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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Interview HipHop-Star Smudo: "Fühle mich nicht gleich instrumentalisiert"

22.02.2002 ·  Der Bundestag debattiert über "Perspektiven der Rock- und Popmusik". FAZ.NET fragte Smudo nach der Credibility der Politik.

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Etwas amtlich klingt es schon: "Bestandsaufnahme und Perspektiven der Rock- und Popmusik in Deutschland" hat die CDU/CSU-Fraktion ihre Große Anfrage im Bundestag gestellt, die an diesem Freitag zur Debatte führt. Die Lage der Musikwirtschaft in Deutschland soll ebenso zur Sprache kommen wie die Nachwuchsförderung, die Zunahme von Raubkopien und eine mögliche Quote für Musik mit deutschen Texten.

Smudo ist Kopf der Fantastischen Vier, der erfolgreichsten deutschen HipHop-Band. Mit seinen Kollegen macht er nicht nur selbst Musik, sondern produziert mit dem gemeinsamen Plattenlabel Four Music in Stuttgart unter anderen Acts wie Freundeskreis oder Afrob. Mit FAZ.NET sprach Smudo über Politik und Plattenindustrie.

Wenn der Bundestag über Popmusik debattiert, fragt man sich gleich, ob die überhaupt wissen, wovon sie sprechen. Welche Rolle spielt dabei die Glaubwürdigkeit der Politiker?

Wenn sie im Bundestag über Popmusik sprechen, dann geht es auf der einen Seite um die Rettung des Wirtschaftszweiges Plattenindustrie. Dann sprechen sie natürlich von Gesetzesentwürfen und Urheberrechtsänderungsvorschlägen. Und auf der anderen Seite werden sie auch darüber sprechen, das Klima für Kunst und Kultur zu verbessern. Ich finde das gut.

Aber wie glaubwürdig muss das denn sein? Die Aufgabe des Politikers ist es ja, über Dinge zu diskutieren, von denen er unter Umständen gar nicht so viel weiß. Dafür gibt es Hearings. Die müssen doch auch über Forschung diskutieren und sind selber keine Physik-Professoren. Wenn sie in ihrer wie auch immer gearteten, glaubwürdigen oder unglaubwürdigen Diskussion zu Entscheidungen kommen, die unserer Arbeit als Label oder als Band in irgendeiner Form zugute kommen, dann soll mir das recht sein. Und ich finde gut, dass so etwas überhaupt öffentlich zum Thema gemacht wird.

Also keine Scheu vor Vereinnahmung, keine Skepsis, da könnte wer versuchen, sich in einer Scheindebatte einer jugendlichen Wählerschaft an die Brust zu schmeißen?

Es wäre naiv zu glauben, Lobbyismus würde bei einer solchen Diskussion keine Rolle spielen. Das ist total normal in der Politik. Darüber ereifere ich mich nicht. Und ich fühle mich dadurch auch nicht gleich instrumentalisiert. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Debatte trotzdem ernsthaft ist.

Braucht Rock- und Popmusik Subventionen?

Schwer zu sagen. Auf der einen Seite: Ein Musiker oder Künstler ist ja grundsätzlich subversiver Natur. Der sollte eigentlich Missstände im Leben, in der Gesellschaft, in der Politik aufdecken und darüber singen. Von daher ist er immer ein guter Oppositioneller. Und dann ist der Beruf des Künstlers in Deutschland gar nicht so angesehen, der gilt eher als brotlos und doof. Ich weiß nicht, ob die Politik ein Klima schaffen kann, in dem die Kunst ein höheres Ansehen hätte oder junge Leute motiviert würden, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen.

Sind die Förderstrukturen mit ihren Antragsverfahren und der umständlichen Mittelvergabe nicht zu schwerfällig für eine so schnelle und lebendige Szene?

Das denke ich eigentlich auch. Eine Band, die gut ist im Aufreißen von Fördermitteln, ist womöglich eine etwas spießige Band. Wenn die sich mehr mit den Verfahren auseinandersetzt, wie man so was macht, dann setzt die sich weniger mit den Verfahren auseinander, wie man toll an einer Bassgitarre rumzupft.

Was sollte die Politik denn machen?

Wenn eine Stadt bei ihrem Stadtfest auch mal drei Bühnen für Newcomer-Bands aufbaut, dann wäre das schon was. Dann können die Bands was zeigen, und die Leute können sehen, wenn die wirklich eine Aussage haben, und bekommen ein Gefühl für die lokale künstlerische Arbeit. So könnte Politik helfen, ohne gleich so große Reden zu schwingen. Der Stadt Stuttgart zum Beispiel, aus der ich komme, fällt so etwas immer noch schwer. Die denken immer zu groß und lassen sich von amerikanischen Spezialisten beraten, wie sie ihre städtische kulturelle Arbeit voranbringen können.

Woran kann das liegen?

