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Interview : Inga Humpe (2raumwohnung): Das Gute an der Neuen Deutschen Welle

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Hörprobe: Ausschnitt aus "Die Schwere" von 2raumwohnung Bild: Goldrush / BMG / It.worx

Mit dem Duo 2raumwohnung ist der NDW-Ikone Inga Humpe ein eigenwilliges Comeback gelungen. Mit FAZ.NET spricht sie über das zweite Album „In wirklich“.

          Niemand war vom Erfolg von „Kommt zusammen“, dem Debüt-Album des Pop-Elektronik-Duos 2raumwohnung, stärker überrascht als Inga Humpe und Tommi Eckart selbst. Ihr zweites Album „In wirklich“ hingegen ist Absicht.

          Mit FAZ.NET sprachen die NDW-Ikone und der Soundbastler über persönliche Musik ohne Seitenblicke auf ihren Marktwert, über die Schwierigkeiten deutschsprachiger Popmusik und über Reiz und Ruin der Neuen Deutschen Welle.

          Können wir bitte noch einmal kurz die Erfolgsgeschichte von 2raumwohnung rekapitulieren? Es ging los mit einem Werbesong.

          Tommi Eckart: Wir hatten das Stück, „Wir trafen uns in einem Garten“ für diesen Werbeclip weder bis zum Ende aufgenommen noch komponiert, es gab nur die ersten 40 Sekunden. So lang war der Spot, und mehr brauchten wir nicht. Dann hatten sich viele Leute über die Musik gefreut, und wir dachten, okay, machen wir mal ein komplettes Stück draus.

          2raumwohnung: „In wirklich” (Cover)

          Inga Humpe: Gerade diese gegenläufige Herangehensweise war sehr gut. Bei uns gab es ein bisschen Mundpropaganda, und dann haben die Leute uns so langsam entdeckt. Für einen Marketing-Menschen muss das ganz schrecklich sein.

          Ich stelle mir die Arbeit am ersten Album sehr unkompliziert vor. Ihr hattet euch davon eigentlich nichts versprochen. Ist das zweite Album nicht viel schwerer geworden?

          I.H.: Das erste Album war eine Herausforderung für uns, eine Vielfalt von Sachen darzustellen, die wir gut finden, musikalisch und inhaltlich. Beim zweiten Album haben wir noch genauer und deutlicher am Stil gearbeitet. Was uns wichtig ist, ist aber das Gleiche geblieben: Popmusik und Clubmusik - und diese Stellen dazwischen. Da gibt es ein Riesenfeld, das für unsere Begriffe nahezu unbearbeitet da liegt, wo sich nur ganz wenige tummeln, und wir denken immer: „Hei, kommt doch mal her, hier ist noch viel Platz.“

          T.E.: Wir hatten nicht mit dem Erfolg des ersten Albums gerechnet, wir dachten, das ist so eine persönliche, private Musik - es kann gar nicht so viele geben, denen das gefallen wird, dieser vielleicht etwas gewagte Ansatz, Clubbeats zu nehmen und Gitarren und in unserem Fall auch noch deutschen Gesang. Aber das macht vielleicht den Reiz an 2raumwohnung aus: Es ist sehr persönlich, es ist nicht abgefedert mit allen Eventualitäten und Marktbegebenheiten.

          Wenn es um deutschsprachige Popmusik geht, geht der Blick ja gerne mal rund 20 Jahre zurück. Aus heutiger Sicht: Was war das Gute an der Neuen Deutschen Welle?

          I.H.: Das Gute ist, dass damals auch geforscht wurde. Jedenfalls am Anfang. Das war alles Neuland, es war ein Rumprobieren mit einer neuen Haltung, vielleicht einer ganz klaren und ganz schmalen Haltung: Es ging um Zerstören und Kämpfen ...

          T.E.: ... und Neuerfinden. Davor war ja noch alles Krautrock. Und wenn man jetzt in die 80er-Jahre-Retro-Sache einsteigen würde, würde man genau das Gegenteil machen: Man würde die kulturellen Zusammenhänge eben nicht neu zusammenwürfeln. Wir haben nicht einmal was verändern wollen, um uns heute wieder da hinten anzuschließen.

          Welche Rolle spielt die Neue Deutsche Welle für deutschsprachige Popmusik heute?

          I.H.: Wenn man heute was von DAF hört - das ist eigentlich immer noch ein aktueller Sound. Auch textlich ist es so ein eigener Stil, das wird nicht einfach alt und schlecht. Natürlich gibt es auch viele Sachen, die heute einfach nur nerven.

          T.E.: Es gibt verschiedene Gründe, warum die Neue Deutsche Welle immer wieder bemüht wird. Das Drehkarussell der Stile: Plötzlich hat sich die Mode wieder die merkwürdigen Kajagoogoo-Frisuren angeschaut, und es gibt ein paar Bands, die klingen, als wären sie direkt aus den 80ern importiert. Dann gibt es noch eine Fernsehshow dazu, und schon ist man mitten in der totalen Retro-Sause.

          I.H.: Es ist deshalb im Nachhinein so unangenehm, weil sich alle Leute, die damals mitgemacht haben, für den Niedergang schämen. Die Musiker haben sich ihre Sache irgendwann aus der Hand nehmen lassen. Ich wollte irgendwann nichts mehr damit zu tun haben. Ich wollte mich um ernsthafte Popsongs kümmern. Das war alles ziemlich entfremdet, man hatte viel Geld - wir kriegten ja irrsinnig viel Geld damals in den Hintern geschoben, Hunderttausende von Mark. Und es gab natürlich diesen Riesendruck, bei den Summen, die die Plattenfirmen in uns reingesteckt haben.

          Gerade geht es wieder darum, dass zu wenig deutschsprachige Popmusik im Radio läuft, dass sie allgemein unterbewertet wird. Was läuft da schief?

          T.E.: Da kommen viele Sachen zusammen, vom angeknacksten Selbstverständnis der Deutschen als post-faschistisches Trauma, das immer noch nachwirkt, bis zu komischen Marktmechanismen. Da machen so genannte Formatradios eine Marktanalyse, was ihre möglichen Zuhörer eventuell am liebsten hören, und das wird dann durchgeritten.

          I.H.: Unser Steuerberater zum Beispiel, der sagt auch jedes Mal: „Das ist ja schön, was Sie da machen, aber geht das nicht auch auf Englisch? Mit dem Deutschen komme ich einfach nicht klar.“ Ich glaube, er ist ein klassisches Beispiel für all die Leute, die Schlager nicht mögen. Die hören dann einen deutschen Text und halten das sofort für Schlager. Oder es ist ihnen zu intensiv. Wir geben ihm aber immer wieder die neue CD und sagen: „Probieren Sie es doch einfach noch einmal.“

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