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Montag, 13. Februar 2012
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Interview Literatur als Schmerzmittel

14.03.2006 ·  Carl Weissner war Lektor, Übersetzer und Freund der Schriftsteller Bukowski, Burroughs und Ginsberg. Ein Gespräch über schreibende Überlebenskünstler, Drogen, Harry Rowohlt und Daniel Kehlmann.

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Carl Weissner war Lektor, Übersetzer und Freund der Schriftsteller Bukowski, Burroughs und Ginsberg. Ein Gespräch über schreibende Überlebenskünstler, Drogen, Harry Rowohlt und Daniel Kehlmann.

F.A.S.: Sie wurden als Lektor literarisch verewigt, Jörg Fauser hat Sie als Lou Schneider in seinem Roman „Rohstoff“ porträtiert: „Er glich eher einem Kriminalreporter aus einem Gangsterfilm als dem Außenlektor eines deutschen Avantgarde-Verlags“, heißt es da.


Ich kann Ihnen genau sagen, worin meine einzige Leistung beim Lektorat dieses Buches bestand: Ich hab' ihm Zeilen rausgeschmissen, die ein reines Else-Lasker-Schüler-Imitat waren. Er ist ja, wie wir alle, mit Bildungsballast durchs Leben gegangen, und den hat er ungeniert eingeflochten. Laß der Else ihr Ding, das ist nicht deins, hab' ich gesagt.


Mehr hatten Sie nicht zu tun?

Ich habe da überhaupt nichts lektoriert, der war so gut drauf.


Mit Fauser waren Sie befreundet. Woher kannten Sie sich?

Ich habe ihn durch meinen Freund Jürgen Ploog in Frankfurt kennengelernt, Ende der sechziger Jahre, als er grade anfing, seine Klartext-Gedichte zu schreiben. Bei Ploog hat sich immer alles getroffen, weil der im Westend die größte Wohnung hatte, und Fauser war gleich um die Ecke bei den Hausbesetzern. Da war er noch auf Heroin. Er hat mich sofort überzeugt. Er ist halt ab und zu ins Badezimmer verschwunden und kam mit glänzenden Augen wieder.


Saß nicht still in der Ecke, wie man das aus Christiane F. kennt?

Ach was, der hat geredet wie ein Wasserfall. Er war voller Ideen, er war happy, daß er endlich Leute gefunden hatte, die sich für dieselben Autoren interessierten.


Sie haben zusammen die Literaturzeitschrift „Gasolin 23“ herausgegeben.

Fauser hat Layout geklebt, jede Drecksarbeit gemacht, und ab und zu mußte er sich halt umtun in der Szene. Es gibt angenehme Junkies, die sehr zuverlässig sind. Die halten einen bestimmten Pegel, und solange man ihnen das nicht verwehrt, rasten sie nicht aus, beklauen dich nicht, kotzen dir nicht das Bad voll, nichts.


Fauser ist 1987 unter nie geklärten Umständen gestorben. Ein Lkw hat ihn überfahren, als er zu Fuß eine Autobahn bei München überquerte. Glauben Sie, er wollte sich umbringen?

Er hat zwei Leitplanken überklettern müssen, um an die Stelle zu kommen, wo ihn der Lkw erfaßt hat. Ich glaube, wenn man sich umbringen will, gibt es bessere Methoden. Deshalb gehe ich davon aus, daß er schon schwer einen sitzen hatte. Und da ging er immer den geraden Weg. Es ging darum, sich zehn Kilometer die Beine zu vertreten, um wieder klar zu werden. Da ging er dann auch querfeldein. Er ist in Berlin oft bis Reinickendorf gelaufen, und dann ist er in eine Telefonzelle und hat ein Taxi angerufen oder einen Freund, ich bin hier und hier, präzise Ortsangabe, würdest du mich abholen, ich hab' lahme Beine.


Sie sind eigentlich vor allem als Übersetzer bekannt, von Bukowski, Burroughs, Ginsberg und anderen amerikanischen Schriftstellern, die dem Underground zugerechnet werden. Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dieser Art Literatur?

Ja. Das war wie bei so vielen diese Beat-Anthologie von Rowohlt, 1962.


Da waren Sie Anfang Zwanzig und studierten Anglistik in Heidelberg.

Die Universität habe ich meistens nur als Abkürzung zwischen dem Jazzclub und dem Zockerclub genutzt. In Heidelberg wurde Black Jack gespielt, bis in die Nacht. Das Studium war bedrückend - 1945 hörte für diese Anglisten die englischsprachige Literatur auf. Danach kam nichts.


Sie haben während des Studiums angefangen, mit Burroughs und Bukowski zu korrespondieren. Wie kam das?

