09.03.2006 · Die Vorlage für „Brokeback Mountain“ hatte ihn schon vor „Hulk“ fasziniert. Daß er den Stoff schließlich verfilmen durfte, führt er auf „Tiger und Dragon“ zurück. Wie der Oscar zu Ang Lee kam: Ein Interview mit dem Regisseur.
Die Vorlage für „Brokeback Mountain“ hatte ihn schon vor „Hulk“ fasziniert. Daß er den Stoff schließlich verfilmen durfte, führt er auf „Tiger und Dragon“ zurück. Wie der Regie-Oscar zu Ang Lee kam.
F.A.Z.: Was hat Sie als erstes an dem Projekt „Brokeback Mountain“ fasziniert?
Ich habe die Kurzgeschichte von Annie Proulx gelesen, ehe ich „Hulk“ drehte, und war begeistert von der dichten Prosa. Das Thema der schwulen Liebe in dieser Umgebung hatte etwas Verbotenes und Magisches. Es hat mich gefangen, daß ihre Beziehung nur als flüchtige Idee existiert. Am Ende hatte ich Tränen in den Augen, als ich las, wie Ennis Jacks Hemden aus dem Schrank nimmt. Aber wegen „Hulk“ mußte ich das Projekt ablehnen. Als ich mit „Hulk“ fertig war, habe ich meinen Partner und Produzenten James Schamus gefragt, was aus dem Stoff geworden sei, und er hat gesagt, er sei immer noch nicht verfilmt worden. Da dachte ich mir: Diese Gelegenheit will ich nicht noch mal verpassen.
War es nach „Hulk“ leichter, Geld für „Brokeback Mountain“ aufzutreiben?
Es ist ja ganz offensichtlich ein toller Stoff, aber eben nur für ein begrenztes Publikum. Für die Finanzierung hat eigentlich mehr geholfen, daß mein Name nach „Tiger & Dragon“ international einem größerem Publikum geläufig war. Nach der Arbeit mit einem großen Budget ist es für manche Regisseure schwierig, ihre Ansprüche wieder herunterzuschrauben, aber ich komme vom unabhängigen Filmemachen. Ich verspürte geradezu die Notwendigkeit, mich auf etwas Bescheideneres einzulassen, um mir zu beweisen, daß ich noch dieselbe Disziplin und denselben Drang habe wie einst. Man muß selektiver arbeiten, gezielter Entscheidungen treffen. Darum war das eine erfrischende Erfahrung für mich.
Die meisten Regisseure reden ja nur davon, irgendwann mal wieder kleiner und einfacher zu arbeiten, aber tun es nie...
Wenn man erst mal erste Klasse gewöhnt ist, ist es eben schwierig, zur Touristenklasse zurückzukehren.
Wie viele Projekte haben Sie denn in Ihrem Kopf oder Ihrer Schublade?
Nicht viel, nie mehr als ein oder zwei Projekte. Ich kann mich immer nur mit einem Film befassen, andere haben fünfzehn Projekte gleichzeitig in Entwicklung. Ich möchte nur etwas zur Hälfte eines Films wissen, was ich als nächstes mache. Es kann aber manchmal wie nach „Eat Drink Man Woman“ passieren, daß sich ein Projekt wie „Sinn und Sinnlichkeit“ vor eines wie „Der Eissturm“ schiebt, weil es einfach schon weiter gediehen ist. Aber ansonsten gilt: Wenn ich mich einmal für etwas entscheiden habe, dann bleibe ich auch dabei. Es kann natürlich vorkommen, daß mich während des Drehens die Frage befällt, was ich da überhaupt mache, aber ich schätze mal, daß das allen Filmemachern so geht.
Gibt es denn so etwas wie eine spezielle chinesische Sensibilität, die Sie immer wieder zu Stoffen greifen läßt, die von unterdrückten Gefühlen handeln? Selbst in „Hulk“ geht es ja um unterdrückte Wut.
Ich wurde auf klassische Weise erzogen, in einer Kultur, in der man mit dieser Art von Repression vertraut ist. In der es sehr normal ist, in der Ansicht einer Landschaft das Herz zu reflektieren. Das ist der einfache Zugang zu dieser Welt von „Brokeback Mountain“, das fällt mir sehr leicht. Ich habe erst im westlichen Theater gelernt, wie Figuren sehr eloquent ihre Gefühle ausdrücken können. Wo ich erzogen wurde, zieht man sich zurück und betrachtet die Natur, das sind sehr subtile Schattierungen des Ausdrucks - aber so drücken wir uns eben aus.
Warum funktioniert das nur in eine Richtung? Oder gab es je einen westlichen Regisseur, der einen asiatischen Film gedreht hätte, in dem sich Asiaten wiedererkennen?
Der Austausch ist in der Tat sehr ungleichgewichtig. Wenn ein westlicher Regisseur einen chinesischen Stoff in die Hände kriegt, dann sieht er daran in der Regel nur das Exotische, von dem er ausgeht. Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ zum Beispiel mit seinen sehr eigenen Vorstellungen von Freud und Kommunismus fühlt sich nicht sehr chinesisch an, sondern westlich, vor allem europäisch. Wenn wir westliche Stoffe bearbeiten, sind wir demütiger, schon deswegen, weil die amerikanische Kultur im Kino die dominante Kultur ist. Wir machen uns also erst mal kundig, wie das amerikanische Publikum fühlt, weil das in dem Fall mehr zählt als der asiatische Standpunkt. Für uns ist das natürlich eine zwiespältige Erfahrung, weil wir uns alles andere als exotisch fühlen. Andererseits, wenn ich nach China zurückkehre, habe ich selbst eine globalere Perspektive, mit der ich auf chinesische Geschichten blicke.
Und was hat Annie Proulx zu Ihrem Film gesagt?
Sie mochte ihn und sagte: Es sollten mehr Leute Kurzgeschichten verfilmen, damit mehr Platz für ihre eigenen Phantasien bleibt.