Home
http://www.faz.net/-gqz-qx4b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview „Dieser Schandfleck muß verschwinden“

19.08.2005 ·  Bundesbauminister Manfred Stolpe im F.A.Z.-Gespräch über den Palat der Republik und das Berliner Schloß

Artikel Lesermeinungen (0)

Bundesbauminister Manfred Stolpe im F.A.Z.-Gespräch über den Palat der Republik und das Berliner Schloß.

Herr Minister, in einigen Wochen, spätestens im Winter, soll der Abriß des Palastes der Republik beginnen. Dann wird sich, was Sie einmal eine „Wunde im Stadtzentrum Berlins“ genannt haben, zunächst noch erweitern und vertiefen: Die Brache wird sich von der Kommandantur im Westen bis zum Alexanderplatz im Osten ausdehnen. Wie soll diese Wunde geschlossen werden?

Tatsächlich wird der unvermeidliche Abbruch des Palastes der Republik die Brache vorübergehend vergrößern. Deshalb halte ich es für zwingend, daß eine Perspektive erkennbar wird für diesen geschichtsträchtigen Ort: Der Abbruch muß zum Aufbruch werden. Ich sehe eine enorme Chance zur Versöhnung darin, Kultur, Wissenschaft und Dialog auf dem Schloßareal anzusiedeln, an dem Platz, wo früher einmal Kriege geplant wurden. Das Humboldt-Forum, also die Präsentation der außereuropäischen Bestände der Staatlichen Museen, der oft unterschätzten wissenschaftshistorischen Sammlung der Humboldt-Universität und der sehr publikumswirksamen Sammlungen der Berliner Zentral- und Landesbibliothek, bietet diese Chance.

Bedeutende Kollektionen, keine Frage. Aber worin liegt ihr versöhnender Charakter?

Wir stellen die Weltkultur in die Mitte unserer Hauptstadt. Unterschätzen Sie nicht die Symbolkraft einer solchen Geste! In unmittelbarer Nachbarschaft zur Museumsinsel wird ein einzigartiger Ort entstehen, der nicht nur über eine exzellente Ausstattung und Technik verfügen muß, sondern auch über ein attraktives Veranstaltungsprogramm, ein echtes Angebot zum Dialog. Und eins ist mir ganz wichtig. Gerade in der Debatte um die Nutzung des Palastes der Republik erleben wir ja, daß dies ein umstrittener Ort ist. Manchmal gewinnt man fast den Eindruck, der Palast der Republik sei der Höhepunkt der siebenhundertfünfzigjährigen Geschichte Berlins gewesen. Er war ein Teil, mehr nicht. Wenn jetzt an diesem Platz, an dem einmal das Preußenschloß stand, ein nationales Kultur- und Wissenschaftsforum eröffnet wird, dann könnte Preußen endgültig in Deutschland und Europa aufgehen - und es könnte ein Ort entstehen, der für Hessen und Schwaben ebenso interessant sein sollte wie für die, sagen wir mal: Bewohner der ehemals preußischen Gebiete Deutschlands.

Sie setzen auf die versöhnende Kraft der Kultur ...

... und der Wissenschaft! Ich stelle mir vor, daß auf dem Schloßareal auch gezeigt wird, welche Anstöße einmal zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts von Deutschland in der Wissenschaft ausgegangen sind. Das könnte durchaus ermutigend wirken für die Gegenwart. Und Ermutigung haben wir nötig.

Nun hat unlängst ein Berliner Architektenteam, Anderhalten Architekten, vorgeschlagen, den leergeräumten Palast der Republik nicht abzureißen, sondern in ein Schaulager für die Staatlichen Museen zu verwandeln, die dringend Depotflächen brauchen. Das klingt doch nach einem kulturnahen, kostengünstigen und kurzfristig zu realisierenden Vorschlag?

Mag sein, aber er löst nicht unser Problem. Er beseitigt nicht die Brache im Herzen Berlins. Den Aufmarschplatz vor dem Palast, den wir wirklich nicht mehr brauchen. Und es würde auch der Bedeutung des Ortes nicht entsprechen, an den Resten des Palastes herumzuflicken. Zwischenlösungen helfen nicht weiter. Wir brauchen einen entschlossenen Schritt nach vorn.

Alles andere als versöhnend hat bislang die Debatte um die Gestaltung des Schlosses gewirkt. Da haben Sie unlängst für einige Irritation gesorgt, als Sie die Rekonstruktion der Barockfassaden unter den Vorbehalt der Finanzierbarkeit gestellt haben. War das ein subtiler Hinweis des Bauministers auf die Reize der zeitgenössischen Architektur?

Nein. Ich bin ein Anhänger der Rekonstruktion der Barockfassaden, und zwar möglichst bis ins handwerkliche Detail, als solide Steinmetzarbeit. Ich bin auch zuversichtlich, daß sich das finanzieren läßt, mit einer öffentlichen Anschubfinanzierung und mit Beiträgen privater Investoren. Da empfange ich sehr ermutigende Signale. Und Herr von Boddien ...

... der Vorsitzende des Vereins zum Wiederaufbau des Schlosses ...

... hat ja zugesagt, er werde die Mehrkosten von rund achtzig Millionen Euro für die historischen Fassaden aus Spenden aufbringen.

Die Privatinvestoren, deren reges Interesse Sie registrieren - wollen die mäzenatisch tätig werden, oder denken die nur an ihre Rendite?

Über die Details einer öffentlich-privaten Partnerschaft an diesem Ort müssen wir uns noch verständigen. Aber natürlich kalkulieren wir ein, daß auch Elemente der Rentabilität eine Rolle spielen müssen. Doch da bin ich ganz optimistisch. Das Humboldt-Forum wird nicht alle Flächen in der Schloßkubatur benötigen, es ließe sich also sehr sinnvoll beispielsweise mit einem Hotel ergänzen, das sich auch rechnet. Andererseits: wenn die öffentliche Hand als Hauptnutzer auftritt, und das wollen wir ja, dann wird man die Hauptlast der Finanzierung nicht an Private abgeben können. Wir werden dafür Lösungen finden, und das müssen wir auch. Wir diskutieren jetzt seit fünfzehn Jahren über das Schloßareal. Es ist an der Zeit, diesen Schandfleck endlich zu beseitigen.

Die Fragen stellte Heinrich Wefing.

Quelle: F.A.Z., 20.08.2005, Nr. 193 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr