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Interview Die Nase der Sphinx - Bachmann-Preisträger Peter Glaser im Gespräch

 ·  Der Gewinner des 26. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ist der in Berlin lebende Österreicher Peter Glaser. Ein erstes Interview.

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Der Gewinner des 26. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs steht fest: Es ist der in Berlin lebende Österreicher Peter Glaser.

Peter Glaser, einst exponierte Figur des Chaos Computer Clubs, Journalist und Kolumnist unter anderem für „Tempo“ und „Konr@d“, veröffentlichte bei Rowohlt und Kiepenheuer & Witsch bereits eine Reihe von Romanen und „Stories“. Im Verlag Zweitausendeins erschien sein Tagebuch über das „Onlinesein“. Auch für das Fernsehen und Theater hat der sich als „Schreibprogramm“ verstehende Autor schon gearbeitet. FAZ.NET sprach mit Peter Glaser über seinen prämierten Text und dessen Hauptthema: das Nichts.

Herzlichen Glückwunsch, Peter Glaser, zum Ingeborg-Bachmann-Preis und zum 45. Geburtstag!

Danke.

Ihr Sieg-Text ist eine „Geschichte von nichts“. Überrascht es Sie, dass man in unserer materialistischen Zeit mit „nichts“ ein „etwas“ von über 20.000 Euro gewinnen kann?

Das überrascht mich schon.

Was fasziniert Sie am Nichts?

Die ersten beiden Wochen meiner Arbeit an der „Geschichte von nichts“ habe ich im Grunde damit verbracht, mich gegen alles zu wehren, was in diesen Text hinein wollte. Ich bin ausgegangen von einem Gefühl - ich sag das jetzt ein bisschen ins Allgemeine -, als hätten wir die letzten 20 Jahre alle sehr daran gearbeitet, die Welt in Stücke zu zerlegen, in Fragmente zu dekonstruieren und als sei es jetzt an der Zeit, den Versuch zu unternehmen, die Welt wieder zusammenzusetzen.

Welche Rolle spielt der in nur einem Satz erwähnte 11. September in Ihrem Text?

Ich habe versucht herauszufinden, was die Literatur dem 11. September entgegensetzen kann. Das war eine der Motivationen für mich, diesen Text zu schreiben: den 11. September mit nur einem Satz zu erwähnen. Mich hat das Nichts interessiert, das übrig bleibt neben diesem gewaltigen Medienereignis 11. September. Ich finde, Autoren sollten sich um dieses Nichts kümmern.

Ihr ausgezeichneter Text ist äußerst kompakt. Die Hauptfigur bereist auf ungefähr zwölf Seiten mehrere Kontinente auf der Suche nach ihrer Tante und dem nächsten Job. Dabei trifft sie ein Dutzend Menschen und hat eine Liebesgeschichte. Das ist ziemlich viel auf einmal.

Mit meiner Klagenfurt-Einladung war klar: Ich habe nur begrenzten Platz, kann nur etwas schreiben, das maximal 30 Minuten lang ist. Zu Beginn der zwei Wochen, die ich an dem Text gearbeitet habe, hat sich dann Gegenwehr entwickelt, von der ich eben sprach. Dann aber hat sich eine Art von Hohlform für eine Geschichte gebildet, eine Art Spezialform des Nichts, in die eine Menge Stoff hineinpasste - und das wollte ich alles unterbringen, auch wenn ich manches Mal die Sorge hatte, dass der Text an einigen Stellen zu dicht wird.

Haften bleiben bei ihrem Text die hintersinnigen Pointen, mit denen sich die Hauptfigur einer desillusionierenden Welt erwehrt. Manchmal hat man das Gefühl, als hätten die Aphorismen Lichtenbergs und Wittgensteins Pate gestanden.

Mit dem Begriff „Aphorismus“ habe ich Probleme, weil Aphorismen immer etwas Losgelöstes anhaftet. Ich habe in meinem Text aber versucht, alles Fragmentarische zu vermeiden. Mir schwebte ein Text wie eine Schneekugel vor, ein ganz geschlossenes, transparentes System. - Aber ich liebe Lichtenberg, ein absolutes Vorbild für mich.

Ihr Text lebt von Aussparungen - Leerstellen, die als starke Verständigungsimpulse wirken. So schickt der Ich-Erzähler seiner Angebeteten Stella eine E-Mail mit zwei Leerzeichen, worauf sie ihm mit drei Leerzeichen antwortet. Jetzt weiß er, dass sie etwas für ihn übrig hat.

Der Verständigungsimpuls ist der Grundantrieb meines Schreibens. Es gibt für mich keinen größeren Schmerz, als nicht verstanden zu werden, sich nicht ausdrücken zu können.

Zum Schluss wird die Hauptfigur jedoch von Stella betrogen, der Ich-Erzähler betrinkt sich, nimmt ein Taxi und lässt sein Haar bei offenem Verdeck „in die Weite des Weltraums“ wehen. Ist der Schluss melancholisch?

Der Ich-Erzähler ist jemand - und das ist ganz wichtig für mich -, der scheitert, aber andererseits keinerlei Anzeichen zeigt, aufzugeben. Melancholie kann ich nur in der unsentimentalen Variante ertragen.

Halten Sie das Lebensgefühl, das sie am Schluss darstellen, für zeitgemäß?

Für mich war die Hauptarbeit an der Geschichte, einen Ton zu finden, der zu mir und zu unserer Zeit gehört. Ich hoffe, ihn getroffen zu haben.

In Ihrem Text heißt es auch: „Geld gehört sich nicht“. Bringt Sie das Preisgeld von über 20.000 Euro jetzt in Verlegenheit?

Es bringt mich nicht in besonders große Verlegenheit. Es ist für mich eine große Hilfe, die es mir erlaubt, ein Romanprojekt, an dem ich seit 10 Jahren arbeite, in den nächsten zwei Jahren konsequent zum Abschluss zu bringen.

Können Sie kurz sagen, worum es dabei geht?

(lacht) Die Kurzfassung eines noch nicht geschriebenen Romans! Ich kann vielleicht eine Andeutung machen. Es geht um Wiedervereinigungen - die Mehrzahl ist wichtig. Ein Motiv unter anderen ist, dass die Nase der Sphinx ihrem Gesicht zurückgegeben wird.

Das Gespräch führte Uwe Ebbinghaus

Der Text von Peter Glaser ist auf „www.bachmannpreis.at“ veröffentlicht.
Die Lesung, die anschließende Jury-Diskussion und ein Porträt Glasers sind auf der Website als Videos abrufbar.

Quelle: @uweb
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