06.05.2003 · Die Plünderungen der irakischen Kulturschätze seien das Werk organisierter „Verbrecherbanden“, so der amerikanische Justizminister John Ashcroft auf einer Tagung in Lyon. Experten von Interpol widersprechen dem Minister.
Die Plünderungen weltberühmter Kulturgüter in irakischen Museen sind nach Einschätzung des amerikanischen Justizministers John Ashcroft das Werk von „Verbrecherbanden“.
Die Täter würden der Justiz nicht entkommen, selbst wenn sie es geschafft hätten, Kunstwerke außer Landes zu bringen, versicherte Ashcroft am Dienstag bei einer internationalen Konferenz am Sitz von Interpol in Lyon. Plünderungen und Raub seien von „organisierten Verbrecherbanden“ verübt worden und nicht das Werk einzelner Täter, betonte der Minister. Interpol-Experten haben nach eigenen Angaben allerdings bislang keine eindeutigen Beweise dafür, daß internationale Hehler hinter den Plünderungen stehen. Die meisten geraubten Kulturgüter befänden sich vermutlich noch im Lande.
Ashcroft hat den den Fahndern uneingeschränkte Unterstützung bei der Suche nach den verschwundenen Kulturgütern zugesagt. „Es ist unser Ziel, dem irakischen Volk Teile seiner Vergangenheit zurückzugeben“, versicherte der amerikanische Justizminister. Ashcroft würdigte den Irak als „Wiege der Zivilisationen“. Eine ganze Generation von Irakern habe Wahrheit und Schönheit nicht gekannt; ein Sinn dafür könnte ihnen durch die Kunstschätze übermittelt werden.
„Gewöhnliche Leute“
Interpol-Experten widersprachen den Angaben des amerikanischen Ministers, Plünderungen und Raub seien nicht das Werk einzelner Täter. „In den meisten Fällen“ seien die geraubten Gegenstände „in den Händen gewöhnlicher Leute, die über keinerlei Verkaufs-Netzwerk verfügen“, sagte Interpol-Spezialagent Jean-Pierre Jouanny. Nun müsse an die Bevölkerung appelliert werden, damit die Räuber die Kunstschätze zurückgäben. Die Unesco wählte nach Angaben ihres Mitarbeiters Guido Garducci bereits Mitglieder einer Expertengruppe für eine Irak-Mission aus. Sie sollten nach Absprache mit den amerikanischen Behörden im Irak vermutlich „in den kommenden Tagen“ starten.
Bei der zweitägigen Interpol-Konferenz vereinbarten rund 70 Fachleute von Interpol, Unesco und Internationalem Museumsrat (Icom), die Interpol-Datenbank gestohlener Kulturgüter bedeutend zu erweitern. Die Experten bemühen sich derzeit, für Polizei, Zoll und den internationalen Kunsthandel möglichst viele Informationen über die Kulturschätze zusammenzutragen. „Bislang arbeiten wir noch auf der Grundlage von Gerüchten und Einzelberichten“, sagte Interpol-Generalsekretär Ronald Noble.
Nach dem ersten Golfkrieg sei es der internationalen Polizeiorganisation lediglich gelungen, ein einziges verschwundenes Stück in ihre Datenbank aufzunehmen. Die Unesco will möglichst rasch eine Expertenkommission in den Irak senden. „Aber erst muß die Stabilität wiederhergestellt werden“, unterstrich Jean-Pierre Jouanny von Interpol. Grundlage der gewaltigen Aufgabe sind deshalb zunächst die Bestandskataloge der geplünderten Stätten. Während die Inventarliste des Nationalmuseums in Bagdad weitgehend erhalten ist, wissen die Fachleute noch nichts oder wenig über die Kataloge in den Museen außerhalb der Hauptstadt und der zahlreichen archäologischen Stätten des ehemaligen Mesopotamiens.
Wo sind die Stücke aus den Depots?
Aber auch in den westlichen Museen gibt es Listen, Beschreibungen und Fotografien. Nach Informationen eines Mitarbeiters des Britischen Museums in London fehlen im Nationalmuseum von Bagdad 30 bis 40 Antiquitäten. Doch wisse niemand, was mit den 100.000 bis 200.000 Stücken in den Depots und den Antiquitäten geschehen sei, die vor dem Krieg aus Sicherheitsgründen ausgelagert worden seien, sagte John Edwards Curtis nach Rückkehr von einer Irak-Reise am Montag in London.
Im Irak haben die alliierten Truppen über das Radio Belohnungen für alle ausgelobt, die gestohlene Kulturgüter zurückbringen. Auch das FBI ist in die Suche nach den geplünderten Antiquitäten eingeschaltet.
Die Plünderungen kurz nach dem Einmarsch der alliierten Truppen in Bagdad hatten weltweit Entsetzen ausgelöst. Die amerikanischen Streitkräfte mußten sich schwere Vorwürfe anhören, weil sie das Nationalmuseum anders als etwa das Ölmininisterium nicht gut geschützt hatten.
Treffen der Kulturminister
Die Kulturminister der Europäischen Union riefen ebenfalls am Dienstag in Brüssel zum wirkungsvollen Schutz der Kunstschätze auf und verlangten die Rückgabe gestohlener Objekte. Interpol solle bei der Fahndung helfen, sagte der Ratsvorsitzende und griechische Ressortchef Evangelos Venizelos.
In Brüssel appellierte die deutsche Kulturstaatsministerin Christina Weiss nach der Ratssitzung an Kunsthändler und Museumsdirektoren, die Fahnder beim Aufspüren gestohlener Kulturgüter aus dem Irak zu unterstützen. „Im Zweifelsfall erkennen sie die Kunstschätze früher als die Polizei“, sagte Weiss. Viele Gegenstände, die gegen Ende des Krieges aus geplünderten Museen und Büchereien verschwunden seien, würden früher oder später wohl auf dem internationalen Kunstmarkt angeboten. Dann müsse das Beutegut als geraubt erkannt werden: „Das ist die einzige Chance, daß es wieder zurückgegeben werden kann.“
Sanktionen beibehalten
Großbritannien versicherte dem Ministerrat, das Thema mit dem Bündnispartner Amerika und den Vereinten Nationen anzusprechen. „Wir wissen um die Sorgen der archäologischen Fachwelt über den jüngsten amerikanischen Vorschlag an die UN, die Sanktionen gegen den Irak aufzuheben“, hieß es in einer britischen Erklärung. Man wolle prüfen, wie diese Schutzmaßnahme für die absehbare Zukunft aufrechterhalten werden könne. Derzeit versuchen die Briten nach eigenen Angaben, das Ausmaß des kulturellen und archäologischen Schadens festzustellen. Man arbeite hart an Maßnahmen gegen weitere Plünderungen.
In seiner Resolution spricht der Ministerrat von seiner „tiefsten Sorge über die tragische Zerstörung kultureller Güter, archäologischer Stätten und Monumente von unersetzbarem historischem Wert im Irak“ sowie über Vandalismus und Plünderungen in Museen und Bibliotheken. Für die EU als eine Gemeinschaft kultureller Werte sei der Respekt und der Schutz des kulturellen Welterbes ein grundlegendes Prinzip, so die Minister.