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Interview Kreuzberg ist überall

19.07.2002 ·  Nach der „Sonnenallee“ verfilmt Leander Haußmann jetzt Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“. FAZ.NET sprach mit dem Regisseur über sein neues Projekt.

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Leander Haußmanns Debütfilm „Sonnenallee“, eine groteske Nummernrevue über eine Gruppe Jugendlicher im Ost-Berlin der 70er Jahre, sahen 1999 mehr als zwei Millionen Zuschauer; der Roman, den Drehbuchautor Thomas Brussig dem Film hinterherschickte, wurde zum Bestseller. Einen solchen hat sich Haußmann auch für sein neues Filmprojekt vorgenommen: „Herr Lehmann“, den im vergangenen Jahr erschienenen, vielbeachteten Erstlingsroman des „Element of Crime“-Sängers Sven Regener.

Die Titelfigur des Werks ist der knapp 30 Jahre alte Frank Lehmann, ein Oblomow aus Kreuzberg, der mit seinen Freunden im beschaulichen West-Berliner Biotop vor sich hinlebt - bis zu dem Tag, als die Mauer fällt. Ende September sollen die Dreharbeiten beginnen; gefilmt wird in Berlin und in Nordrhein-Westfalen, dessen Filmförderanstalt „Herrn Lehmann“ soeben mit einem großzügigen Zuschuss von 660.000 Euro bedacht hat. FAZ.NET sprach mit Leander Haußmann über seinen cineastischen Seitenwechsel, die Zusammenarbeit mit Sven Regener und den 30. Geburtstag als Punkt, an dem jeder Mensch eine (Lebens-)Entscheidung treffen muss.

Wie verfilmt man ein Buch, in dem eigentlich gar nichts passiert? Der Roman lebt ja vor allem davon, was sich in Herrn Lehmanns Kopf abspielt.

Ja, das ist das Problem. Hier ist es aber so, dass der Autor auch das Drehbuch geschrieben hat, was manchmal gut ist und manchmal schlecht. In unserem Fall war es gut. Und ich persönlich mag Filme, wo nichts passiert, wo ich nicht genau die Handlung nacherzählen kann, zum Beispiel „Last Pictures Show“ von Bogdanovich oder „Alice's Restaurant“ von Arthur Penn, „Diner“ von Levinson oder auch Truffaut, „Der Mann, der die Frauen liebte“. Filme mit Abhänger-Charakteren, die in den Tag hineinschauen und immer erstaunt sind, wie das Leben an ihnen vorbeigeht und oft die Frechheit besitzt, sie irgendwie ein wenig zu fordern.

Wie kamen Sie auf „Herr Lehmann“?

Das ist relativ einfach. Ich bin mit Sven Regener befreundet; bei meiner Arbeit am Theaterstück „Peter Pan“, für das er die Musik und die Texte geschrieben hat, lernten wir uns kennen und schätzen. Und dadurch kam ich in den Genuss, das Buch als erster lesen zu dürfen, und habe mir gesagt: Eigentlich eine interessante Geschichte auch für mich - mir nach dem Osten, nach „Sonnenallee“, mal die andere Seite anzuschauen. Das, dachte ich, passt ganz gut in mein Oeuvre. Auf der anderen Seite hat mich auch der Charakter sehr interessiert, von dem ich glaube, dass es den sehr oft gibt - und die verkauften Exemplare haben mir da schon mal rechtgegeben. Dann habe ich eine Kritik für den „Spiegel“ geschrieben, die sicherlich auch dazu beigetragen hat, dass das Buch bekannt wurde. Man kann sagen: Endlich mal, wenn auch nicht zum ersten Mal in meinem Leben, war ich als Entdecker da.

Wie „Sonnenallee“ lebt auch „Herr Lehmann“ von der atmosphärisch genauen Schilderung eines mehr oder weniger geschlossenen Milieus: hier das Ost-Berlin der siebziger Jahre, dort das Kreuzberg der achtziger Jahre. Sehen Sie Parallelen?

