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Interview Philosoph Richard Rorty: „Europa nutzt seine Macht nicht aus“

 ·  Anstatt die Dummheiten Amerikas zu kommentieren, sollte Europa eigenständige Positionen entwickeln, fordert Richard Rorty im FAZ.NET-Interview.

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Was wiegt die Stimme Europas, wenn sie zum Nahost-Konflikt oder zur amerikanischen Option, den Irak anzugreifen, Stellung bezieht? Und was könnte sie wiegen? Der amerikanische Philosoph Richard Rorty wirft europäischen Politikern und Intellektuellen Verantwortungslosigkeit vor. Anstatt die Aktionen Amerikas abzuwarten und dann zu kritisieren, sollte Europa eine eigenständige Position entwickeln und seine weltpolitische Macht ausnutzen.

In einem FAZ.NET-Interview spricht Rorty über amerikanische Alleingänge, die fehlende Einflussnahme Europas und das Versagen der amerikanischen Opposition. Der Philosoph zählt zu den wichtigsten politischen Intellektuellen Amerikas.

Sie haben oft geäußert, dass der Philosoph im Kontext politischer Debatten nichts zu suchen hat, insbesondere in seiner klassischen Rolle als Experte für Wahrheit, Moral und Grundlagenprobleme. Können Sie denn widerstehen, wenn die ganze Welt über Universalismus, Wertkonflikte, Menschenrechte oder gerechte Kriege diskutiert?

Ich denke schon. Mir scheint, dass all die Diskussionen unter den Intellektuellen über die Implikationen des 11. September nicht viel gefruchtet haben. Das gilt besonders für das Gerede über einen Kampf der Kulturen; der Terrorangriff hatte so viel mit dem Islam zu tun wie die Mafia mit dem Christentum. Es ist schlimm genug, wenn irgendwelche Banden moderne Technik einsetzen, um enormen Schaden anzurichten und möglicherweise die Struktur der gesamten Zivilisation zu schwächen; man muss es nicht auch noch hochphilosophieren als die Revolte einer gigantischen Macht gegen eine andere gigantische Macht.

Zur Auseinandersetzung der Kulturen haben Sie selbst beigetragen mit der provokativen Bemerkung, wir hätten vom Islam nichts zu lernen.

Ich habe versucht, das ein wenig umzuformulieren: Wenn wir etwas zu lernen haben, dann wird es nicht viel mit Freiheit oder sozialer Gerechtigkeit zu tun haben, denn da sind wir im Westen die Experten.

In einem kürzlich veröffentlichten Aufruf amerikanischer Intellektueller mit dem Titel “Letter from America“ werden solche westlichen Überzeugungen nun aber zur Rechtfertigung militärischer Gewalt herangezogen. Hätten Sie das unterschrieben?

Nein, ich bin auch nicht gefragt worden. Der Text war viel zu lang und enthielt so viel Verschiedenes, dass von niemandem mehr volle Zustimmung erwartet werden konnte. Ich habe auch noch nie viel mit der Idee des “gerechten Krieges“ anfangen können, ich sehe Kriege eher als notwendig oder überflüssig an. Der Krieg gegen Hitler war nötig, der in Vietnam unnötig.

Ist denn der Krieg gegen den Irak notwendig?

Das Problem ist, dass unsere Regierung uns andauernd belügt. Die amerikanischen Regierungen haben sich während des Kalten Krieges abgewöhnt uns zu sagen, was sie tun. Nun gibt es ständig die Gefahr, dass wir morgens aufwachen und erfahren, dass wir Bagdad bombardieren. Die Regierung wird uns dann Geheimdienstberichte präsentieren, die beweisen, dass das nötig war, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, ob diese Berichte echt sind oder nicht.

Theoretisch sind wir eine demokratische Gesellschaft, doch faktisch haben wir einen nationalen Sicherheitsstaat, in dem man Entscheidungen solcher Art hinter den Kulissen trifft. Es gibt eigentlich keine effektiven Debatten darüber, und wir können nur hoffen und beten, dass die Regierung nicht geistesgestört ist. Dafür gibt es allerdings keinerlei Garantie. Niemand weiß, ob es diese Fabriken im Irak wirklich gibt. Falls es sie gibt ...- nun, Saddam ist eines der skrupelloseren Schweine der uns bekannten Geschichte; es gibt eigentlich keinen Grund anzunehmen, dass er seine Waffen nicht auch einsetzen wird. Ich weiß nicht, ob man wirklich auf die erste Rakete warten sollte, die aus dem Irak kommt.

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