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Veröffentlicht: 23.11.2014, 11:49 Uhr

Scheitern der Piraten Das Ende der Nerds

Sie verkannten Snowdens Enthüllungen, und statt Visionen hatten sie nur Twitter-Accounts. Christopher Lauer und Sascha Lobo erklären das Scheitern der Piratenpartei.

© Pein, Andreas Der Internetunternehmer und Verleger Sascha Lobo (links) im Gespräch mit dem ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Piraten, Christopher Lauer (rechts)

Herr Lauer, Sie sind dieses Jahr aus der Piratenpartei ausgetreten. Sie, Herr Lobo, haben die Piratenpartei von Beginn an kritisch begleitet, manchmal auch abfällig kommentiert. Das Buch, das Sie jetzt gemeinsam geschrieben haben, sei keine Abrechnung, sagen Sie. Was ist es dann?

Christopher Lauer: Es soll eine Analyse von innen und von außen sein. Und es geht um die Frage: Was lernt man aus den Piraten?

Im Buch sprechen Sie die ganze Zeit in der Vergangenheit. Ist die Partei für Sie tot?

Sascha Lobo: Die Gespräche, die wir für dieses Buch geführt haben, fanden an den spannenden Stellen im historischen Präsens statt, was aber dem Leser eher verwirrend vorkäme. Deshalb haben wir es in die Vergangenheit gesetzt. Auf die Frage, ob die Partei tot ist, würde ich gerne buddhistisch antworten, weil man im politischen Kontext schon an Wiedergeburt glauben kann. Aber dafür muss man auch erst mal von dieser Welt gehen...

... und sich verwandeln.

Lobo: Genau. Insofern stellt sich die Frage einer Metamorphose. Ich glaube nach wie vor, dass die Idee, die hinter den Piraten stand und die die Piraten lustigerweise nie ausformuliert haben; dass diese Idee dahinter nach wie vor benötigt wird. Nicht nur als Partei, sondern als gesellschaftlicher Ansporn. Es sind extrem viele Sachen völlig ungeklärt, wie genau das Netz die Gesellschaft verwandelt, an welchen Enden man schrauben muss, um die Gesellschaft bei ihrem Sturz ins Digitale sanft aufzufangen. Dafür bräuchte man ein Machtinstrument, das experimentierfreudig, offen, begeistert an den Antworten auf diese Fragen arbeitet. Und das ist die Piratenpartei jetzt erst mal nicht mehr.

Ausschlaggebend für die Gründung der Partei war „The Pirate Bay“, eine Suchplattform für das Filesharing von urheberrechtlich geschütztem Material. Die Urheberrechtsfrage stand also am Anfang, hat, wie Sie in Ihrem Buch zeigen, zugleich aber auch den Niedergang der Piratenpartei herbeigeführt.

Lauer: Ich mache gerne einen Abgleich, wenn ich beim Frisör sitze, und fange da politische Gespräche an. Und ich konnte da nicht erzählen: Wir haben eine Partei gegründet, in der wir das Urheberrecht reformieren wollen, aber wie Sie zur Arbeit kommen und ob Sie sich noch eine Wohnung in der Innenstadt Berlins leisten können, ist mir herzlich egal. Für mich war klar, dass der ganze Urheberrechtskram nur ein Symptom für all die Veränderungen ist und war, die Sascha den „Sturz ins Digitale“ nennt. Und dass man eine Partei braucht, die dieses Rumoren in der betroffenen Generation artikuliert. Der Gründungsmythos ist den Piraten gewaltig auf die Füße gefallen.

Sasche Lobo und Christopher Lauer - Die Autoren sprechen im Kaminzimmer der Berliner F.A.Z. Redaktion mit Julia Encke über ihr neues Buch  "Aufstieg und Fall der Piraten". © Pein, Andreas Vergrößern „Welche Art von Plattform, von wem und wie kontrolliert, müssen wir schaffen, um digitale Demokratie zu ermöglichen?“ (Sascha Lobo)

Es ging und geht da ja um Leute, die das Gefühl haben, dass ihre Lebenswelt in der Politik der bürgerlichen Parteien nicht vorkommt.

Lobo: In der Partei gab es diesen Riss: Die einen sagten, es ist eigentlich alles in Ordnung, aber wir könnten ein paar Gesetze ändern und das Internet besser in die Gesellschaft integrieren. Das waren die Urheberrechtsleute, die den Gründungsmythos quasi biblisch verstanden haben. Die anderen, die Berliner, sagten: Es ist gar nicht viel in Ordnung, lasst uns das Internet benutzen, um die Gesellschaft besser zu machen. Von außen habe ich zunächst gesehen, dass ich mit beiden Flügeln nur begrenzt etwas anfangen konnte, der eine aber noch dazu unsympathisch war. Ich bin als Autor jemand, der vom Urheberrecht lebt, und kann gut nachvollziehen, dass man sich unter Urhebern nicht gerade glühende Freundschaften heranzüchtet, wenn man sagt: Zehn Jahre nach der Veröffentlichung solle alles urheberrechtsfrei sein.

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