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Interview Autor Georg Klein: Scham und Lust und Deutsche Einheit

11.10.2002 ·  Mit seinem neuen Erzählband will er bittersüße und riskante Erfahrungen des Deutschseins vermitteln, sagt der Autor Georg Klein im Gespräch mit FAZ.NET.

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Seinen gerade erschienenen Erzählungsband hat der Schriftsteller Georg Klein „Von den Deutschen“ genannt. Das Umschlagbild des Buches ziert der Ausschnitt aus einem Bild Caspar David Friedrichs. Das sieht nach einem ernsten Buch aus zu einem ernsten Thema. Allerdings gilt der Autor, mit seinen beiden Roman „Libidissi“ und „Barbar Rosa“ zur wichtigen Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur geworden, als hintersinniger Erzähler mit einem Hang zur Ironie. Was also hat es auf sich mit „Von den Deutschen“? Mit FAZ.NET sprach Georg Klein auf der Frankfurter Buchmesse über Deutschsein und „Nazionalcharakter“, über Schreiben von selbst und den Unterschied zwischen Literatur und Schnaps.

Sie haben Ihren neuen Prosaband „Von den Deutschen“ genannt. Das klingt schon fast wie ein Programm. Haben Sie ein programmatisches Buch geschrieben?

Nein. Ich glaube, Programm und Literatur, das geht ganz schlecht zusammen. Es wäre ein Fehler, einen Erzählraum programmatisch zu gestalten.

Ihre Texte funktionieren nicht im Sinne von Kurzgeschichten, sondern sind eher eine Art Doppelporträt. Sie führen Ihre Figuren in Situationen, um sie zu porträtieren, wie sie sich ineinander spiegeln.

Pointen, die eine Geschichte vernichten, interessieren mich überhaupt nicht. Das, was man „Witz“ oder „situative Zuspitzung“ nennen könnte, muss eigentlich in einem einzigen Satz möglich sein. Ein Satz muss bereits so witzig sein können, wie die Pointe einer schlechten Kurzgeschichte das in der Regel nicht schafft.

Sie haben Ihr Buch „Von den Deutschen“ genannt, und dieser Titel birgt eine gehörige Portion Pathos. Sie haben die einzelnen Abschnitte des Buches „Riesen“, „Recken“ und „Wichte“ genannt, und in dieser Namenswahl liegt wiederum eine Portion Ironie. Ist Ironie der Königsweg, sich einem so großen Thema zu nähern?

Ironie ist eine Droge, die man ganz vorsichtig dosieren muss. Zuviel Ironie, das ist so ähnlich wie zuviel schlechter Kaffee. Es gibt so eine Allerweltsironie, die alles völlig durchsuppt. Eine Ironie, die noch Kraft hat, die noch als Ironie wirkt, braucht wie ein Trampolin als Abstoßboden eine Ernsthaftigkeit, eine ernste Gestimmtheit. Ich bin sehr für das Wort „Pathos“ im Sinne einer starken Gestimmtheit. Und wenn dann die Ironie darauf hüpft, merkt man schon, ob es hohl klingt oder ob das Pathos standhält.

Im Ernst: Gibt es grundsätzlich etwas über die Deutschen, was Sie in dem Buch sagen wollen?

Ich glaube wirklich, dass Deutschsein so etwas wie eine Erfahrung ist, aber eine, die man nur in einem bestimmten Erfahrungsraum machen kann. Ich vermute, Sie fühlen sich nicht besonders deutsch, wenn Sie morgens im Bett aufwachen oder wenn Sie in der U-Bahn fahren und gerade nicht genau wissen, ist das jetzt London, Berlin, Wien oder Paris. Es müssen schon besondere Räume sein, die diese Erfahrung erzeugen. Und eigentlich ist jede dieser zwölf Erzählungen so etwas wie eine Versuchsanordnung, um die Erfahrung des Deutschseins zu ermöglichen - auf süße, auf eher bittersüße und manchmal auch auf riskante Art.

Wie entsteht Ihre Prosa?

Ich warte einfach, bis sich für eine Erzählung ein gewisser innerer Druck aufgebaut hat. Das kann unter Umständen ganz schnell gehen. Bei der Erzählung „Von den Deutschen“ war es der Anruf eines Zeitungsredakteurs. Der fragte mich, ob ich etwas zum Tag der Deutschen Einheit schreiben könnte, und dann holt er kurz Luft und sagt: „Etwas Schönes“. Ich habe gedacht, ich habe mich verhört: „Zum Tag der Deutschen Einheit etwas Schönes? Meinen Sie das ernst?“ Und er sagt, leicht verschämt: „Ja.“ Und aus dieser Scham, andererseits auch aus dieser Lust, etwas Schönes zum Tag der Deutschen Einheit zu schreiben, ist dann ganz schnell diese Erzählung entstanden, an drei, vier Vormittagen.

