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Sonntag, 12. Februar 2012
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Interview Ben Becker: „Bin ich halt so eine Art Nostradamus“

25.09.2001 ·  Ben Becker über seinen neuen Film „Sass“, Berlin und verrückte Zeiten. Und Songzeilen wie „Maschine brennt, wir steigen aus“.

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Ben Becker hat den Ruf weg, schwierig und großmäulig zu sein. Immer wieder formuliert der 36-Jährige Meinungen, die andere nicht hören wollen. Gerade ist er mit seiner Band „Zero Tolerance“ auf Tournee, um sein neues Album „Wir heben ab“ vorzustellen. Auf dem Cover sieht man ihn als angeschossenen Buffalo Bill - eine klare Kritik am amerikanischen Militarismus, die nach der Katastrophe in New York und Washington bei vielen gar nicht gut ankommt.

Ab Donnerstag macht Ben Becker die Leinwand wieder unsicher. Mit einer Rolle, die seinem Image gerecht wird. In „Sass“ spielt er neben Jürgen Vogel einen toughen Bankräuber im Berlin der 30er Jahre. FAZ.NET sprach mit dem Schauspieler und Sänger.

Herr Becker, mal Hand aufs Herz! Hat es Sie nie gereizt, mal selbst eine Bank auszuplündern?

Ich bin fasziniert von jemanden wie Arno Funke oder Burkhard Driest, der auch Schauspieler ist und schon mal eine Bank ausgeraubt hat. Vielleicht würde ich es tun, wenn ich total abgebrannt wäre und nichts mehr zu verlieren hätte. In meiner momentane Situation könnte ich es mir nur vorstellen, um Spaß zu haben. Auf der anderen Seite lehne ich allerdings Waffen und Gewalt ab. Es käme also nicht in Frage.

So viel ich weiß, waren Sie aber schon mal in Versuchung...

Es war immer etwas, was mich gereizt hat - zu wissen, wo Geld ist, und es sich zu holen. Einmal bin ich ins Theater gekommen, das gerade umgebaut wurde, und ich ging in die Lohnbuchhaltung. Da saß ein altes Müttchen, das seinen Schrank aufmachte, um mir meine Gage von 500 Mark auszuzahlen, und der war natürlich voll mit Geld. Ich hatte einen Kumpel dabei, ihn angeschaut und gedacht: Halleluja! Ich habe es dann aber gelassen.

„Sass“ ist nicht Ihr erster Film, der in den 30er Jahren spielt. Irgendetwas muss Sie an dieser Zeit faszinieren?

Ja, es war eine Zeit des Umbruchs. Die Diskrepanz zwischen Armut und Reichtum war enorm. Dazwischen die Künstlerbohème, die verrückte Sachen ausprobierte und Grenzen überschritt. Das hat schon eine gewisse Faszination auf mich. Es gab Josefine Baker, die als erste oben ohne tanzte. Du konntest Koks in jeder Apotheke kaufen, und die Leute haben mit Absinth experimentiert, neue Tänze wurden entwickelt. Das hatte natürlich vor dem Hintergrund der damaligen Arbeitslosigkeit eine gewisse Dekadenz, und da sehe ich durchaus Parallelen zu heute.

Können Sie das erläutern?

Ich habe in Berlin schon Sachen beobachten dürfen, die mich umgehauen haben. Triple-X-Partys hat man mir als Einladung zu einer Ausstellungseröffnung verkauft. Plötzlich wurden da öffentlich Ziegen in den Arsch gefickt, für ein Eintrittsgeld von 25 Mark. Vorher wurde man abgetastet nach Kameras. Da sagte ich zu mir, mein lieber Herr Gesangsverein, dass ich so was in meiner Stadt erleben darf. Wo ist die Polizei? Wenn man in Berlin das Verrückte sucht, wird man es finden.

Wie sehr finden Sie sich Berlin verbunden?

Ich bin zwar in Bremen geboren, habe mit dieser Stadt aber nichts mehr zu tun. Mit fünf Jahren bin ich hierher gekommen, und seitdem ist Berlin mein Zuhause. Es ehrt mich auch, wenn man mich heute gern mit dieser Stadt identifiziert. Obwohl es auch Leute gibt, die mich überhaupt nicht mögen und mit einem ironischen Unterton fragen, was will der Becker denn noch? Will er der Willy Millowitsch von der Spree werden? Ich lehne es ab, mich hinter hohen Hecken im Grunewald zu verschanzen. Dadurch geht mir eine gewisse Anonymität in der Stadt verloren, und manchmal wünschte ich, mir eine Tüte über den Kopf ziehen zu können.

Vielleicht fallen Sie in der Öffentlichkeit auf, weil Sie nicht nur in Filmen, sondern auch privat ein dominanter Typ sind?

