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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview Ralf Dahrendorf: Die Deutschen sind zu missmutig

18.10.2002 ·  Lord Dahrendorf hat seine Erinnerungen veröffentlicht. Ein Gespräch mit dem großen Liberalen über Europa, die FDP und die Krise des deutschen Bildungswesens.

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Er sagt, er sei ein Leben lang 28 geblieben: Lord Ralf Dahrendorf, bedeutender Vordenker des Liberalismus, viele Jahre Direktor der London School of Economics, davor EU-Kommissar für Außenhandel, heute Baron of Clare Market in the City of Westminster und Mitglied des britischen Oberhauses. Auf der Frankfurter Buchmesse stand Lord Dahrendorf am Stand der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ.NET Rede und Antwort: über sein Buch, Europa, die FDP und die Krise des Bildungswesens.

Lord Dahrendorf, es gibt Leute, die schreiben mit 40 eine Autobiografie mit 400 Seiten. Sie haben für Ihr überaus reiches Leben nur 200 Seiten gebraucht. Wie haben Sie das geschafft?

Ich mich auf die ersten 28 Jahre beschränkt und auch spätere Jahre drumherum gebaut. Das machte vieles leichter. Es gibt ja auch eine längere Version. Die habe ich auf Englisch geschrieben. Aber sie gefiel mir nicht und liegt bis heute im Tiefkühlfach. Und da liegt sie gut.

Warum war das 29. Lebensjahr so entscheidend für Sie?

Es war das Jahr, indem ich meine Habilitation abschloss und meine erste Professorenstelle antrat. Es war mein wichtigstes Jahr. Dieses 29. Lebensjahr habe ich seither immer in mir getragen. Das ist das Leitmotiv des Buchs.

Ein Problem des autobiografischen Schreibens ist ja, dass die Erinnerung den Verfasser im Stich lassen kann. Wie sind Sie mit diesem Problem umgegangen?

Sie sprechen ein echtes Problem an. Es gab da so manche Geschichte, die ich über Jahre sehr blumig erzählt habe. Als ich jetzt noch einmal nachrecherchierte, stellte ich fest, dass ich doch manchmal etwas übertrieben hatte. Nun stand ich vor der Wahl: Bestätige ich die bekannte Version oder enttäusche ich meine Umwelt und gebe damit zu, dass ich übertrieben hatte.

Ein anderes Thema: Sie haben sich selbst als einen skeptischen Europäer bezeichnet. Der Euro ist jetzt da, die EU-Osterweiterung ist das nächste Etappenziel im Einigungsprozess. Trotzdem scheint die Europa-Begeisterung der Ära Kohl verflogen. Die EU scheint wieder einmal in einer Krise zu sein.

Solange eine Institution noch in der Lage ist, Krisen zu produzieren, ist sie irgendwie wichtig. Insofern kann man sagen, wenn Sie Recht haben mit der Krise, dann zeigt das die Bedeutung der EU. Nach meiner Meinung liegt das zentrale Problem der Europäischen Union in der großen Lücke zwischen den anspruchsvollen Festreden über entfernte Ziele der europäischen Einheit und der täglichen Realität einer Gemeinschaft, die sich mehr mit dem Geräuschpegel von Baumaschinen beschäftigt als mit den Dingen, die in den Festreden gesagt werden. Wenn diese Lücke nicht geschlossen wird, dann geht das ganze Unternehmen schief.

Um es an dem angeführten Beispiel des Euros festzumachen: Wenn die Gemeinschaftswährung nicht mehr ist als der Abschluss der Schaffung des Binnenmarktes, dann bleibt die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit groß. Wenn er den Anfang einer intensiveren Zusammenarbeit in der Haushalts- und der Wirtschaftspolitik darstellt, dann kann es sein, dass die Lücke allmählich geschlossen wird. Da ist alles offen.

Wie könnte die Lücke denn geschlossen werden? Operiert das Raumschiff Brüssel nicht viel zu abgehoben vom Europa der Bürger? Bedarf es hier nicht auch institutioneller Reformen?

Ich glaube nicht, dass die Reform von Institutionen in diesem Zusammenhang wichtig ist. Ich würde es sehr bedauern, wenn sich der europäische Konvent vor allem mit ganz esoterischen institutionellen Fragen beschäftigen würde, die am Ende doch keinen Bürger interessieren. Es muss tatsächliches politisches Handeln, wahrscheinlich vor allem im Bereich der internationalen Beziehungen hinzukommen, und dafür sieht man gerade im Augenblick kein ernsthaftes Anzeichen. Wenn es ernst wird, divergieren die Mitgliedstaaten der Gemeinschaft, insbesondere die großen, in entscheidender Weise.