Vielleicht bin ich ja jemand, auch wenn ich es nicht hoffe, der nur diese Filme macht: Solche Filme, wo komische Typen im Mittelpunkt stehen, die mir natürlich irgendwo ziemlich nahe sind, die scheinbar sehr unpolitisch sind und nicht in gesellschaftliche Prozesse eingreifen, eigentlich eher Spielball dieser Prozesse sind, am Ende so eine Art Läuterung durchmachen und möglicherweise später vielleicht noch ein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft werden. Und das ist ja auch ein bisschen so beim Herrn Lehmann. Aber das Problem haben wir ja alle: Entweder wir werden dreißig, oder wir sind dreißig geworden. Das ist, glaube ich, ein internationales Problem, dass man irgendwann eine Zeit erreicht, wo man sagt: Jetzt muss irgendwas passieren, irgendwas Neues. Dreißig ist ein entscheidendes Alter: Man muss sich entscheiden, ob man verkommt oder ob man - lebt.

Nach der Jugend nun die Dreißigjährigen: Sie scheinen in Ihren Filmen der Reihe nach verschiedene Lebensphasen aufzuarbeiten.

Es sieht so aus. Man kann es sich leider nicht aussuchen. Wenn man mich, bevor ich überhaupt ins Filmgeschäft gekommen bin, gefragt hätte, was mich interessiert, dann hätte ich sicherlich gesagt: Thriller, Horrorfilme, Science Fiction. Ich hätte nicht gesagt, ich würde gerne Filme machen wie „Manhattan“. Aber irgendwie hat es sich so ergeben, man kann es sich oft nicht aussuchen. Die Themen kommen zu einem, man kann es nicht erzwingen.

Bei der „Sonnenallee“ spielte die Musik eine große Rolle. Bei „Herr Lehmann“ dürfte das nicht anders sein. Wird die Musik ebenfalls von Sven Regener stammen?

Nein. Er wird vielleicht eine Trompete einspielen oder so etwas. Er wird aber auch jetzt, wo er das Drehbuch abgeschlossen hat, nicht mehr maßgeblich in diese Arbeit einbezogen, das will er auch nicht. Der Film soll ja auch kein Sven-Regener-Film werden, sondern am Ende doch ein Leander-Haußmann-Film sein. Ich werde sehr darum bemüht sein, nicht Pop zu machen. Ich hasse Pop. Und das ist eigentlich immer der beste Weg, dass man Pop wird.

Bei einem Film über die achtziger Jahre ist Pop schwer zu vermeiden.

Es ist kein Film über die achtziger Jahre. Darauf lege ich großen Wert. Es ist ein Film, der sich aus vielen Versatzstücken zusammensetzt, die international sind. Es wird ein Ort geschaffen, der sich Kreuzberg nennt. So, wie es mal einen Ort gab, der sich DDR nannte und der in „Sonnenallee“ komprimiert dargestellt wurde. So wird es hier einen Ort geben, der praktisch identisch ist mit Orten wie Greenwich Village oder Montparnasse oder Soho: etwas, wo man sich wiederfinden kann.

Es ist kein Film, der sich in irgendeiner Weise an dieses Achtziger-Jahre-Revival heranhängen will, sondern der eine ganz eigene Aussage haben wird. Die Zeit könnte auch heute sein. Der Punkt ist der, dass diese historischen und gesellschaftlichen Ereignisse über unsere Figuren hinwegspülen, wenn sie nicht sogar von ihrem Ort, aus ihrem Village rausgespült werden. Man könnte es vergleichen mit Tschechow: eine untergehende Gesellschaft, eine Bohème, die bis in die neunziger Jahre geduldet wurde, weil es noch so etwas wie Ideale gab - welche Ideale auch immer: ob das nun Post-Hippie war oder Marxismus, irgendwas war ja da. Das ist mit dem Fall der Mauer natürlich alles weggespült worden. Und daran soll der Film erinnern.

Und weil der Film demnach kein Berlin-Film werden soll, ist es auch egal, dass wegen der Auflagen der Filmförderung Teile davon in Nordrhein-Westfalen gedreht werden müssen?

Mir wäre es sowieso am liebsten, wir würden am allerwenigsten in Berlin drehen, damit der Ort kosmopolitisch wird. Ich bin ja kein Kreuzberger. Ich habe auch nie an der Sonnenallee und an der Mauer gelebt, sondern in Friedrichshagen am Müggelsee - kann mir das aber sehr gut vorstellen. Was ich mir erschaffe, sind Traumwelten: Möglichkeiten, Familien, Freunde, die ich vielleicht mal hatte und gerne wieder hätte, frühere Zeiten und ein Leben, wie ich es gerne wieder hätte.

Haben Sie schon eine Besetzung für Herrn Lehmann im Auge?

Nein. Das heißt, im Auge schon - aber noch nichts, was man an die große Glocke hängen könnte.

Das Interview führte Jörg Thomann.

Quelle: @jöt
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