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Interview : Boris Groys: Die Zukunft der Museen

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Im Gespräch mit FAZ.NET erklärt der Medientheoretiker Boris Groys, warum auch im Medienzeitalter Museen fürs Kunsterlebnis unentbehrlich sind.

          Als Auftakt einer neuen Gesprächsreihe über die Zukunft der Museen stellten in der Wiener Kunsthalle kürzlich drei internationale Experten ihre Ideen vor. Unter dem Motto „Alles oder Nichts“ diskutierten Marcel Meili aus Zürich, Boris Groys aus Karlsruhe und Gerald Matt aus Wien über Museen als Bildspeicher und Ort der Reflexion. FAZ.NET sprach mit Boris Groys, dem russischen Professor für Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung und Medientheorie in Karlsruhe.

          Professor Groys, wie sehen Sie die Relevanz von Museen und Ausstellungen in der Zukunft?

          Zunächst bin ich der Meinung, dass es so etwas wie ein Kunstsystem, so etwas wie ein Ausstellungswesen, eine Kunsthalle, ein Kunstmuseum, dass es also diese kulturellen Institutionen nach wie vor geben muss und nicht einfach die Medienwelt gefördert wird. Ich glaube, dass wir auf dem Medienmarkt, wie auf dem Markt überhaupt, so etwas wie eine historische Analyse nicht vornehmen können, weil wir da nur mit einem aktuellen Angebot konfrontiert werden. Wir können das, was jetzt produziert wird, miteinander vergleichen. Wir können aber unsere eigene Zeitgenossenschaft, das Gegenwärtige der Gegenwart, das spezifisch Neue eigentlich nicht reflektieren. Wir können es nicht verstehen, weil das historische Gedächtnis beziehungsweise der historische Vergleich fehlen.

          In bezug auf Ausstellungen würden Sie also für die Gleichzeitigkeit historischer und zeitgenössischer Bilder plädieren?

          Der Medienmarkt scheint fortschrittlicher zu sein. Das Publikum, das durch die Medien angesprochen wird, ist demokratischer, es hat freieren Zugang zu den Medien als zu Kunstinstitutionen. In den Medien hat man das Gefühl, die wahren Interessen, die wahren Geschmäcker mehr zu treffen und up to date zu sein. Die Werbung und der Markt insgesamt operieren mit der Forderung nach dem Neuem und Aktuellen, dem Angesagten und Coolen. Sie erheben diesen Anspruch, sie können ihn aber eigentlich nicht begründen. Er bleibt sozusagen ungeprüft. Es sind die Kunstinstitutionen, die über das nötige historische Gedächtnis verfügen. Sie sind der Ort, an dem solche Ansprüche, die ohnehin gestellt werden, beglaubigt, kontrolliert und vielleicht widerlegt, auf jeden Fall aber überprüft werden können.

          Beziehen Sie diese Analyse nur auf den Ort oder auch auf die Produzenten, die Künstler und Ausstellungsmacher?

          Das bezieht sich in erster Linie auf die Orte. Vielleicht nicht einmal so sehr auf die Künstler. Die Künstler können so und so arbeiten. Sie können für den Medienmarkt arbeiten, für die Werbung oder in reinen Kunstformen. Ich glaube, dass sich der Künstler heute nicht mehr auf einem Kontext, auf ein Medium festlegen muss.

          Was für mich wichtig ist, sind die Institutionen und Orte. Warum brauchen wir diesen spezifischen Ort? Warum bezahlen wir sie, warum gehen wir dahin? Weil an diesen Orten ein solcher Vergleich in einer sehr evidenten Weise durchgeführt werden kann.

          Hat das für Sie mit dem Authentischen und Einmaligen zu tun, was man da sieht?

          Dazu gehört alles, was in einer Kunstinstitution einen Ort bekommt. Allein dadurch bekommt es schon die Aura eines Originals, wie ja schon Walter Benjamin ausgeführt hat. Im Kunstraum findet eine sekundäre Reoriginalisierung des Werks statt. Alles, was als Kopien in den Medien zirkuliert, dem kann man den Status des Originals durch die Installierung in der Ausstellung zuschreiben.

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