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Interview: Florian Illies Des Rasenmähers Bedürfnis nach Zärtlichkeit

18.08.2006 ·  Wie „Generation Golf“ ist auch Florian Illies' neues Buch „Ortsgespräch“ sehr persönlich. Ein Gespräch über das Phänomen der Provinz, das heikle deutsche Heimatgefühl, die Sehnsucht nach Entschleunigung und alte Toaster als Familienmitglieder.

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Der Journalist und Sachbuchautor Florian Illies, aufgewachsen in Schlitz, lebt in Berlin, war bis 2003 Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ist einer der Herausgeber der Kunstzeitschrift „Monopol“. Nachdem sein Bestseller über die „Generation Golf“ (2000) die Konsumlebenswelten der in Deutschland um 1970 herum Geborene geschildert hat, hat er soeben seine Erinnerungen an die Welt seiner Kindheit in der oberhessischen Provinz unter dem Titel „Ortsgespräch“ veröffentlicht.

Herr Illies, gibt es ein neues deutsches Heimatgefühl?

Es gibt eine neue Sehnsucht, glaube ich, eine Landsehnsucht, auch bei der jüngeren Generation. Was ich in meinem Buch „Ortsgespräch“ schildere, hat mit der Patriotismusdebatte wenig zu tun, weil das Dorf Schlitz, über das ich schreibe, ebensogut ein kleiner Ort in Frankreich, Italien oder England sein könnte. Das ist mir sehr wichtig. Provinz ist kein deutsches Phänomen. Es wäre absurd zu glauben, ich hätte einen dokumentarischen Bericht über meinen Heimatort verfaßt. Das Schlitz, über das ich schreibe, ist in gewisser Hinsicht ein idealtypischer Ort. Ein Symbol für das, was Heimat oder Provinz sein kann.

Der Schriftsteller Arnold Stadler hat einmal vom „Grüne-Tonnen-Stolz“ der Deutschen gesprochen, angesiedelt irgendwo zwischen Ikea-Katalog und ADAC-Mitgliedschaft. Was sind für Sie die Insignien der Provinz?

Ganz wichtig finde ich sinnliche Eindrücke, die ich aus meiner Kindheit kenne. Ich bin immer wieder überrascht davon, wie unverändert sie fortwirken. Geräusche, Gerüche, Geschmackseindrücke. Wenn man Berlin verläßt, spürt man plötzlich dieses Glück, fernab von Baggern und Preßlufthämmern zu sein. Man wird in der Provinz nur sehr schwierig mittags ein Bistro mit müden belegten Baguettes finden, erst recht keinen „Coffee-to-go“ und all die anderen Accessoires dieses auf Geschwindigkeit und Effizienz getrimmten Lebens.

Provinziell sind für mich auch veraltete technische Geräte, die fast zu Familienmitgliedern geworden sind, weil sie Eigenschaften und Macken haben, die jeder kennt. Der Toaster, von dem man weiß, der springt nicht von alleine hoch, man muß das Brot nach Gefühl rausholen. Diese individuell agierenden Geräte wie der Rasenmäher, mit dessen Benzinhahn man sich mit fast zärtlicher Anteilnahme beschäftigen muß, bevor man eine Chance hat, ihn in Gang zu setzen. Die Stadt fegt viel schneller über die Generationen technischer Geräte hinweg. Und natürlich gibt es noch einige kleinere Dinge. Das sind für mich zum Beispiel Frühstücksbrettchen. Solche aus so hartem, gepreßtem Plastik. Und die Kittelschürze als Kleidungsstück für Frauen über fünfundzwanzig. Und als männliches Pendant: der Schnurrbart.

Sehnen Sie sich manchmal nach dieser Provinzialität zurück?

Ich versuche im Buch insofern ehrlich zu sein, als ich mir auch romantische Sehnsuchtsbeschreibungen durchgehen lasse. Zwar kann man nicht einfach in einen provinziellen Zusammenhang zurückkehren, weil man da gar nicht glücklich werden würde. Aber wenn man diese bisweilen lästige Wahrheit kurzfristig ausblendet, findet man die „Entschleunigung“ auf dem Land tatsächlich schön. Das ist für mich der spannendste Moment, wenn eine Empfindung zwischen Rationalität und Irrationalität oszilliert.

Hat Heimat denn für Sie noch einen schalen geschichtlichen oder politischen Beigeschmack?

Nein. Ich glaube, daß es sehr gut ist, daß sich das jetzt voneinander löst: was ist Patriotismus, was ist Nationalismus, und was ist Heimat, das sind endlich wieder von einander unabhängige Fragen. „Heimat“ ist ein sehr vergleichbares Gefühl wie „Provinz“. Ich habe das Buch auch deshalb „Ortsgespräch“ genannt, weil dieses Wort einen Raum beschreibt, den es heute kaum noch gibt, der sich aber in der alten Telefoneinheit des Ortsgespräches spiegelt. Wo man früher gesagt hat, da darf man ruhig anrufen, das ist nur ein „Ortsgespräch“, dreiundzwanzig Pfennig nach achtzehn Uhr. Ich finde es aufregend zu sehen, daß dieses Denken noch existent ist in den Köpfen, zumindest der Älteren - und zwar, wo immer man hinkommt auf dem Land. Heimat dagegen hat eine eher schwierige Dimension. Man will sich dagegen manchmal wehren, kann es aber nicht.

Gilt das nur für Deutschland? Wer will sich dagegen wehren?

Es kann gut sein, daß dieses heikle Heimatgefühl etwas deutsches ist. Gut möglich, daß ein italienischer fünfunddreißigjähriger Autor einen solchen Satz so nicht sagen würde.