Es gab 1964 zwei dicke Sondernummern von „Times Literary Supplement“ zum literarischen Underground, weltweit. Da war auch ein Essay von Burroughs drin, über seine Cut-up-Methode. Ich hab' mich nur platt auf den Arsch gesetzt. Das war unfaßbar. Ich wußte nicht, daß es so etwas gibt. Es wurden Literaturzeitschriften vorgestellt, mit Anschrift, in denen prominente Namen schrieben, Ginsberg und so weiter. Abonnieren konnte ich die nicht, zu teuer, also dachte ich, am billigsten und elegantesten wäre, ich mache eine eigene Zeitschrift und tausche die dann immer mit denen aus.


Und dann haben Sie die Schriftsteller direkt angeschrieben und um Beiträge gebeten?

Ja. Die Adressen habe ich mir über die Zeitschriften besorgt. So war's auch mit Bukowski. Ich sah in einer englischen Zeitschrift sechs Gedichte von ihm, die brillant waren. Ich dachte, das ist bestimmt so ein Akademiker, der mal die Sau rausläßt. In Wirklichkeit war er ein unglaubliches Naturtalent und arbeitete in der Nachtschicht als Briefsortierer.


Wissen Sie noch, was Sie in Ihrem ersten Brief geschrieben haben?

Lieber Hank, als ich Deine sechs Gedichte gelesen habe, war ich hin und weg. Solche Sachen möchte ich in meiner Zeitschrift veröffentlichen, die kein hochkarätiges Intelligenzblatt ist, sondern nur Leute aus dem tiefsten Underground bringt. Ungefähr so. Da hat er mir einfach geschickt, was er in der letzten Nacht produziert hatte.


Haben Sie in Ihren Briefen an ihn wie er zu klingen versucht?

Ich habe ihn nicht imitiert, sondern eingedeckt mit Sottisen von Raymond Chandler. Auch wenn wir uns getroffen haben - vor dem Schlafengehen mußte jeder seinen Chandlerism of the day abliefern. Das war dann zum Beispiel: You could have lost a small dog in his eyebrows - in seinen Augenbrauen hätte sich ein kleiner Hund verirren können. Das war so eine Marotte von uns. Er hat Chandler verehrt, aber er hat es nicht zugegeben. Ansonsten haben wir uns geweigert, über Literatur zu reden.


Sie haben sich angefreundet, bei seiner Beerdigung waren Sie einer seiner Sargträger. Mit Burroughs waren Sie auch befreundet, ebenso mit Ginsberg. Lauter große Drogennehmer.

Alles Outlaws. Im Vergleich zu denen war ich echt gediegen.


Was hat Sie an denen fasziniert?

Daß die Trennwand so dünn war. Ich hätte jederzeit überwechseln, abgleiten können, weil ich so tolle Beispiele hatte in meiner unmittelbaren Umgebung. Statt dessen war ich der, der jeden Monat einen Scheck gekriegt hat.


Waren das keine abschreckenden Beispiele? Burroughs hat immerhin auf Heroin seine Frau erschossen.

Ja, das kann man nicht so oder so sehen, das gebe ich zu. Burroughs war damals schwer auf Alkohol, um vom Heroin wegzukommen. Das ist zwar nicht die ideale Methode, aber er war jedenfalls unzurechnungsfähig, das war ein Unfall im Suff.


Was fanden Sie so positiv am Drogenkonsum Ihrer Bekannten?

Die hatten eine Fähigkeit, die uns abgeht mit unserem Krankenversichertsein bis dort hinaus: Sie haben von der Hand in den Mund gelebt und waren pure Überlebenskünstler.


Sie meinen, das eint diese Leute mehr als ihr Hang zur Sucht?

Die Sucht ist hier eigentlich Luxus, denn wenn man nichts hat, kann man auch keine Sucht finanzieren. Da muß man klauen, muß mindestens kleinkriminell werden.


Das klingt bei Ihnen ganz bewundernd.

Es war eben so ein Kontrast zu allem, was ich aus Deutschland kannte.


Sie sind in einem Vorort von Karlsruhe aufgewachsen, Ihr Vater war Postbeamter. Hatten Sie eine behütete Kindheit?


Nein, ich bin nur verprügelt worden, insofern passe ich genau zu Bukowski und all den anderen. Ich hab' schon verstanden, daß ich es im Unterschied zu meinen Schulkameraden schlecht getroffen habe.

Aber Heroin haben Sie trotzdem nie genommen?


Nein. Ich kann mit Spritzen nicht umgehen. Daß ich mir die Venen zersteche, war für mich eine Horrorvorstellung, außerdem war's zu teuer. Mein Laster war Mescalin. Davon muß man nicht kotzen, und es transportiert einen durchaus in die Stratosphäre.

Sie sehen Sucht als mutiges Spiel mit dem Feuer? Ist es nicht im Gegenteil feige, sich der Realität nicht zu stellen?

Nein, das ist der europäische Bildungsdünkel - Trinken als Flucht aus der Wirklichkeit. Heroin und Alkohol sind reine Schmerzmittel.