Ich würde nicht sagen, dass ich generell dominant bin. Manchmal mache ich aber gern den Zirkusdirektor. Ich würde mich als starke Persönlichkeit bezeichnen. Daraus mache ich keinen Hehl, aber Jürgen Vogel ist auch eine starke Persönlichkeit. Deshalb waren auch alle gespannt, was passieren würde, wenn wir beide aufeinander treffen. Aber es funktionierte gut, weil wir beide großen Respekt voreinander haben. Zuerst haben wir übers gemeinsame Lachen einen Weg gefunden.

Jürgen Vogel ist der Familienvater, der jeden zweiten Tag joggen geht, und Sie sind der Lebemann, der viel ausgeht?

Also, ich sage jetzt einfach mal ja! Ich habe keine Lust mehr, irgendwas zu dementieren. Mir wird andauernd nachgesagt, dass ich jede Nacht unterwegs wäre, um mir die Birne vollzuballern. Das kann ich nicht mehr hören und weiß auch nicht, wie jemand das schaffen soll, der so viel arbeitet wie ich. Natürlich bin ich kein Kind von Traurigkeit, und manchmal trinke ich auch gern mal ein Bierchen.

Sie sind inzwischen Vater einer kleinen Tochter. Ihr Leben muss sich dadurch doch verändert haben?

Tja, da gibt es ein Zuhause, eine Frau und ein Kind. Ich merke schon, dass ich mir meine Zeit anders einteilen muss, um näher an meiner Familie zu sein. So ein kleines Kind ist natürlich sehr auf seine Mutter bezogen, und als Mann weiß man manchmal gar nicht, wie man damit umzugehen hat. Vater zu sein lernt man erst mit der Zeit. Ich habe mich jetzt nicht um 180 Grad gedreht. Ich würde ja meine Frau bescheißen, wenn ich nicht mehr ich selbst sein könnte. Aber ich versuche schon, meine Aufgaben anders einzuteilen, um Zeit für meine Familie zu haben.

Sie meinten vorhin, dass die 30er Jahre eine Zeit des Umbruchs waren. Kann die Katastrophe in Amerika auch wieder eine Wende bedeuten?

Es sieht verdammt danach aus. Es ist für uns alle ernster geworden, und ich mache mir schon Sorgen. Ich würde gern noch erleben, wie mein Töchterchen eingeschult wird und den 16. Geburtstag feiert. Ich kann mir nicht vorstellen, was passiert, wenn die Situation eskaliert. Ich kann nur sagen, dass ich mir Gedanken mache und die auch künstlerisch umsetzen will.

Wie wird diese künstlerische Umsetzung aussehen?

Ich finde es ganz wichtig, nachzudenken. Woody Allen war letzte Woche in Deutschland und sagte, man müsste jetzt künstlerisch sofort weiterarbeiten. Ich finde die pietätvolle Trauer für eine Woche auch verlogen - Stefan Raab geht wieder auf Sendung, und der ganze Mist geht von vorne los. Nur wenige Leute setzen sich ernsthaft mit dem Thema auseinander. Die Show des Trauerns wird jetzt vorgeschoben. Sie ist schon wieder so perfekt inszeniert, dass man das Gefühl hat, Hollywood sei schon wieder voll dabei. Ich weiß nicht, ob das die richtige Art und Weise ist, damit umzugehen.

Wie sollte man damit umgehen?

Ein Rezept habe ich auch nicht, aber wenn ich abends mit meiner Band auf Tour bin, sage ich vorab schon mal ein paar Sätze. Schließlich wurde mir vorgeworfen, warum ich überhaupt auf Tour gehen kann und noch solche Texte „Wie die USA im Krieg, so fühle ich mich“ oder „Maschine brennt, wir steigen aus. Maschine brennt, wir müssen raus“ noch ablassen kann. Aber genau das passiert doch jetzt. Ich sage dann, dass ich diesen ganz Scheiß doch vorgeschrieben habe. Dass er jetzt so aktuell ist, dafür kann ich doch auch nichts. Bin ich halt so eine Art Nostradamus. Ich habe anfangs natürlich überlegt, ob ich das mache. Aber es muss doch erlaubt sein, sein Maul aufzumachen.

Was ging in Ihnen vor, als Sie die Bilder der Katastrophe sahen?

Es vergeht keine Nacht, in denen ich nicht diese Bilder im Kopf habe. Kopfzerbrechen machen mir auch die wahnsinnigen Rancher in Texas. Die Typen da unten gehen ja wirklich los, laden ihre Munitionsdepots auf und ziehen sich ihre Tarnanzüge an. Das ist doch vollkommen Gaga. Realität und Fiktion sind irgendwie verschoben, gerade wenn man an Hollywoodfilme denkt. Als ich die Bilder gesehen habe, fragte ich mich, ob die im Photoshop gemacht worden sind. Man könnte wahnsinnig werden, weil man diese Realität nur schwer begreifen kann.

Das Gespräch führte Markus Tschiedert

Quelle: @kue
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Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr