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Interview Architekt Volkwin Marg: Viele neue Stadien sind „Hysterieschüsseln“

26.09.2001 ·  Viele neue Stadien sind architektonisch isolierte „Hysterieschüsseln“, kritisiert der Architekt Volkwin Marg im FAZ.NET-Gespräch.

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Volkwin Marg (68) aus Hamburg ist Partner eines der größten und renomiertesten deutschen Architekturbüros, GMP (Gerkan Marg Partner). Er ist ein Meister der großen Form und begeistert von der Gleichberechtigung zwischen Architektur und Ingenieurbaukunst. GMPs erstes Großprojekt war Anfang der 70er Jahre der Berliner Flughafen Tegel, in letzter Zeit entstanden und entstehen die Neue Messe Leipzig, der Lehrter Bahnhof in Berlin und viele neue Stadien.

Herr Marg, welche Stadien bauen Sie gerade um, neu, oder aus?

Das Berliner Olympiastadion mit etwa 75.000 Plätzen um und teilweise neu; in Cottbus eine neue Gegentribüne, das Frankfurter Waldstadion mit 45.000 Plätzen an Stelle des alten neu, und ebenso das gleich große Müngersdorfer Stadion in Köln.

Sie bauen, weil die Bundesrepublik die Fussball-WM 2006 ausrichten wird.

Alle vier Stadien - im Gegensatz zur Schalke-Arena - müssen bei laufenden Spielbetrieb gebaut werden, die Bundesliga darf nicht leiden. In Berlin heißt das, dass weiterhin eine Kapazität von mindestens 50.000 Zuschauern garantiert werden muss - als ob man die Küche baut, wenn die Frau darin gerade kocht und das ist natürlich nicht unbedingt eheverträglich. Trotzdem müssen wir uns sputen und etwa ein Jahr vor der Fußball WM 2006 fertig sein, wenn nicht sogar früher.

Wenn sie die 3.000-jährige Geschichte des Stadionbaus Revue passieren lassen - was ist für Sie der Ausgangspunkt Ihrer persönlichen Planungen, was Ideal und Vorbild?

Johann Wolfgang von Goethe hat auf seiner Italienreise das ruinöse Theater in Verona besucht und das Amphitheater-Erlebnis danach treffend so charakterisiert, dass es gleichzeitig das Bad des Einzelnen in der Menge und die Massensuggestion gibt. Seit den Griechen ist genau das immer wieder instrumentiert worden.

Seit etwa 50 Jahren gibt es allerdings eine ernst zu nehmende Konkurrenz durch die Medien, und es kommt zu absurden Situationen, dass die Besucher in den Stadionlogen auf die aufgestellten Bildschirme schauen und fröhlich konsumieren, während in ihrem Rücken das Spiel live läuft. Hat sich deswegen im Kopf des Stadionbauers etwas geändert?

Nein. Der Mensch bleibt der alte Affe, der er immer war, der kulturelle Firnis ist sehr dünn. Die MassenInszenierung ist nicht als Surrogat-Inszenierung möglich. Sie geht nur im O-Ton. Die Renaissance des Stadionbaus, vor allem für das inszenierte kommerzielle Spektakel, beispielsweise Fußball, hat das Ziel, eine inszenierte Massenhysterie kommerziell abzuschöpfen. Und das kulminiert zur Zeit in Europa und wegen der WM 2006 auch in Deutschland.

Also doch eine Veränderung, wie setzt der Architekt Marg das jetzt baulich um? Oder setzt er sich vom allgemeinen Trend ab?

Heute wird das Interesse nur noch auf das Stadion, den Solitär als eine Hysterieschüssel, fokussiert. Ich versuche dagegen zu halten, denn ich sehe das Stadion als Teil des Ganzen. Ein Stadion wie in Berlin ist nicht nur Solitär, sondern Bestandteil der großen stadtlandschaftlichen Inszenierung „Reichssportfeld“. Auch das Frankfurter Waldstadion ist Teil des gesamten Stadtwald.

Was bedeutet das?

Berlin hat ein Stadion, das sich zur Landschaft öffnet. Von den Tribünen aus sehen wir zum Glockenturm und dem Maifeld. Wäre man nur einer optimierten Ausnutzung und funktionalen Aspekten gefolgt, hätte man das Stadion mit einer Ringkonstruktion für das Dach schließen müssen. Ich habe mich als einziger Wettbewerbsteilnehmer damals verweigert und gewonnen.

Sie haben damit auch nach außen die alte Tribünenfassade erhalten und eben nicht das Stadion, wie von vielen erwartet, unter einer modernistischen Käseglocke versteckt. Und Sie berücksichtigen weiterhin die Belange der Leichtathleten.

Der Berliner Senat will das kombinierte Stadion erhalten, den Münchnern wird diese Synthese nicht gelingen.

Und wie sieht es in den anderen Städten wie Frankfurt und Köln aus?

Keine Leichtathletik mehr. Leider. Für die WM '74 ist das Waldstadion bereits zum reinen Fußballstadion geworden. Das bleibt leider so. Aber jetzt wird das Waldstadion das erste Großstadion sein, das als textiles Vollkabriolet bei Nichtfußball-Veranstaltungen geschlossen und offen bei Fußballspielen sein wird - mit einem Membrandach und einer Seilringkonstruktion. Geschlossen und geöffnet wird nach dem Knirpsprinzip. Müngersdorf wird ein reinrassiges Fußballstadion, ohne Kurven, die Tribünen schließen direkt ans Spielfeld an, es wird kein Zentimeter verschenkt.

Durch Verzicht auf die Laufbahn und die gleichzeitige Vollüberdachung der sehr steilen Tribünen entsteht wie in den Arenen in Amsterdam oder Hamburg ein riesiges Problem: der Rasen gedeiht nicht.

Besonders im Winter klappt das bei tiefstehender Sonne nicht. Man kann einen Rasen beheizen, bewässern und belüften, aber nicht künstlich besonnen. Entweder muss man wie „Auf Schalke“ den Rasen ganz herausfahren, den Rasen palettenweise wechseln oder drittens das Stadiondach transluszent decken. Genau das machen wir in Köln und Frankfurt mit einem Sonnenlicht durchlässigen Makrolondach.

Welches ist Ihr Lieblingsstadion?

Mit Abstand das Münchner Olympiastadion, weil diese Art der Masseninszenierung den Zuschauern ihre Freiheit garantiert und sie nicht zur Hysterie verleitet. Hier hat das Individuum einen inszenierten Freiraum, und die Einheit von Ensemble und Einzelbau wird respektiert. Das ist einmalig!

Das Gespräch führt Dirk Meyhöfer.

Quelle: @myhö
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