Die EU-Erweiterung ist der nächste Schritt im Einigungsprozess. Ist sie den Bürgern in dieser konjunkturellen Schwächephase zumutbar?

Natürlich. Die EU-Erweiterung wird die Wachstumsschwäche der europäischen Volkswirtschaften nicht verschlimmern, sondern vielleicht im Gegenteil ein bisschen beheben. Insofern ist sie schon zumutbar. Ich würde sogar hoffen, dass es jetzt keine weiteren Hindernisse auf diesem Weg gibt, sondern dass die Entscheidungen auf diesem Weg so bald wie möglich getroffen werden.

Lassen Sie uns zu einem anderen Stichwort kommen: dem Liberalismus. Welche Aufgabe hat der Liberalismus in unserer Zeit?

Liberalismus oder liberales Denken hat immer dieselben Grundaufgaben: die Schaffung der Verfassung der Freiheit, die Schaffung von Umständen, die es dem einzelnen und der einzelnen erlauben, ein Maximum an Lebenschancen zu gewinnen und zu realisieren. Das ist teils eine Frage der Rechtsordnung und des Rechtsstaates, das ist teils eine Frage der wirtschaftlichen Bedingungen, der Ermutigung von Eigentätigkeit. Und es ist teils eine Frage der Sozialpolitik, die nachhaltig ist und Einsatz freisetzt, anstatt ihn zu fesseln. Das sind Aufgaben, die sich nicht verändern und die im übrigen nicht Aufgaben einer einzigen Partei sind. Liberales Denken in diesem Sinne kann es in allen Parteien geben.

Liberalismus wird heute in der Öffentlichkeit vor allem wirtschaftlich definiert, selten in seiner ganzen gesellschaftspolitischen Bandbreite. Der sogenannte Neoliberalismus prägt unsere Zeit. Wie leben Sie mit dieser verkürzten Wahrnehmung des Liberalismus-Begriffs und seinem ambivalenten Image?

Der Begriff Neoliberalismus ist geprägt worden für eine bestimmte wirtschaftspolitische Position, die vor allem mit der Ära Reagan in den Vereinigten Staaten und Thatcher in Großbritannien verbunden ist. Zweifellos sind in diesen Zeiten in beiden Ländern Energien freigesetzt worden, die vorher gefesselt waren. Insofern ist es kein Begriff, der mich umwirft. Was mir wichtig scheint, ist, nicht dem Irrtum zu verfallen, dass die Existenz globaler Märkte uns alle zwingt, präzis denselben wirtschaftspolitischen Weg zu beschreiten. Das ist nach meiner Meinung nicht der Fall. Die Globalisierung lässt ein breites Spektrum von Opitonen offen.

Man kann auf den Sozialstaat soweit verzichten, wie das die Vereinigten Staaten tun und Menschen zwingen, im wesentlichen für sich selbst aufzukommen. Man kann sich auch einen Sozialstaat leisten, wenn dieser nicht an bestimmten Grenzpunkten beginnt, die Möglichkeiten der Wirtschaftsentwicklung einzuschränken. Es scheint mir sehr wichtig zu sein, dass wir dem Irrtum entgegenhalten, dass Globalisierung nur noch eine Art von Wirtschaftspolitik offen lässt. Das ist schlicht nicht der Fall. Insofern sind die verschiedenen europäischen Modelle eines sozialen Kapitalismus in ihrer Unterschiedlichkeit alle durchaus gangbar und verträglich mit der Globalisierung.

Sie plädieren für die soziale Marktwirtschaft.

Ganz sicher. Natürlich braucht das derzeitige System Erneuerungen. Eine nachhaltige Sozialpolitik ist heute gar nicht so leicht zu erfinden und noch weniger leicht populär zu machen. Aber dass Änderungen nötig sind, ist Teil der sozialen Marktwirtschaft.

Lesen Sie die Fortsetzung: Teil 2: Ralf Dahrendorf: „Bildung braucht Differenzierung“

Das Gespräch führte Holger Christmann

Ralf Dahrendorf: Über Grenzen. Lebenserinnerungen. 200 Seiten. Verlag C.H.Beck. München, 19,90 Euro

Quelle: @hc
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