Kann Literatur, wenn Sie gut ist, auch ein Schmerzmittel sein?

Ja. Literatur, die mich nicht fortreißt aus der Wirklichkeit, taugt nichts. Sonst kann ich ja auch eine Gebrauchsanweisung für Toaster lesen.

Das hieße, daß nur Menschen gute Bücher schreiben können, die an der Welt leiden?

Es sind ja nicht nur die großen Drogenfreaks der Literatur - de Sade wäre wahrscheinlich nicht der Stilist, der er gewesen ist, wenn er nur junge Engländerinnen hätte verführen wollen. Die müssen eine schwere Verletzung als Einstand mitbringen. Das muß zur Grundausstattung gehören, sonst kommt da nichts Gescheites.


Sehen Sie in der aktuellen deutschen Literaturszene jemanden, den Sie interessant finden?

Ich bin ein Verehrer von Anna Katharina Hahn. Ihr erstes Buch hieß „Sommerloch“, ist in einem kleinen Verlag in Hamburg erschienen, brillante Stories. Und das Buch ist unlektoriert. Das wurde gedruckt, wie sie es abgeliefert hatte, es ist fehlerlos. Jetzt ist sie bei Suhrkamp.


Was sagen Sie zu Kehlmann?

Toll. Ich liebe Kehlmann, weil ich es nicht für möglich gehalten habe, daß man über einen Langweiler wie Gauß so was Tolles schreiben kann.


Und die jüngeren Amerikaner? Bret Easton Ellis? Der hat doch auch Drogen genommen immerhin.

Nee, Kokain gilt nicht. Das ist eine Genußdroge. Das ist so wie wenn jemand Ecstasy in der Badewanne anrührt, sein eigener bester Kunde ist und gleichzeitig auch noch Schriftsteller sein will, das paßt nicht zusammen. Den nehme ich nicht so ernst, obwohl mich „American Psycho“ beeindruckt hat. Diese Einstellung, wo kommt die her? Ich glaube, er hat viele koreanische Filme gesehen: Drei Angelhaken schlucken und sich dann aus der Kehle reißen, das ist für die der Inbegriff von männlichem Schmerz.

Kann man Bukowski nüchtern übersetzen?

Ja und das sollte man auch. Man kennt seine Tricks relativ schnell und merkt auch, wenn sich seine Belesenheit einschleicht, technisch meine ich. Man merkt, daß er Ezra Pound gelesen hat, D. H. Lawrence, gab er ja alles nicht zu. Und man muß den Autor zu seinem Recht kommen lassen. Man macht ihn kaputt, wenn man das typische Übersetzerdeutsch benutzt. Ich meine dieses Kaiser-Wilhelm-Deutsch, das Harry Rowohlt aus unerfindlichen Gründen witzig findet, bei dem steht in jedem zweiten deutschen Satz das Wort „hinwiederum“ oder „obzwar“, „obschon“. Das normale Wort wird ungern benutzt, weil es anscheinend als verbraucht gilt, als Unterschichtsdeutsch, man hat ja Abitur. Das ist ein Reflex, von dem manche gar nicht mehr runterkommen. Ich mag Harry Rowohlt aber trotzdem.


Was macht einen guten Lektor aus?


Ein guter Lektor ist jemand, der sich nicht in dem Sinne verwirklicht, wie das mal der Lektor eines süddeutschen Verlags gemacht hat. Der hat ein Manuskript von einer Gymnasiallehrerin gekriegt. Das war nicht gut, aber er hat gespürt, wenn er das in die Hand nimmt, bringt er es auf die Bestenliste des Südwestfunks. Er hat sie also gefragt: Darf ich? Er hat es auf Platz 5 gebracht. Er hat es komplett neu geschrieben. Das war danach sein Text. Also, so etwas sollte ein Lektor nicht machen, auch wenn er es kann. Ein Lektor ist jemand, der sich zurücknehmen kann. Und Schrott ablehnt, statt ihn aufzuhübschen.


Als Übersetzer gelten Sie als „kongenial“, Sie haben Erzählungen veröffentlicht, schreiben gerade Ihren zweiten Roman. Würden Sie denn nicht lieber selber in der ersten Reihe stehen?


Wenn's von selber geht, okay. Aber ich mag mich nicht mit den Ellbogen irgendwo hineinboxen. Ich will nicht dran arbeiten müssen. Bis jetzt habe ich in meiner Anonymität ein ungestörtes Leben geführt. In Mannheim kennt mich keine Sau.

Interview Johanna Adorján

Von Weissner übersetzt, „zweitlektoriert“ und mit einem Nachwort versehen, erscheint Ende diesen Monats „Geisterstadt“ von William Cody Maher. Verlag Peter Engstler. 90 Seiten, ca. 15 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.03.2006, Nr. 10 / Seite 27
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Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr