01.07.2001 · Audrey Tautou ist mit dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ in Frankreich berühmt geworden. FAZ.NET sprach mit ihr vor dem Start in Deutschland.
In Frankreich wurde die 23-jährige Audrey Tautou über Nacht zum Star. Der Grund: Ihr magischer Auftritt in Jean-Pierre Jeunets poetischem Großstadt-Märchen “Die fabelhafte Welt der Amélie“, das ab 16. August in die Kinos kommt.
Als Eröffnungsfilm des Münchener Filmfestes hymnisch gefeiert, lag an diesem Wochenende die ganze Stadt der charismatischen Schauspielerin zu Füßen. FAZ.NET sprach mit Audrey Tautou über ihre Rolle, ihren plötzlichen Ruhm und ihre Lieblingsfilme.
Frau Tautou, als Amélie sind Sie sehr verspielt und machen viele poetisch-verrückte Sachen, wie Himbeeren auf die Fingerkuppen stecken und essen. Wann haben Sie so etwas zum letzten Mal gemacht?
Für ein Foto-Shooting des französischen Filmmagazins “Studio“. Privat habe ich mit Amélie nicht so viel gemeinsam. Mein Leben spielt sich sehr viel prosaischer ab. Ausserdem bin ich weder so rachsüchtig noch so risikofreudig wie sie. Aber halt, einen Spleen habe ich doch: Ich laufe gerne laut singend durch die Straßen von Paris, am liebsten mit einem Piaf-Chanson auf den Lippen.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie Amélie “komponiert“ haben. Können Sie das etwas näher beschreiben?
Ich wollte damit vor allem deutlich machen, dass Amélie eine Kunstfigur ist und dass man mich mit ihr im richtigen Leben - was mir zur Zeit häufiger passiert - nicht verwechseln sollte. Für mich war Amélie meine zweite Hauptrolle, und natürlich bin ich sie sehr konzentriert angegangen. Ich habe mir sehr enge Grenzen gesetzt, denn ich wollte sie auf keinen Fall undifferenziert spielen. Auf der anderen Seite habe ich dabei meiner Fantasie trotzdem viele Freiheiten gelassen, allerdings ohne für Amélie eine fiktive Biographie zu erfinden oder dergleichen Brimborium mehr. Und wenn ich nicht mehr weiter wusste, war da ja noch Jean-Pierre Jeunet.
Empfinden Sie sich vor der Kamera als ein Geschöpf des Regisseurs?
Viele Schauspieler empfinden sich als eine Art Gefäß des Regisseurs. Zum Beispiel wie ein Glas, in das er seinen Wein gießt. Ich empfinde das nicht so. Ich finde eher, dass der Regisseur mir eine Flasche Wein gibt, die ich dann langsam trinke - und er schaut mir beim Trinken zu.
Im Film spielt Paris - vor allem die Gegend um Montmartre - eine zentrale Rolle. Haben Sie ein Lieblingsarrondissement?
Ja, dort wo ich lebe. Es liegt im Nordosten von Paris, in der Nähe des Friedhofs Père Lachaise und ist überhaupt nicht touristisch oder glamourös, eher ein Arbeiterviertel. Solche angesagten Stadtviertel wie Montmartre oder Saint Germain-des-Prés sind nichts für mich. Ich habe es lieber eine Nummer kleiner.
Als Sie mit 18 aus einer französischen Kleinstadt nach Paris gekommen sind, haben Sie da den genius loci dieser Metropole gespürt?
Nein, nicht direkt. Ich hatte aber eine andere Art von Inspiration: Fast jedesmal wenn ich aus meinem kleinen Zimmer auf die Straße getreten bin, kamen mir wunderschöne, 1.80 Meter große, superschlanke Frauen entgegen. Ich war total fasziniert und eingeschüchtert zugleich. Und ich dachte: “Was für eine Stadt, in der es nur so fantastische Frauen gibt!“ Bis ich dann dahintergekommen bin, dass ich genau neben der Model-Agentur Elite wohnte (lacht).
Sie kamen ursprünglich nach Paris, um Literatur zu studieren...
...was ich allerdings bald aufgegeben habe. Sorry, Victor Hugo, Emile Zola, Oscar Wilde. Ich hatte das Glück durch Zufall ein zweijähriges Stipendium an einer Schauspielschule zu bekommen. Und von da bin ich dann über das Fernsehen beim Film gelandet. Das klingt jetzt so einfach, war es aber nicht. Ich hatte eben wahnsinnig viel Glück. Ich kenne viele junge Schauspieler, die viel besser sind als ich, aber immer noch weit davon entfernt sind, von ihrer Kunst leben zu können.
Mit “Glück“ meinen Sie wohl auch, dass Sie Jean-Pierre Jeunet auf dem Kinoplakat von “Schöne Venus“ entdeckte und Sie dann vom Fleck weg engagiert hat.
Zum Beispiel. Ist das nicht verrückt?
Als Amélie wurden Sie in Frankreich über Nacht zum Star. Wie verkraftet man das?
Zuerst habe ich es gar nicht realisiert, dann war es ein bisschen wie ein Schock, und jetzt komme ich ganz gut damit klar. Man darf sich selbst bloß nicht zu wichtig nehmen. Ich habe einfach weitergearbeitet und zwei ganz unterschiedliche Kinofilme gedreht. Und jetzt mache ich erst einmal Urlaub - und zwar in Nepal. Ich reise für mein Leben gern.
Sind Sie das erste Mal in Deutschland?
Nein, wir haben ja praktisch alle Innenaufnahmen des Films in Köln gedreht. (lacht) Jetzt sind Sie geschockt, nicht?
In der Tat. Es sieht alles so typisch französisch aus. Apropos: Gibt es eigentlich so etwas wie den typisch französischen Film?
Ich glaube schon, genauso wie es den typisch englischen, belgischen, deutschen oder italienischen Film gibt. Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht, was das genau ist. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man immer öfter vom europäischen Kino spricht. Aber dabei sollte man nicht vergessen, dass jede Nation ihre spezifischen Eigenheiten hat, die sich freilich auch auf künstlerischem Gebiet ausdrücken.
Finden Sie es richtig, dass sich Frankreich - per Quote - gegen den Kino-Kultur-Imperialismus von Hollywood zu schützen versucht?
Eigentlich bin ich dafür, dass wir alle frei wählen können sollten, was wir im Kino sehen wollen und was nicht. Wichtig dabei ist allerdings, dass wir die Wahl haben - und nicht, dass unsere Kinos komplett von amerikanischen Filmen zugeschüttet werden. Aber das ist - wie meistens im Leben - leider oft nur eine Frage des Geldes.
Welchen deutschen Film haben Sie denn zuletzt im Kino gesehen?
Den letzten, den ich wirklich gern gesehen hätte, ist “Lola rennt“.
Kennen Sie einen deutschen Regisseur?
(Wie aus der Pistole geschossen) Wim Wenders!
Was ist Ihr ganz persönlicher Lieblingsfilm?
Ich habe zwei: “Die Farbe Lila“ von Steven Spielberg und Luc Bessons “Niki-ta“.