23.10.2002 · Mit der Autorin und Regisseurin Doris Dörrie sprach FAZ.NET über ihren neuen Roman, über Liebe und Verlust, das kreative Chaos und Fantasierollen.
Sie schreibt Erzählungen, Romane und Kinderbücher, dreht Filme und inszeniert Opern. Mit Leichtigkeit wechselt Doris Dörrie zwischen diesen Welten. Dabei tragen ihre Arbeiten eine unverwechselbare Handschrift. Sowohl ihr Kinofilm „Nackt“ als auch ihr neuer Roman „Das blaue Kleid“ rangieren unter den Top Ten der jeweiligen Bestseller-Listen.
FAZ.NET sprach mit der Künstlerin über den neuen Roman, über Liebe und Verlust, das kreative Chaos und Fantasierollen.
In Ihrem neuen Buch suchen zwei Trauernde den Weg zurück ins Leben: Die eine hat ihren Mann im Urlaub auf Bali verloren, der andere ist der schwule Freund eines verstorbenen Modedesigners. Stand von vornherein fest, dass Sie mit „Das blaue Kleid“ ein Buch über Trauer schreiben wollten?
Ich wusste gar nicht, dass es ein „Buch über Trauer“ werden sollte. Ich weiß auch jetzt noch nicht, ob es ein Buch über Trauer ist. Es geht um zwei Biografien, in denen etwas Dramatisches und auch etwas Ähnliches passiert, weil beide ihren Geliebten verlieren. Dann habe ich ihnen dabei zugesehen, wie sie damit umgehen.
Was wussten Sie von den beiden Figuren, als Sie angefangen haben zu schreiben?
Ich wusste, dass es ein blaues Kleid gibt, ich wusste, dass es ein Modedesigner-Paar gibt, ich wusste sehr viel über sie, über Babette, ich wusste etwas über Mexiko und über Bali. Ein Buch zu schreiben ist wie ein Gang in ein dunkles Zimmer, in dem man zwar manche Möbelstücke ungefähr erkennt und weiß, wo die sind, aber vieles andere überrascht einen auch. Es ist nicht unbedingt förderlich, wenn man gleich das Licht anmacht und genau weiß, wo alles an seinem Platz ist.
Sie stellen in Frage, ob es ein Buch über Trauer ist. Es geht in Ihrem Roman auch um die Unbeholfenheit, die Schwierigkeit von Babette und Thomas, den sie kennen gelernt hat, sich wieder auf eine Beziehung einzulassen. Was macht das so schwer?
Das Thema beschäftigt mich auch in meinen Filmen: Wie schwierig es für uns in dieser Zeit geworden ist, zu lieben und auch denjenigen zu finden, den wir lieben wollen. Wir Frauen können heute ökonomisch tatsächlich ohne Männer überleben. Und wir können bestimmen, ob und wann wir Kinder haben wollen. Das hat die Beziehung zwischen Männern und Frauen wirklich komplett verändert. Das einzige, was übrig geblieben ist, ist die Liebe. Und wir wissen alle, wie empfindlich die Liebe ist. Wie schwierig es mit ihr ist jeden Tag. Auch wenn am Anfang die Liebe da war, wo bleibt sie dann jeden Tag? Und damit versuchen beide Hauptfiguren in dem Roman zurecht zu kommen.
Sterben, Tod und Trauer führen in Ihrem Roman immer wieder in Situationen von beklemmender Lächerlichkeit. Alfred und Florian, das schwule Paar, verschweigen einander, wie sie den Verfall des krebskranken Alfred erleben. Der legt das Rouge „Morning Blush“ auf, um noch frisch zu wirken, und seine Wangen glühen. Was macht Tod und Trauer auf diese Weise auch lächerlich und banal?
Für mich hat das überhaupt nichts Banales. Ich übersetze das anders: Das ist der Alltag. Ich empfinde diesen Hang oder diesen Drang, den Alltag zu übersehen und immer nur auf höheren Ebenen denken zu wollen, als sehr gefährlich und auch als sehr unmenschlich. Den Alltag finde ich eben nicht lächerlich, sondern er ist komisch und traurig zugleich. Unser Leben setzt sich aus lauter kleinen Momenten zusammen, die immer beides sein können. Es kommt sehr darauf an, wie genau man mit dem Moment umgeht. Dann kann er auch seine Lächerlichkeit, wie Sie es nennen, verlieren und durchaus in seiner Winzigkeit groß werden.
