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Interview Hans-Jürgen Wirth: „Amerika hat ein neues Trauma“

 ·  Die Terroranschläge haben die amerikanische Bevölkerung traumatisiert. FAZ.NET sprach mit dem Psychologen Hans-Jürgen Wirth.

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Was geht in der Bevölkerung eines Landes vor, dass so schlimm getroffen wurde? FAZ.NET sprach mit dem Psychologen Hans-Jürgen Wirth (50) über Amerikas Tragödie.

Herr Wirth, wie lassen sich die Empfindungen eines Volkes nach so einer Katastrophe beschreiben?

Mit Hilfe von Analogien. In den letzten Jahren hat man sich in der Psychoanalyse verstärkt mit dem Thema 'Trauma' beschäftigt. Wir wissen, dass Naturkatastrophen, Kriege und andere Erlebnisse von Gewalt, die man als Opfer oder Zeuge erlebt, traumatisierend wirken. Das Erlebnis ist von solcher Intensität, dass es die seelischen Verarbeitungsmöglichkeiten des Betreffenden überschreitet. Mit dem Trauma gehen Gefühle von extremer Angst, Todesangst, Schrecken, Ohnmacht und totaler Hilflosigkeit einher.

Ist Amerika jetzt traumatisiert?

Ja, ich bin mir sicher, dass die Attentate in New York und Washington die amerikanische Bevölkerung traumatisiert haben. Wir haben es, genauer gesagt, mit einem kollektiven Trauma zu tun.

Wie soll die Bevölkerung denn damit umgehen?

Die Amerikaner müssen versuchen, die Geschehnisse psychisch zu integrieren. Es wird ein längerer Prozess der erfolgreichen, vielleicht aber auch der ungenügenden Verarbeitung einsetzen, der die Weltöffentlichkeit Wochen, Monate, wahrscheinlich Jahre beschäftigen wird. Es muss - auch öffentlich ­ über die Trauer und Verzweiflung und Wut gesprochen werden.

Lässt sich ein Trauma überhaupt verarbeiten?

Es kann passieren, dass sich ein Volk aufs Trauma fixiert und dieses zum Bezugspunkt seiner Identität macht. Die eigene Gruppenidentität definiert sich häufig über erlittene Traumata. Für das serbische Volk ist das sehr deutlich beschrieben worden. Ihre nationale Identität definieren die Serben immer noch über die verlorene Schlacht gegen die Türken auf dem Amselfeld. Milosevic hat das immer wieder sehr geschickt aktiviert.

Wenn die Verarbeitung aber nicht gelingt, und alles jahrzehntelang virulent bleibt, kann sich ein post-traumatisches Syndrom entwickeln, das sich als unkontrollierter Aggressions-Ausbruch gegen andere bemerkbar machen kann.

Vietnam ist auch als Trauma der amerikanischen Identität beschrieben worden. Wie wurde es verarbeitet?

So weit ich das beurteilen kann, hat Amerika das Trauma Vietnam noch nicht wirklich verarbeitet. Auf der einen Seite kommen jährlich Tausende an das Vietnam-Memorial in Washington, um zu trauern, auf der anderen Seite werden die Kriegsveteranen von der Gesellschaft vergessen, weil sie das grandiose Selbstbild Amerikas erschüttern könnten.

Wie traumatisiert wirkt die Regierung?

Es hat mich nachdenklich gestimmt, dass George Bush mit unbewegter Miene dastand und keine Form von Erschütterung erkennen ließ, Bill Clinton hingegen richtig depressiv und sichtlich erschüttert wirkte. Bei jeder Verarbeitung des Traumas ist zentral, dass die Phase der
Depression und Trauer durchlebt wird. Sie muss zugelassen, sie darf nicht weggedrückt werden.

Ist Bush der Präsident, der sich aufs Trauma fixiert?

Speziell bei Bush sehe ich die Gefahr, dass er durch die Anordnung eines Vergeltungsschlages versuchen könnte, ein Trauma abzuwehren. Man weiß von Opfern von Folter und Gewalt, dass sie sich oft mit dem Angreifer identifizieren. Auch der amerikanischen Regierung könnte es passieren, dass sie sich identifiziert und auf der gleichen Ebene mit den gleichen Mitteln zurückschlägt.

Die militärischen Maßnahmen würden dann im Grunde nicht mehr einer militärischen Logik folgen, sondern die Funktion einer psychischen
Stabilisierung haben. Es würde zurückgeschlagen, nicht weil es den "richtigen" Gegner treffen, sondern weil das narzisstische Gefühl der Unverwundbarkeit wieder hergestellt werden soll.

Welche Angebote der Verarbeitung sollte die Regierung Bush geben?

Die Amerikaner müssen lernen zu begreifen, wie verwundbar sie als Amerikaner sind. Trotz Welt- und Waffenmacht. Und dass sie auf die anderen angewiesen sind und mit den Unterlegenen am Rande der Welt als Partner kommunizieren und zusammenarbeiten müssen.

Vieles hängt davon ab, welche Schlüsse aus den Ereignissen gezogen werden. Ein Flugzeug sollte auf Camp David stürzen. Camp David sollte als Symbol des Friedensprozesses zerstört werden, ebenso wie das Pentagon als politisch-militärisches und die beiden Tower als wirtschaftliches Symbol. Bei Camp David ist das nicht gelungen. Da könnte die Regierung aufgreifen und positiv kommunizieren, was natürlich auch eine Selbstverpflichtung darstellen würde.

Ist der Friedensprozess aus psychologischer Sicht ganz weit ans Ende der Möglichkeiten gerückt?

Ich denke, es besteht ein psychologischer, ideologischer und personeller Zusammenhang zwischen allen Prozessen, über die wir jetzt reden. Das Problem ist, dass sich Clinton am Ende seiner Amtszeit ja noch mit hohem persönlichem Einsatz für den Frieden eingesetzt hatte. Dann trat Bush an und erklärte, sich erst einmal um amerikanische Interessen kümmern zu wollen. Ich meine, durch diesen Rückzug hat Bush zur jetzigen Eskalation beigetragen.

Das Interview führte Swantje-Britt Koerner

Hans-Jürgen Wirth ist Psychoanalytiker und praktizierender Psychotherapeuth. 1993 gründete er in Gießen den Psychosozial-Verlag, der Bücher zu Wechselbeziehungen zwischen psychischen und sozialen, gesellschaftspolitischen Faktoren herausgibt. Wirth ist Autor des Buches „Narzißmus und Macht“ (2000). In diesem Jahr erschien von ihm der Band „Hitlers Enkel - oder Kinder der Demokratie? Die 68er-Generation, die RAF und die Fischer-Debatte“.

Quelle: @koe
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