Sie schreiben, daß ihre subjektive Empfindung für die Provinz nur eine kollektive Sehnsucht sei...

So viele Fremdworte hab ich benutzt?

...beschreiben Sie also eine Mode?

Das ist etwas, mit dem ich mich auf eine Art immer beschäftigt habe. Bei „Generation Golf“ habe ich mich für eine völlig subjektive Beschreibung meiner Generation entschieden und hatte auf einmal das beglückende Erlebnis, daß dies von vielen Lesern als „Ja, so war es bei mir auch!“ empfunden wurde. In einer ähnlichen Weise hoffe ich, daß das, was ich nun in „Ortsgespräch“ beschreibe, beim Leser wieder so ein Wiedererkennen auslöst. Wenn ich beschreibe, wie die Johannisbeeren schmecken, wenn man sie so von der Rispe abzieht und im Mund umherkollern läßt wie die Kugeln mit den Lottozahlen. Oder wenn ich von Kindheitserlebnissen spreche, von diesem Gefühl von Freiheit, wenn man den Berg runterrast mit seinem Fahrrad und den kalten Fahrtwind im naßgeschwitzten Haar spürt. Diese Erzählungen lösen bei jedem etwas anderes aus. Das ist vielleicht das eigentlich Spannende, daß sich individuelles und kollektives Erleben gegenseitig bedingen.

Sie schreiben, daß Sie sich auch über die Satellitenbilder des Internetdienstes „Google Earth“ dem hessischen Schlitz genähert haben. Machen diese technischen Möglichkeiten unseren Heimatplaneten größer oder kleiner?

Das ist eine spannende Frage. Ich kann für mich sagen, daß Deutschland für mich beim Schreiben des Buches viel größer geworden ist. Damit meine ich dieses Gefühl, man könne alle zeitlichen und räumlichen Grenzen überwinden oder zumindest radikal verschieben. Mit dem Billigflieger überall hinreisen, per E-Mail jeden erreichen, den Rollkoffer in der einen, das BlackBerry in der anderen Hand. Das ist eine Illusion, der viele nachhängen. Interessant ist dabei, daß einem suggeriert wird, man würde durch all diese Errungenschaften Zeit sparen, man aber dadurch nicht mehr Zeit hat, eher mehr Stress. Das ist ein faszinierendes Ergebnis. Daß eine unglaubliche Beschleunigung des Lebens, die in den letzten zwanzig, dreißig Jahren technisch um sich und nach uns gegriffen hat, nicht unser Gefühl verstärkt, wir hätten jetzt viel mehr Zeit und Raum und Entspannung.

Wird das immer so weitergehen? Wird die Beschleunigung sich überschlagen?

Während des Schreibens habe ich das kluge Buch „Beschleunigung“ des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa gelesen. Rosa beschreibt, wie die Beschleunigung durch die technischen Möglichkeiten ein Wachstum erreicht hat, das exponentiell ist. Das kommt nicht explizit in „Ortsgespräch“ vor, hat sich aber in mein Schreiben hineingesogen. Die Sehnsucht nach Entschleunigung und die gleichzeitige Sehnsucht nach Beschleunigung. Die Menschheit kann nicht gegen die Beschleunigung rebellieren. Das sei ein naiver Gedanke, sagt Rosa. Und so wird ein Gefühl immer stärker: die Sehnsucht nach der Entschleunigungsoase. Das kann das Wochenende auf dem Land sein, das kann auch der Raum außerhalb von Kommunikation oder abseits des Internetzugangs sein. Ich glaube, daß dieses Thema auch noch in den nächsten Jahren für jeden einzelnen lebensprägender werden wird. Denn natürlich gab es Provinz immer, und es gab auch eine Sehnsucht nach dem Land. Aber sie hatte nicht diese Dringlichkeit.

Kann man erst über Provinz lachen, wenn man selbst nicht mehr da ist?

Also, auch ich habe natürlich gelitten, als ich in der Provinz lebte und merkte, daß alle anderen über mich lachten, weil ich dort herkam. Es ist in Deutschland ja recht verbreitet, über Provinzler zu lachen, vor allem, wenn sie sich durch ihr Autokennzeichen offenbaren. Man erfährt von den Eltern schon als kleines Kind, daß das die Menschen sind, die nicht Auto fahren können. OF ist in Frankfurt eben nicht einfach Offenbach, sondern „Ohne Führerschein“. Ich fuhr lange ein VB-Kennzeichen, Vogelsbergkreis, und jedesmal, wenn ich nach Frankfurt kam, hörte ich irgendwo die Worte „Vogelsberger Bauer“. Das ist halt so. Jeder hält den anderen für Provinz. Vielleicht ist dieser Spott aber auch einfach eine Verdunklungsstrategie, um zu vertuschen, daß man sich insgeheim nach dem sehnt, was der andere hat. Der Provinzler nach Stadt, der Städter nach Provinz. Für mich ist Humor ein guter Weg, mit dieser Doppelbödigkeit umzugehen.

Was ist stärker, Stadt oder Land?

Ich wollte darüber schreiben, wie man sich nach dem Lande sehnt. Und ich wollte darüber schreiben, wie absurd es ist, sich nach dem Land zu sehnen und der guten Luft, obwohl es da immer nach Dung und Jauche riecht. Ich glaube, Humor ist ein guter Weg, dieser Paradoxie zu begegnen. Denn wir wären ganz unglücklich, wenn wir nicht diese Sehnsüchte hätten.

Das Gespräch führte Franziska Bossy.

Quelle: F.A.Z., 18.08.2006, Nr. 191 / Seite 38
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