22.04.2002 · Interview mit dem französischen Soziologen Emmanuel Todd über den Überraschungserfolg des Rechtspopulisten Le Pen.
Ein Gespräch mit dem französischen Bevölkerungswissenschaftler Emmanuel Todd über den Überraschungserfolg des Rechtspopulisten Jean-Marie Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen.
Als in Österreich die rechtspopulistische FPÖ fast dreißig Prozent der Stimmen bekam und schließlich an der Regierung beteiligt wurde, war in Frankreich die Empörung groß. Paris führte den Protest der EU-Staaten an, der schließlich zu den Sanktionen führte. Muss Frankreich nach dem Erfolg von Le Pen jetzt Sanktionen gegen sich selbst in Erwägung ziehen?
Die Situation ist nicht so dramatisch wie es scheint. Sie ist ernst, aber nicht dramatisch. Man muss unterscheiden: Es gibt ohne Zweifel die Tendenz der Bevölkerung, für den Populisten Le Pen zu stimmen. Doch was die Masse der Wähler angeht, hat Le Pen nicht besonders zugelegt. Er bekam auch das letzte Mal 15 Prozent bei Präsidentschaftswahlen. Jetzt hat er zwei Prozent mehr bekommen, aber nur weil die Zahl der Nichtwähler groß war. Tatsächlich hat er 300.000 Wähler verloren.
Le Pen hat den Ministerpräsidenten Jospin aus dem Rennen geworfen. Das ist doch ein Signal.
Natürlich wird sich die englische und amerikanische Presse jetzt auf uns stürzen. Man wird wieder mit dem Finger auf uns zeigen und sagen, dass die Franzosen ihre universalistischen Werte aufgegeben haben. In Wahrheit gibt es diese Wähler derzeit überall, doch in Amerika sind sie in den rechten Flügel der republikanischen Partei integriert und wählen Bush. In Frankreich werden sie von der normalen Rechten nicht absorbiert und wählen Le Pen. In Frankreich ist der rechte Rand aus den normalen politischen Parteien verbannt. Dadurch wird er offensichtlich.
Wie erklären Sie sich soziologisch Le Pens Erfolg?
Die Erklärung ist für mich klar. Es gibt in ganz Europa einen Teil der Bevölkerung, der leidet - worunter, das ist die Frage. Nennen wir es die wirtschaftliche Globalisierung und den Freihandel. Diese Schichten fühlen sich von den großen Parteien nicht repräsentiert. Auch die politischen Apparate der Linken haben aufgehört, sie zu vertreten. Solange man keine Linke hat, die einsieht, dass sie diese Milieus vertreten und das liberale Wirtschaftssystem angelsächsischen Zuschnitts in Frage stellen muss, wird es populistische Bewegungen dieser Art in Europa geben.
Was wir brauchen, ist also eine gute europäische Linke, die den Markt reguliert und auf vernünftige Weise antikapitalistisch ist, die also versteht, dass ihre Existenzgrundlage die Verteidigung der Unterprivilegierten ist. Man wird jetzt wieder vom Identitätsproblem und von Nationalismus reden. Aber die Wähler Le Pens sollte man nicht mit Nationalisten verwechseln.
Warum haben die Unterprivilegierten nicht für Chevènement gestimmt? Der will doch auch auf der Seite des Volkes stehen?
In Chevènements Programm ist für die unteren Schichten nichts enthalten. Chevènement ist ein Ideologe, der auf jede Frage immer dieselbe Antwort gibt: die Republik, die Republik, die Republik. Ich bin auch für die Nation. Aber Chevènements Programm ist eine republikanische Gebetsmühle.
Was bleibt von Ihrer eigenen Theorie, dass bestimmte Länder für rechte Parteien anfällig ist, andere jedoch von Grund auf egalitär sind.
Ich weiß, es klingt paradox, aber der Sieg Le Pens ist eine perverse Abart des Egalitarismus'. Die Franzosen nehmen es nicht hin, wenn ihre Einkommen sinken oder sie arbeitslos werden. Bürger eines protestantischen Landes wie England reagieren ganz anders darauf. Sie fühlen sich schuldig. Franzosen fühlen sich ungerecht behandelt und rebellieren. Es gibt dieses revolutionäre Element, das im Augenblick sehr gefährlich ist.
Fest steht: Die Linke hat die Arbeiterklasse geopfert. Fest steht auch: Die Region, die neben dem Elsass am meisten Le-Pen-Wähler hat, die Mittelmeerküste, ist eigentlich die roteste Gegend Frankreichs. Hier erreicht der Egalitarismus sein Maximum.
Wir müssen übrigens auch vorsichtig sein. Es ist nicht ausgemacht, dass die Linke auch die Parlamentswahlen verliert. Dass Jospin verloren hat, liegt an der Fragmentierung der linken Wählerschaft. Ein Teil ist zu Le Pen abgewandert. Aber insgesamt hat die Rechte, wenn man die verschiedenen Parteien zusammennimmt, mehr Wähler verloren als die Linke. Das Szenario eines Präsidenten Chirac mit einer linken Mehrheit im Parlament ist also auch weiterhin denkbar.
Richtig gefährlich finden Sie Le Pen nicht.
Es ist wie immer beim Faschismus: Er wird erst gefährlich, wenn er die Mittelschicht erreicht. Le Pen wird bevorzugt von der Arbeiterklasse gewählt - aus Protest gegen eine sozio-liberale Elite, die sich um diese Schicht nicht mehr kümmert.
Kann man Le Pen und anderen Populisten in Europa endgültig das Wasser abgraben?
Wenn die regierende Klasse in Europa auf den rechten Populismus reagieren will, muss sie genauer darauf achten, was das Volk will. Die Parteien dürfen die ärmeren Schichten nicht ignorieren.