Wie war es bei „Old Erfurt“? Eine deutschstämmige Amerikanerin kommt nach Erfurt, um dort für ihre Hotelkette eine Immobilie zu begutachten, die sie vielleicht kaufen wird. Sie hat einen deutschen Vater, der unter anderen Umständen nach Amerika gekommen ist, als sie weiß, nämlich mit dem U-Boot bei einem Angriffsversuch im Weltkrieg. Sie trifft in Erfurt einen Westdeutschen, der dieses alte Haus geerbt hat und diesen Besitz jetzt nicht bewältigen kann.

Ich wollte eigentlich schon immer mal etwas über U-Boote schreiben, aber das reicht natürlich noch nicht. Und dann kamen ein paar Dinge zusammen: Jemand hat mir eine Kindheitserinnerung erzählt, in der eine kleine Wortgruppe sehr wichtig ist, die dann in der Erzählung an wichtiger Stelle auftaucht. Und dann haben meiner Frau und mir Freunde, die in Erfurt waren, ganz begeistert von dieser Stadt erzählt. Dann ergab sich durch einen Zufall die Möglichkeit, ein paar Tage in Erfurt zu sein. Das war unmittelbar vor der Buchmesse letztes Jahr, und auf der Buchmesse stand ich dann schon stark unter Strom. Ich habe gemerkt, ich schreibe schon, ohne dass ich es will, es funkt mir immer so in den Kopf hinein.

Es gibt ein Unterthema in ihrem Buch, nämlich die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Welchen Eindruck haben Sie von diesem Verhältnis, das ja in einem anderen Zusammenhang zur Zeit stark diskutiert wird?

Um es ganz plakativ zu sagen: Die Amis sind das Andere. Das geht weit über die aktuellen Hakeleien hinaus. Ich weiß das schon lange, sicher schon, seit ich bewusst hören kann. Ich bin in Bayrisch-Schwaben aufgewachsen, in Augsburg, und wenn meiner Mutter der Bayrische Rundfunk oder der Süddeutsche Rundfunk auf die Nerven ging, rief sie immer verzweifelt: „Georg, dreh auf AFN rüber“ - das war der amerikanische Soldatensender, das waren die Amis. Und dann waren wir im Anderen angekommen, sprachlich wie großkulturell.

Wenn man sich auf das Eigene besinnt, ist es unglaublich hilfreich, wenn man die Imagination eines Anderen hat. Das darf man jetzt natürlich nicht mit einer so genannten Ersten Wirklichkeit verwechseln, sondern man muss sich schon auf das beziehen, was man erfahren hat, als Text, als Sprache oder als Kultur. Und so operieren dann auch die Erzählungen, wenn sie die Amis, sage ich ganz salopp, ins deutsche Auge fassen.

Sie haben dem Buch das Motto „Nazionalcharakter ist Manier“ vorangestellt. Was hat es damit auf sich?

Ich habe das bei Jean Paul gefunden, abends im Bett beim erschöpften letzten Lesen. Ich bin in diesen Satz richtig abgestürzt wie in einen schwarzen Schacht. Ich habe nichts verstanden und war doch für einen Augenblick beglückt. Beglückt auch darüber, dass man das Eigene mit drei Fremdwörtern fasst, nämlich mit „Nazion“, „Charakter“ und „Manier“.

Sie wirken immer noch beglückt darüber. Wie haben Sie es inzwischen verstanden?

Das ist ja das Tolle an dem Satz: Dass man ihn nicht totdeuten kann. Und wenn das in einem einzigen Satz schon möglich ist, dann gilt das umso mehr für eine Erzählung von fünf oder acht Seiten. Ich bin schon stolz darauf, dass sich meine Geschichten nicht in einem einzigen Sinn auflösen wie in Salzsäure. Dennoch wehre ich mich ganz entschieden dagegen, dass sie keinen Sinn hätten. Nur: Der Sinn wird beim Lesen gemacht. Darauf beharre ich ganz entschieden. Sinn kann man nicht aus Literatur extrahieren, so wie man einen Kräutersud aufkocht oder wie man Schnaps brennt. So kriegt man den Sinn nicht aus Literatur raus, den kriegt man überhaupt nicht heraus, den bekommt man von der eigenen Imagination geschenkt.

Das Gespräch führte Fridtjof Küchemann

Quelle: @kue
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