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Veröffentlicht: 31.07.2001, 18:04 Uhr

Interview EVA & ADELE - ein gleichgeschlechtliches Paar, das für die Zukunft lächelt

Jetzt dürfen Schwule und Lesben aufs Standesamt. FAZ.NET sprach mit dem Künstlerpaar EVA & ADELE über diesen Schritt.

© cantz verlag EVA & ADELE, where ever we are is museum, berlin, april 1991

Seit zehn Jahren treten sie als gleichgeschlechtliches Paar auf. In pinkfarbenen Kleidern aus Plastik, mit Flügeln oder ganz in Silberfolie. EVA & ADELE lächeln immer. Sie halten sich bei der Hand und sprechen sehr freundlich mit jedem und jeder.

Sie bewegen sich im medialen Kunstkontext, auf Messen und Ausstellungseröffnungen, Kongressen und Großveranstaltungen wie der Biennale in Venedig oder der dokumenta in Kassel. Sie sind das schrillste Paar der Kunstszene in Deutschland, das mit viel Fantasie seit Jahren öffentlich für eine größere Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Paare eintritt. Über die Printmedien und das Fernsehen sind sie prominent geworden. Nun dürfen die beiden heiraten - am 1. August tritt das Gesetz für die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ gleichgeschlechtlicher Paare in Kraft. FAZ.NET hat gefragt, ob EVA & ADELE an diesem Mittwoch an eine Ehe denken.

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Am 1. August wird die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland möglich. Sie treten seit vielen Jahren für diese Form der Partnerschaft ein. Sie begreifen sich als „Medienplastik“. Wird sich durch das neue Gesetz in Ihrem Leben oder in Ihrer Arbeit etwas ändern?

In unserem Leben wird sich ganz sicher nichts ändern. In unserer Arbeit auch nicht. Wir begreifen uns ja schon lange als Vorreiter dieses Gedankengutes, was ganz lange von niemandem wirklich verstanden worden ist. Wir begreifen uns ganz klar als gleichgeschlechtliches Paar, und von daher haben wir schon 1991 zur Ausstellung „Metropolis“ in Berlin Hochzeit gefeiert, als die Verbindung zwischen Ost und West aktuell wurde. Dort sind wir schon als Brautpaar aufgetreten. Wir haben das wirklich als unsere Hochzeit angesehen - im Kunstkontext natürlich. Und wir hatten auch eine entsprechende Feierlichkeit. Was 1991 für viele noch verwirrend war.

Eva + Adele © EVA & ADELE Vergrößern EVA & ADELE, seit 1989 öffentlich vereint - mediengerecht und freundlich

War das eine Kunstaktion für ein begrenztes Publikum, oder setzten Sie sich ganz konkret für die gleichgeschlechtliche Ehe in der Gesellschaft ein?

Total, und wir waren uns ganz darüber bewusst, das wir das Bild, das von uns in Hochzeitskleidern veröffentlicht wurde, ohne Kommentierung stehen lassen wollten, so dass es für die Menschen Allgemeingut wird. Wenn wir reisen, winken uns die Menschen inzwischen vom Kleinkind bis zur Oma zu, weil sie uns im Fernsehen oder in der Zeitung gesehen haben. Unsere Erscheinung ist inzwischen so etwas wie Natur geworden für viele. Am Anfang sind ja noch viele weggelaufen, wenn sie uns gesehen haben, oder wir wurden in Lokale nicht eingelassen. Das war damals wirklich hart.

Sie haben beide Kunst studiert. Sie sprechen aber nicht darüber. Genauso enthalten Sie dem Publikum Ihre wahren Namen vor. Wann haben Sie eigentlich angefangen, wie Zwillinge aufzutreten und Ihre Biografien auf Ihre Körpermaße zu reduzieren, um das Nachdenken zu provozieren?

1989 war das. Aber viele Leute geben uns noch viel mehr Zeit. Sie denken, wir sind schon länger öffentlich unterwegs. Wir kennen sehr viele gleichgeschlechtliche Paare beiderlei Geschlechts. Grundsätzlich empfinden wir uns als homosexuelle Menschen im klassischen Sinn. Und wir denken, dass unser Paarsein ein Stück weiter geht, als eindeutig lesbisch oder eindeutig schwul zu sein, weil wir viel mehr Geschlecht in einem Menschen sehen. Wir erleben faszinierende Momente der Auseinandersetzung im Alltag.

Die Leute fotografieren Sie und senden dann die Bilder zu Ihnen. Das ist Teil Ihres Kunstkonzepts. Treten Sie denn im Alltag auch mal ohne die schrille Aufmachung auf?

Unsere Maske ist ja kein gewöhnliches Make-Up, wir müssen sehr sorgfältig mit dem Puder und allem umgehen. Dass muss ja manchmal 20 Stunden halten und immer gleich für ein Close-Up bereit sein. Das braucht im ganzen morgens drei Stunden. Vorher gehen wir nicht auf die Straße. Man muss sich erst rasieren, die ganze Körperpflege durchführen, und dann ist es auch wichtig, dass die Hautpflege erst eindringt, man sie sorgfältig abtupft und so weiter.

Haben Sie an diesem Tag, an dem gleichgeschlechtliche Ehen möglich werden, den Eindruck, durch ihre Aktion etwas dazu beigetragen zu haben?

Auf jeden Fall. Wir haben ja einen sehr risikoreichen Schritt gemacht. Der bestand darin, dass wir unser Lächeln eingesetzt haben, ganz bewusst. Wir haben das Lächeln als Kunstwerk betrachtet. Wir lächeln, um diese Angst vor dem Anderssein von den Menschen zu nehmen. Das halten wir in unserem Werk für eins der größten Risiken.

Um immer von innen heraus zu lächeln, muss man eine wahnsinnige Kraft aufbringen. Und das auch teilweise bei Menschen, die am liebsten spucken würden. Ein Zahnpastalächeln reicht da nicht. Die Menschen sind sehr, sehr aufmerksam und empfänglich für echtes Lächeln. Aufgesetztes Lächeln geht nicht.

Das ist eigentlich das Wesentliche, die Kraft zu entwickeln, ein wirkliches Lächeln aufzusetzen, das ist die schwerste Arbeit. Und das kommt nur aus dem Glauben an die Kunst. Über die Medien haben wir die Öffentlichkeit erreicht und bestimmt auch das Bewusstsein einiger Menschen.

Glosse

Die Maske

Von Freddy Langer

Langsam kommen wieder Besucher nach Nepal, obwohl die Spuren des Erdbebens das Land noch zeichnen. Im Schutt findet sich manches Souvenir von unerwarteter Symbolkraft. Mehr 1 1

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