl im klassisch-englischen Ambiente einer Agatha Christie-Geschichte angesiedelt, dann doch kein echter „Whodunit“...
...das ist richtig - eher ein „Whocareswhodunit“ (lacht). Obwohl wir uns zuerst natürlich schon bei Agatha Christie umgesehen haben, dann aber leider nicht fündig wurden. Ich glaube auch, dass mein Film eher eine Sozialsatire ist, die als Krimi verkleidet daherkommt. Es ist ein bisschen wie „Agatha Christie trifft Renoir“.
Sie behandeln Schauspieler - ganz im Gegensatz zu Hitchcock - nicht als „Vieh“ sondern schenken Ihnen sehr viel Beachtung...
...weil ich Schauspieler wirklich liebe und für das Herzstück eines jeden Films halte. Ohne sie gibt es keinen Film. Und jedes noch so gute Drehbuch ist immer zunächst zweidimensional - erst durch die Schauspieler bekommt es die entscheidende dritte Dimension. Ich versuche mich sehr in Schauspieler einzufühlen und ihnen jede Art von Unsicherheit oder Misstrauen zu nehmen. Nur so ist doch entspanntes und kreatives Arbeiten überhaupt erst möglich.
Und doch sprach Helen Mirren davon, dass Sie eine sehr idiosynkratische Art hätten, Regie zu führen...
...was immer sie damit gemeint hat. Natürlich habe ich eine gewisse Art und Weise wie ich etwas mache, eine bestimmte Handschrift, aber auf der anderen Seite ist jeder Film verschieden. Aber alle sind natürlich „Altman-Filme“ - ich weiß wirklich nicht, wie man einen „Nicht-Altman-Film“ macht.
Wenn Ihre Filme Bilder wären, dann doch wohl eher Aquarelle als Ölgemälde, oder?
Das hängt von vielen Faktoren ab. Aber ich sehe meine Filme dann doch eher in Temperafarben.
Was ist für Sie das filmischste Moment beim Filmemachen?
Ich weiß, dass viele meiner Kollegen gerne darauf antworten, dass es der Schnitt ist. Ich denke, dass im Schneideraum alles zusammenkommt. Aber das Wichtigste beim Filmemachen ist immer noch das Drehen.
Sie gelten auf der einen Seite immer noch nach all den Jahren als Hollywood-Outsider, auf der anderen Seite bekommen Sie fast regelmäßig - wie auch bei „Gosford Park“ - diese fabelhafte Besetzung zusammen. Es scheint, dass Sie die Stars nur anzurufen brauchen und schon haben Sie eine Zusage.
Das wäre schön, leider ist es überhaupt nicht so. Allerdings sagen mir das die Schauspieler natürlich nicht selbst, sondern ihre Agenten. Bei diesem Film habe ich ja fast ausschließlich mit englischen Schauspielern gearbeitet und ich kann sagen, dass ohne sie dieser Film nie zustande gekommen wäre. Das hängt auch damit zusammen, dass sie alle für sehr wenig Gage gespielt haben. Und so ein großartiger Schauspieler wie Alan Bates hat zum Beispiel die ersten sechs von insgesamt zehn Wochen Drehzeit damit verbracht, im Hintergrund herumzustehen und vielleicht ganze fünf Worte zu sagen. Kein amerikanischer Schauspieler seines Kalibers hätte das je gemacht.
Was sind die Hauptunterschiede zwischen amerikanischen und englischen Schauspieler?
Die meisten englischen Schauspieler haben im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen Theatererfahrung. Aber was einen echten Schauspieler betrifft, gilt überall auf der Welt: Kratzt man an seiner Oberfläche - kommt ein Schauspieler zum Vorschein.
Sie haben 1976 den Golden Bären für ihren Film „Buffalo Bill und die Indianer“ erhalten. Erinnern Sie sich noch daran?
Ja, natürlich. Und ich habe mich sehr darüber gefreut, denn wenn man einen Preis bekommt, dann denken die Leute im Filmbusiness: „Oh, er hat einen guten Film gemacht - vielleicht kriegt er ja noch einmal einen guten hin.“ So etwas ist mitunter sehr beruhigend. Leider habe ich damals gedreht und konnte ihn mir nicht selbst abholen. Er ist sicher vom Aussehen der schönste Preis, den ich je bekommen habe.
Haben Sie sich eigentlich mit Donald Sutherland, mit dem Sie damals „M*A*S*H“ gedreht haben, getroffen? Er ist zur Zeit auch in Berlin.
Nein. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass Donald Sutherland und Elliott Gould mich damals bei „M*A*S*H“ als Regisseur gefeuert haben wollten. Und zwar mit der Begründung, dass ich mich zu sehr um die Statisten kümmern würde und zu wenig um sie. Und sie wären doch schließlich die Stars.
Der Filmkritiker Richard Schinkel vom "Time"-Magazin findet Ihre Filme sehr misanthropisch und vermutet, dass Sie selbst ziemlich menschenverachtend sind. Möchten Sie das kommentieren?
Das mag seine Interpretation sein - aber ich glaube nicht, dass sie zutrifft. Man hat mir zum Beispiel - bei „M*A*S*H“ und „Dr. T & the Women“ - auch vorgeworfen, dass ich Frauen verachte. Das ist natürlich totaler Quatsch. Was ich auf der Leinwand zeige, ist ja nicht meine Meinung. Nicht ich behandle Frauen schlecht, sondern ich zeige wie sie von der Gesellschaft - vor allen von den Männern - behandelt werden.
Können wir noch kurz über Ihr neues Projekt, „Voltage“, reden?
Es ist ein Film nach dem Roman „A Shortage of Engineers“ von Robert Grossbach, zu dem Alan Rudolph das Drehbuch geschrieben hat. Die Story handelt von einem jungen Ingenieur in einem Betrieb zu Herstellung von Verteidigungsanlagen, der von seinem Boss und seinen Kollegen gemobbt wird.
Also wieder ein Komödie.
Ach, alle meine Filme sind eigentlich Komödien.