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Interview Möbeldesigner Moormann: "Wir brauchen dringend eine Revolution"

 ·  Einem Zufall verdankt Nils Holger Moormann seinen frühen Kontakt mit der Möbelbranche. Heute ist er Deutschlands führender Möbeldesigner.

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Nils Holger Moormann ist ein Möbelmann mit Herz und Sinnen. Seine in den 80er Jahren in Aschau im Chiemgau gegründete Firma arbeitet mit den talentiertesten Entwerfern der jüngeren Generation zusammen, darunter Axel Kufus oder Konstantin Grcic. Mit nur 20 Mitarbeitern wird die Produktion von Betrieben in Umkreis von nur 30 Kilometern bewerkstelligt und in ganz Europa vertrieben.

Der Zwerg unter den deutschen Möbelmarken lebt vom Versand. Er wendet sich an kreative Leute mit Verstand, die es sich etwas kosten lassen, wenn es um Einrichtung als Teil ihrer Lebensgestaltung geht. Anlässlich der internationalen Möbelmesse in Köln, die an diesem Samstag und Sonntag für die Öffentlichkeit zugänglich ist, hat FAZ.NET mit dem ungewöhnlichen Erfolgsdesigner über den Stand des deutschen Möbeldesigns gesprochen.

Auf der Möbelmesse stellen Sie Ihr neues Regalsystem "Egal" vor. Das klingt subversiv. Ist Ihnen das Regal egal, oder sind Ihnen die anderen Hersteller egal?

Ich finde, dass man vielem, was man auf der Möbelmesse in diesem Jahr sieht, anmerkt, dass dahinter keine Entscheidungen aus dem Bauch-, Herzbereich stehen. Die Gegenstände erscheinen aus dem reinen Verstand heraus entwickelt. Das ist traurig. Ich begeistere mich weniger für die großen Konzerne, als für unternehmerisch geführte Firmen, die auch Risiken eingehen. Von denen sind dann auf den Messen auch mal Stücke zu sehen, die überhaupt nicht klappen. Dann kann man jedenfalls richtig schimpfen. Jetzt sieht die Messe allzu vernünftig aus. Alles ist gestriegelt und gestylt und irgendwie auch ein bisschen langweilig.

Dominiert der industrielle Aspekt des Massenmarkts zusehends?

Solche Firmen wie unsere gibt es ja kaum noch. Die größeren Firmen, die überlebt haben, machen jetzt gewaltigen Druck auf den Markt. Und die Einzelhändler müssen alles abnehmen. Die sind unfrei geworden.

Wie schätzen Sie den Stellenwert des deutschen Möbeldesigns international ein?

Etwas bieder. Wir haben es nicht so richtig geschafft, uns wirklich zu internationalisieren. Die wenigen, die das probiert haben, haben längst eins auf die Nase gekriegt. Da sind die Italiener einfach mutiger. Sie sind schneller und erobern Märkte wie im Vorbeigehen. Sie sind supergut im Styling, vielleicht im Moment sogar etwas zu gestylt. Auf Auslandmessen sind die Italiener immer die ersten. Deutsche Firmen sind da fast nie vertreten. Wir sind vielleicht zu deutsch, zu gut organisiert, zu sehr auf Qualität bedacht. Uns fehlt die leichte Hand. Wir brauchen dringend eine Revolution, damit die jungen Leute wieder zurückkommen und mehr Spaß aufkommt, damit man mal wieder staunen kann. Im Moment passt alles so wunderbar zusammen. Das ist alles eine Soße.

Fehlt es an Motivation an den Hochschulen?

Noch vor zehn Jahren war das Möbeldesign die Königsdisziplin unter den Designern. Ein Möbel zu entwerfen, das war was. Wenn ich ein Möbel machen durfte, das war das Höchste. Das war auch damals schon mit Risiken, langen Wegen und Klingel Putzen verbunden. Heute hat sich das durch das Interface-Design erledigt. Da toben sich die Youngsters aus, die brauchen das alles nicht. Die sind ihr eigener Produzent und erreichen gar keine schlechten Ergebnisse.

Ihr Regalsystem FNP, das vor zehn Jahren auf den Markt kam und, immer noch erfolgreich, heute schon zu den modernen Klassikern gehört, wird nun von "Egal" abgelöst. Warum?

Ich versuche mit Entwerfern lange Wege zu gehen. Weil ich einfach finde: Je länger man zusammen arbeitet, desto besser arbeitet man zusammen. Axel Kufus hat ja schon das FNP gemacht. Mit dem System wollten wir nicht weiter machen, weil ich keine deutsche Wohnwand wollte. Daher haben wir einen neuen Entwurf für ein Behältermöbel mit Schubladen gemacht. Es ist banal einfach und sieht eigentlich wie ein auf die Seite gekipptes Bord aus. Es ist hypermodular und werkzeugfrei zu bauen. Eine riesige Schrankwand kann man in fünf Minuten auseinander- und wieder zusammensetzen. Das ist wie Häuschen bauen, wie mit Bausteinchen spielen. Das finde ich faszinierend. Das schafft Eigenkreativität, und das finde ich so toll. "Egal" besteht aus Brettern, die eigentlich zum Innenausbau von LKW benutzt werden. Man kann sein ganzes Leben darin verstecken. Und es ist so einfach zu bauen, dass man sogar die Bedienungsanleitung verlieren kann.

Dieses Möbel liegt auf der Schnittstelle zwischen Wohnen und Arbeiten. Sie arbeiten gerade an einer Serie "Off Office". Wie beurteilen Sie die Zukunft der Arbeitswelt in Bezug auf Möbel?

Wir wollen da mit hinein in den Bereich, weil der auch noch der gesunde ist in der deutschen Möbelwirtschaft. Mich interessiert, eine Nische in der Nische zu besetzen, etwas zu machen, was es so noch nicht gibt. Grob gesagt, gibt es drei Welten im Arbeits-Möbelbereich: Die eine ist ergonomisch perfekt durchkonstruiert und steht für die genormte Wunderwelt aus Platten und Lehnen, die dem Menschen entgegen kommt. Das finde ich interessant und auch eine tolle Leistung.

Dann gibt es die Luxusdesign-Variante, die die Ergonomie auch mit betrachtet und schickste Welten vorlebt. Die sind angesagt und trendy. Und schließlich gibt es die reduzierte Welt, die auf lockere Art mit dem Leben umgeht und ein Hypermaß an Mobilität bietet. Der Kunde kann mit einfachen Mitteln auf sein Möbel einwirken und damit so ziemlich machen, was er will, ohne es ästhetisch zu versauen. Er kann superleicht damit umziehen und das Möbel in einen anderen Kontext stellen.

Unsere Möbel etwa haben etwas Dienendes. Sie sind nicht so laut, sondern einfach da. Ich bin selbst überrascht über den Erfolg, den wir damit haben.

Das Gespräch führte Katja Blomberg

Quelle: @blo
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