Vielleicht liegt es daran: Wenn die Laufbahn eines Politikers alles andere als Rock'n'Roll ist, wenn man dann endlich an entscheidungstragender Position sitzt, dann hat man vielleicht gar nicht mehr die Muße oder kann sie gar nicht mehr aufbringen, weil einem vor lauter Meinungsbildung vielleicht auch die Hände gebunden sind.

Kulturförderung ist Ländersache. Auf Bundesebene werden aber die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Musikindustrie gestellt. Was muss passieren - im Bereich Urheberrecht, Copyright im Internet?

Ich poltere da jetzt vielleicht ein bisschen rum. Das Dumme ist: Das Urheberrechtsgesetz ist in Deutschland eigentlich ziemlich gut und in der Welt eigentlich eines der besten, wie ich finde. Es gibt dann diese philosophischen Diskussionen, die sagen, dass man auf CD-Brenner eine grundsätzliche Gebühr erheben müsste, die dann einem Urheberrechtsfonds zugute kommt. Das sind aber Behelfslösungen, die die wirklichen Probleme nur pseudo-mäßig vom Tisch tun. So eine Gebühr muss so niedrig sein, dass der Konsument sich nicht für geschmuggelte Brenner interessiert, und gleichzeitig so hoch sein, dass sie dem Urheber irgendetwas bringt. Und das geht nicht.

Und überhaupt: welchem Urheber denn? Wie soll denn das verteilt werden? Auf alle, die irgendwo bei der Gema gemeldet sind? Soll das gleich verteilt werden? Sollen die, die die meisten Radioplays haben, das meiste Geld kriegen? Wie soll das gehen? Das ist alles Quatsch. Letzten Endes geht das Geld doch eh nur in der Verwaltung unter. Das ist alles symbolisch. Ich glaube nicht, dass irgendeiner was dagegen hat, wenn einer auf seiner Internet-Seite ein Liedchen in mangelhafter Qualität ablegt.

Wo liegt das Problem?

Das grundsätzliche Problem ist, dass es zuviel Musik gibt und zu wenig Abnehmer, zuviel Angebot, zuwenig Nachfrage. Der Markt dünnt sich gesetzmäßig aus, da kann die Tonträgerindustrie heulen, wie sie will. Das ist der Lauf der Dinge. Und die mangelhafte Nachfrage entsteht unter anderem dadurch, dass sich die Leute im Monat statt zehn CDs nur noch fünf CDs kaufen und sich die anderen fünf brennen lassen von Kumpels oder sich die Stücke aus dem Netz ziehen. Dem ist durch Gesetze nur mäßig beizukommen.

Man müsste zum Beispiel die Länder in Europa so weit synchronisieren, dass ein internationaler reformierter Urheberrechtsvertrag geschlossen werden kann. Dann ist es immer noch möglich, dass sich ein Urheber in Deutschland eine Urheberrechtsverletzung in Taiwan zuzieht, weil auf der Festplatte eines Providers dort sein Werk gespeichert ist. Dann muss er die Möglichkeit haben, dagegen vorzugehen und auch noch den Nutzer, der das Werk da abgelegt hat, strafzuverfolgen.

Ich glaube, es kommen zehn ganz dunkle Jahre. In der Plattenindustrie sagt man, wir haben jetzt erst begonnen, das Tal der Tränen zu durchschreiten. Wir sind noch nicht wieder auf dem Weg nach oben, sondern wir fangen gerade erst an, so richtig weit runterzugehen. Und die Tatsache, dass man mit 10.000 verkauften Platten bereits die Top 5 erreichen kann, spricht ja auch schon für sich.

Die CDU/CSU fragt auch nach einer Quotenregelung für deutschsprachige Musik, ähnlich wie es in Frankreich bereits praktiziert wird. Was hältst Du davon?

Das ist sehr ambivalent. Auf der einen Seite finde ich die Idee dahinter begrüßenswert, weil sie für die Förderung eines lokalen Marktes spricht. Es würde auch der Tendenz entgegenwirken, dass Plattenfirmen das Problem haben, dass sie mit weniger Absatzmöglichkeiten, weil sie weniger Platten verkaufen, mehr auf die internationale Vermarktbarkeit ihrer Nachwuchskünstler gucken müssen - was sie eigentlich vergessen können, wenn die deutsch singen. Auf der anderen Seite ist in Frankreich das Musikfernsehen durchzogen von solchen Das-müssen-wir-jetzt-senden-Videos, da kommen dann Sachen ins Fernsehen, die sonst weder durch die Gunst des Publikums noch sonst irgendwie da hingekommen wären.

Aber dass Fernsehsender ihre Frequenz verlieren können, wenn sie zuwenig kulturelle Inhalte ausstrahlen, so etwas müsste man auf jeden Fall bei den Privaten auch einbringen. Dass man sie wenigstens zwingt, nachts eine redaktionell gut bearbeitete musikalische Sendung zu bringen, das halte ich für wirklich sinnvoll. Dass das Land ihnen drohen kann mit dem Verlust der Frequenz, wenn sie die ganze Zeit nur noch RTL-II-News machen.

Das Gespräch führte Fridtjof Küchemann

Quelle: @kue
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