19.01.2004 · Das Finale der RTL-Show "Hilfe, ich bin ein Star" ist nur eine Etappe im Verlauf des Reality-Fernsehens. Ein Gespräch mit dem Chef der Landesmedienaufsicht NRW über Grenzen im Fernsehen.
Das Finale der RTL-Show "Hilfe, ich bin ein Star" ist nur eine Etappe im Verlauf des Reality-Fernsehens, das als nächstes mit einer Show namens "Fear Factor" aufwartet. Wohin aber führt uns die Insektenfresserei am Ende? Wir haben Norbert Schneider gefragt, er ist Vorsitzender der Gemeinsamen Stelle Programm der Landesmedienanstalten und von Amts wegen zuständig.
Wenn man dieser Tage auf den Rabatz um die Dschungelshow von RTL blickt, fragt man sich: Warum machen die das eigentlich? Der Sender ist seit Jahren Marktführer. Haben die das überhaupt nötig?
Das ist eine schwer zu beantwortende Frage, da niemand in ein Herz blicken kann, das an dieser Stelle gar nicht schlägt. Ich glaube, RTL hat es einfach nicht ertragen, daß ARD und ZDF mit der Gebührendebatte in den vergangenen Wochen das Objekt der Erregung waren. Vielleicht will der Traditionssender RTL aber auch nur zeigen, daß er einen römischen Begriff von Unterhaltung hat.
Aber es ist doch eine negative Aufmerksamkeit, die RTL nun erntet.
Bei dieser Art Aufmerksamkeit hat die Unterscheidung zwischen negativ und positiv ihren Wert verloren. Ich glaube nicht, daß man positiv oder negativ auffallen kann, wenn das Auffallen selbst schon das Ziel ist. Und dieses Ziel hat RTL zweifelsohne erreicht.
Aber hat der Sender nicht auch ein Renommee zu verlieren?
Das ist eine Frage, die man RTL auch im eigenen Interesse wohl stellen muß. Eigentlich hat RTL solche Dehnübungen mit der Rundfunkfreiheit nicht nötig.
Was bleibt den Landesmedienanstalten und den Kritikern eigentlich zu tun, wenn sie nur Rädchen in einem gutgeölten Erregungsgetriebe sind und die Produzenten darauf warten, daß endlich jemand nach Moral und den Grenzen des guten Geschmacks fragt, wo es offenbar keine gibt?
Da warne ich Neugierige. Wenn zu viele Kinder in den Brunnen gefallen sind, hat irgendwann auch der Brunnen ein Problem. Wir bewirken in Einzelfällen wie der jetzt laufenden Show von RTL und der anderen, die angekündigt ist, zugegebenermaßen nicht viel, da wir die einschlägigen Gesetze anwenden, sie aber nicht machen und "nur" auf die Einhaltung von Menschenwürde und Jugendschutz achten können. Dieser Begriff aber ist offenbar auch für diesen Fall zu groß. Deshalb haben wir stets Mühe, eine solche Sendung als Medienaufsicht zu beurteilen. Das will ich nicht nur beklagen, weil die Rundfunkfreiheit nicht einfach durch einen schnellen Verweis auf die Menschenwürde eingeschränkt werden darf. Auf der anderen Seite ist das kein Dauerzustand. Wir müssen als Aufsicht irgendwann einmal die Vorsicht aufgeben, wir könnten einen Rechtsstreit verlieren.
Was ist, wenn RTL mit der in Amerika laufenden Show "Fear Factor" beginnt, die für ausgesuchten Ekel berühmt ist? Gibt es noch einen Punkt, an dem es heißt: Das geht nicht, das sollten wir verbieten?
Der Gewöhnungseffekt ist leider beträchtlich. Sie können im Progreß der einen Sendung zur anderen in der Regel ja kaum mehr eine neue Qualität erkennen. Das könne Sie nur, wenn Sie einen größeren Zeitraum in den Blick nehmen. Und das ist das Dilemma der Medienaufsicht: Zwischen dem Insektengenuß in "Big Brother" und dem Insektenbefall in der Show "Hilfe, ich bin ein Star" ist kaum eine "qualitative Veränderung" festzustellen. Was schnell zu dem Befund führt: Das hatten wir ja schon, und das ist doch gutgegangen. Es ist mißlich, daß wir die Veränderung in ganz kleinen Schritten wahrnehmen. Denn es zeigt sich jedesmal, wenn das Wasser abgeflossen ist, daß die Landschaft eine andere ist. Dieser langfristige Prozeß ist unser eigentliches Problem. Den Veranstalter interessiert das überhaupt nicht, der geht von Format zu Format. Wenn ihm dabei nicht ein Mißgeschick passiert und man ihn rechtlich behelligen kann, dann können wir im Augenblick nur sehr schwer eine letzte Grenze dessen, was erlaubt ist, ziehen. Jedenfalls nicht, solange wir das Freiwilligkeitsargument für schlagend halten. Was ich übrigens nicht tue. Aber da ist juristisch offenbar nichts zu machen.
Das heißt: Es komme, was da wolle, bis das Strafrecht droht.
Ich denke, daß man mit dem Medienrecht gesellschaftliche Erosionsprozesse nicht aufhalten kann. Es sei denn, der Gesetzgeber nähme die eine oder andere Präzision zum Stichwort Menschenwürde vor. Das aber ist nach Auskunft von Experten eine außerordentlich schwierige Angelegenheit, so daß wir darauf wohl nicht hoffen dürfen. Das klingt resignativ, aber Resignation ist die Halle, durch die man in die Ethik tritt, sagt Albert Schweitzer.