Florian und Babette reisen nach Mexiko, um als Touristen das traditionelle Fest der Toten zu besuchen. Schließlich fliegt Thomas - die Beziehung schien zwischenzeitig fast gescheitert - hinterher. Ein Happy End?
Die interessante Frage beim Märchen ist ja immer die: Was machen sie eigentlich dann, wenn sie glücklich zusammen leben? Jeder von uns weiß, dass das Glück eben nicht andauernd vorhanden ist, sonst würden wir es auch gar nicht als Glück empfinden können, sondern dass es sich wiederum aus kleinen Momenten zusammen setzt. Das Buch endet mit einem glücklichen Moment, und wenn die beiden ein bisschen mehr Talent entwickelt haben für die glücklichen Momente - und ich habe wirklich versucht, ihnen das beizubringen -, dann kann daraus ein nächster glücklicher Moment erwachsen.
Sie arbeiten als Film- und Bühnenregisseurin, als Romanautorin und haben gerade bei Diogenes ein Kinderbuch mit dem Titel „Mimi“ veröffentlicht. Wie sieht es in Ihrer inneren Ideenwerkstatt aus - bestens sortiert? Ein kreatives Durcheinander?
Es sieht aus wie im nicht aufgeräumten Zimmer meiner Teenager-Tochter, um die Wahrheit zu sagen. Es sind sehr viele verschiedene Versatzstücke aus verschiedenen Zeiten darin zu finden, die Stofftiere ebenso wie die Opern-CDs, sehr viele Bücher, sehr viele verschiedene Quellen, aber auch sehr viel Trash, viel Spielzeug.
In Ihrem Kinderbuch schlüpft das Mädchen Mimi in eine Fantasierolle, um den Eltern ein Geständnis zu machen. Was hat es damit auf sich?
Es geht um eine ganz bestimmte Phase im Leben von Kindern, ziemlich genau zwischen vier und fünf Jahren, wo es los geht, dass Kinder Rollen spielen, wo sie merken: Ich muss ja gar nicht unbedingt ich sein, sondern ich könnte auch jemand anderes sein. Eine sehr spannende Phase. Vielleicht bin ich auch immer in dieser Phase stecken geblieben. Wenn man schreibt oder Filme macht, spielt man auch immer wieder eine Rolle, man muss sie dann zum Glück nicht selber ausfüllen als Schauspieler. Aber immer jemand anderes sein zu wollen, das ist eine Grundspielart, die ich sicherlich immer noch spiele.
Wann entscheiden Sie, ob Sie ein Thema, einen Stoff zunächst als Film-, Bühnen- oder als Prosatext entwickeln? Mimi hätte zum Beispiel auch eine gute Filmfigur abgegeben.
Vielleicht blüht ihr das ja auch noch. Manchmal schreibe ich Geschichten und merke später, die Figuren aus den Geschichten wollen zum Film. Das war bei „Keiner liebt mich“ so, das waren zwei Figuren aus zwei verschiedenen Kurzgeschichten, und auch bei „Bin ich schön“. Meistens weiß ich das intuitiv doch sehr schnell. Das hat etwas mit der Nähe zu den Figuren zu tun. Die beiden Figuren aus dem Roman, die waren mir so nah, dass ich sie doch sehr viel mehr von innen heraus beschreiben wollte. Und im Film, bei „Nackt“ diese sechs Figuren, die sind mir zwar nicht vollkommen fremd, sonst hätte ich sie gar nicht erfinden können, aber ich habe sie doch eher angesehen, als dass ich sie von innen heraus gesehen hätte. Und deshalb ist es ein Film.
Können Sie sich vorstellen, „Das blaue Kleid“ zu verfilmen?
Solche Fragen verbiete ich mir beim Schreiben, sonst fange ich sofort an, über Geld und Technik nachzudenken. Und dann schreibe ich viele Dinge nicht, weil ich weiß, dass sie furchtbar zu inszenieren wären. Ich denke auch nie über Besetzungen nach. Ich versuche zwar sehr cinematografisch zu schreiben, diese Bilder also auch wirklich vor mir zu sehen, aber niemals in einem technischen Sinn. „Das blaue Kleid“ als Film - vielleicht denke ich darüber nach, wenn mir mal alle anderen Ideen ausgehen. Aber im Augenblick habe ich so viele andere Projekte, so viele neue Ideen. Und ich hoffe, das bleibt auch so.